Ghandis gesammelte Werke umfassen 80 Bände. Und man glaubt Dieter Rothermund, dass er die Herkulesarbeit auf sich genommen hat, diese Annalen durchzuarbeiten und in seinem Buch dem Leser konzentriert zu präsentieren. Das streng chronologische Werk gibt Gandhis politisches Leben auf gut 500 Seiten akribisch wieder. Seine Jugend, die Zeit in Südafrika, sein politischer Aufstieg im Kongress, seine Zeit als politisch einflussreicher Übervater bis zu seiner Ermordung. Alle wichtigen Ereignisse werden beschrieben, alle Gefolgsleute und politischen Gegner benannt. Gandhis über 30-jähriges Ringen um die Unabhängigkeit Indiens, die vielfältigen Widerstände der britischen Kolonialmacht, der national-religiöse Konflikt zwischen den indischen Moslems und den Hindus, sein Kampf für die Landbevölkerung und die Unberührbaren werden Schritt für Schritt aufgerollt. Rothermund legt ein spannendes Buch vor, bei dessen Lektüre man sich nach jedem der angenehm kurzen Kapitel neugierig fragt, was wohl der nächste Schachzug der vielen Akteure sein wird.
Daß Rothermunds Biographie sich stark auf die politischen Fakten konzentriert ist ihre Stärke und gleichzeitig ihre Schwäche. Sie erscheint wie die Tagesschau im Vergleich zu den Tagesthemen: in der ersteren erfährt man die Fakten, in den zweiten die Hintergründe. Was die Akteure - allen voran Gandhi - fühlen, was sie antreibt, welche taktischen Erwägungen ihr Handeln bestimmen, kommt leider für meinen Geschmack zu kurz. So bleiben die Personen trotz aller Details blass und blutleer. Dabei zeigt Rothermund in den letzten ' leider kurzen ' beiden Kapiteln des Buches, dass er sich sehr wohl mit der Ethik und der Gedankenwelt Gandhis auseinandergesetzt hat und es souverän versteht, Ghandis politisches Handeln mit seiner Gesinnung in Verbindung zu bringen. Dieser Brückenschlag kommt leider im Großteil des Buches zu kurz.
Eine weitere, wenn auch verzeihliche Schwäche des Buches ist, dass Rothermund kaum einen Bezug herstellt zwischen dem Handeln Gandhis und der uns Westlern eher fremden Gesellschaft Indiens. So beschreibt er z.B., dass Gandhi sich selbst auferlegte, einen Tag in der Woche zu schweigen. Trotzdem empfing er politische Gäste und kommunizierte mit ihnen per Papiernotizen. Man stelle sich das einmal in Deutschland bei Frau Merkel vor. Ähnlich unerklärlich mag uns scheinen, dass Gandhi am Höhepunkt seiner politischen Macht keine Ämter inne hatte, also nur als Berater und 'Guru' wirkte. Wer Indien kennt, kann das vielleicht einordnen, andere tun sich vermutlich schwer.
Zusammenfassend kann ich die Lektüre von Rothermunds Buch auf jeden Fall empfehlen. Die Fülle an Fakten begeistert und gibt ein umfassendes Bild der Entwicklung Indiens unter Gandhi. Dabei sollte man aber keine besonders tiefen Einblicke in den Menschen Gandhi, seine Gefühls- und Gedankenwelt erwarten.