Das Mah Jongg-Orakel, wie alt und authentisch es in Wirklichkeit sein mag, gehört zu den aufregendsten und schönsten Wahrsagespielen, die mir bisher untergekommen sind. Ich kenne auch keine anderen Bücher dazu.
Die zarten Bilder des Kartendecks (man kann natürlich auch sie sinnlicheren Steine eines handelsüblichen Mah-Jongg-Spiels nehmen) sprechen mich sehr unmittelbar an, auch wenn man sich die eigentliche, oft fremdartige und nicht sehr logische Symbolik (die Kröte z.B. bedeutet Heilung, weil sie in China im Mond sitzt, wo der Hase das Elixier des Lebens hütet) erst mit dem zugehörigen Buch erarbeiten muss, auch wird die Kartendeckstruktur (Kreise, Bambus, Schriftzeichen, Drachen/Farben, Winde, Blumen, Jahreszeiten/Berufe) AnfängerInnen etwas verwirren.
Dieses Büchlein ist leider in einem sehr viel unpraktischeren (Kleinst-)Format als das in der mir auch bekannten deutschen Ausgabe, dick und mühsam zu blättern und offenzuhalten. Die Beschreibungen der schmalen und kleinen Karten sind aber trotz einer gewissen Unübersichtlichkeit (ich habe mir die wichtigsten Dinge zusätzlich herausgeschrieben, um damit überhaupt zurande zu kommen) - Karten können in verschiedenen Positionen, Zusammenhängen und Fragestellungen ganz unterschiedliche Aspekte in den Vordergrund stellen - sehr gut. Die Prognosen haben teilweise Züge der klassischen Wahrsagerei, sind aber sehr eigenverantwortungs- und lösungsorientiert, wie man es vom Tarot mit seiner ausgeprägteren Psychologie kennt. Die Grundstimmung ist insgesamt sehr positiv, die meisten Karten haben gute und schlechte Nuancen, nur wenige (Norden, Feuer) verkünden tatsächlich Unerfreuliches, die Mehrzahl verpricht Glück nach harter Arbeit und geschickter Anpassung, wie man es auch vom I Ching kennt.
Es gibt ein einziges, sehr vielfältig anwendbares Legesystem, das man vielleicht mit dem ebenfalls angegeben "Paläste"-System kombinieren könnte. Fragen kann man nach Beziehungen, Gesundheit, Beruf, Reisen, Investitionen usw., in der Regel mit einem Horizont von einem Jahr. Spirituelle Themen sind eher im Hintergrund (der weiße "Drache", der Himmel sind die einzigen karten mit entsprechender Thematik).
Die einzelnen etwas über das Buch verstreuten Bausteine setzen sich in der Interpretation dann meist wie von selbst sehr logisch und stringent zusammen, 12 Beispiele für das eine im Ritual etwas umständliche, aber das gehörtzur Mah-Jongg-Kultur dazu, Legesystem sind mehr als ausreichend.
Sehr lobenswert ist auch, dass abschließend auch die etwas vereinfachten Grundregeln des eigentlichen und bei uns viel zu wenig bekannten Mah-Jongg-Spieles (2- idealerweise 4 Spieler) angegeben sind (man vergleicht es manchmal mit Domino, aber das ist ganz unpassend, es ähnelt eher einem besonders raffinierten Canasta oder Rommé; mit dem öden Paare-Entfernen-Patience-Spiel gleichen Namens hat es schon gar nichts zu tun). Die eigentlichen Spielsteine sind recht klein in der rechten oberen Ecke der Karten abgebildet; praktischer wäre gewesen, in der linken Ecke, wie übliche Kartenspiel-Indizes. Auch lenken beim Spielen die wahrsagerischen Illustrationen und die Zusatznummerierung schon etwas ab. So kann man das Deck zum Kartenspiel nur bedingt empfehlen, wie man etwa mit einem Waite-Tarot nur etwas mühsam das klassische Tarockspiel praktizieren kann. Aber da Mah Jongg-Sets selbst mit Plastiksteinen oft das bis zu Vierfache kosten, Mah Jongg-Karten im deutschen Sprachraum nur mühsam, oft antiquarisch zu erwerben sind, ist auch das als wirklich billiger Einstieg in dieses wunderbare Kartenspiel oder reisetaugliche Alternative eine Option.
Die würfelförmige, robuste Schachtel, die Karten und Buch enthält, ist nett, fast ein Blickfang, aber zur Aufbewahrung auch nicht ganz optimal durchdacht.