Ich habe heute etwa 5 Stunden am Stück diese Scheibe gehört. Weil ich so unsicher war, was sie bieten würde, habe ich mich einfach dazu durchgerungen und währenddem bin ich einigermaßen Fan von ihr geworden.
Was hier zuallererst hingehört, ist die Diskrepanz zwischen Vorhören à la Amazon und dem echten Hören über Anlage. Ich habe es zwar auch schon vorab mit Alles Auf Einmal über Youtube versucht, aber ich muss sagen, dass es viel besser rüberkommt, wenn die Stücke in breiter Form auf einen treffen. Denn es hat sich auf die andere Weise ein großes Vorurteil bei mir eingeschlichen, das just in dem Moment verschwand, als die Platte endlich lief. Besonders hervorheben will ich die Stimmung, die ich hierbei empfunden habe. Sie war derjenigen gleich, die ich bei Selig-Stücken bei mir ansonsten auch beobachten kann. Und gleich als nächstes: die Texte. Ich bin zwar nicht so ein Textzuhörer, aber um was es bei Musik geht, ist doch das Gefühl, und dies ist auch nur unweit anders, wenn es sich um deutschsprachige Musik handelt - zumindest bei mir. Insofern, Selig-Texte, Texte von Plewka, erschaffen eine ganz besondere Stimmung und die ist mit der Neuen kaum einen Deut anders. Ich bin also, was Texte angeht, im Eigentlichen nicht besonders anspruchsvoll, kann vielleicht auch nicht besonders gut unterscheiden, was sich in Bezug auf sie mittlerweile so verändert hat, aber das Gefühl beim Hören ist zumindest dasselbe geblieben. Und das ist die große Überraschung. Und spricht meines Erachtens deutlich für Magma.
Wo ich zuerst noch vermutete, dass es sich hier um eine womöglich banale Deutsch-Pop-Musik handeln würde, komme ich jetzt zu dem Schluss, dass sich Magma mit den beiden Vorgängern in Punkto typischer Selig-Catchyness durchaus messen kann. Die Lieder sind für meinen Geschmack allesamt gut komponiert. Da ist kein Hänger. Aber darum geht es ja eigentlich auch gar nicht. Geht es nicht in erster Linie um die Frage, "ist das hier nur noch durchschnittlich, ist es banale Radiokost?" Ich denke, Selig haben hier nicht aufs Radio geschielt. Sie haben einfach Bock, eingängige Songs zu schreiben, oder besser gesagt, sie können gar nicht anders als derartige Songs zu schreiben. Die Zeiten, wo alles Qual ist und diese vertont gehört, sind allem Anschein nach inzwischen für die Band passé. Die Mannen um Plewka haben einfach Lust auf Musik und machen was sie können. Und sie machen es gut, wie ich finde. Unverändert gut. Das heisst, verglichen mit den beiden Vorgängeralben ist kaum, ja eigentlich gar keine signifikante Einbuße in Bezug auf Drive und Spielwitz auszumachen. Jedenfalls nicht für mich. Die Songs kommen allesamt auf den Punkt. Diesen Eindruck habe ich gewonnen, und es kann für meine Begriffe eigentlich nur daran liegen, dass sie in der Tat einfach gut sind. So ertappe ich mich, dass ich einige Ohrwürmer aus der heutigen Session mitgenommen habe. Das muss erst mal geschafft werden.
Ich habe mich also diesem Task gestellt, habe die gemutmaßte Schleimigkeit dieser Lieder über mich ergehen lassen und bin ziemlich warm mit dem Ergebnis geworden. Mir ist währenddessen aber stets gegenwärtig geblieben, dass das hier Pop ist. Das Selig-Element ist zwar weithin sichtbar, aber nichtsdestotrotz ist das von einem höheren Approach aus betrachtet natürlich über weite Strecken flach. Doch manchmal bin ich ganz froh, derlei Erfahrungen zu machen, erkenne ich dabei doch an mir, dass ich in der Lage bin, meinen Anspruch manchmal einfach hinten anzustellen und zu geniessen, was ich höre, was mich im Resultat davor bewahrt, an solcherlei Erfahrungen gleich ganz vorbeizugehen. So gesehen mein Aufruf an jene Dogmatiker, die nun den Abschied nehmen und zu denen ich mich in aller Regel auch gern und schnell geselle: Euch entgehen tatsächlich einige schöne Lieder. Euch entgeht, das Selig noch zu Euch sprechen. Sie tun es unverändert.
Ich finde Magma legitim und muss nicht lange nachdenken, um dieses Einschätzung zu treffen - und das, obwohl ich gestern noch so voreingenommen war. Der Unterschied zu den vorherigen Scheiben kommt mir verschwindend gering vor, ich wiederhole es gern, aber ich breite ebensogern auch aus, was ich noch eben gestern empfunden habe und was ich nun so ganz und gar nicht mehr aufrechterhalten mag: Ich dachte an Ausverkauf. Aber mal im Ernst: was für ein schwerwiegender Vorwurf gegenüber einer Band von solch einzigartiger Reputation! Ja, ich bin erleichtert, dass ich ihn nicht mehr erhebe... Doch selbst wenn alles Hadern wirklich Grundlage bekommen hätte, ich hätte es den Fünfen nicht mal groß missgönnt. Aber zum Glück regiert hier eben keine falsche Beschaulichkeit, ist eben keine Anbiederung auszumachen. Es ist zwar glatter als sonst, hat aber trotzdem und unverkennbar immer noch Eier. Und last but not least, mir spuckt der Mainstream hier nicht, wie zu befürchten war, frontal ins Gesicht. Nichts dergleichen. All das auf Magma Dargebotene hält sich vorzüglich die Waage. Und von Schlager kann schon überhaupt nicht die Rede sein.
Kurz zu meiner Legende: die 90er waren bei mir Grunge, Punk, Hardcore, Metal, Prog, ein bisschen Folk und Indie, Pop (immer) und natürlich Techno. Deutsch? Fand neben Blumfelds Ich-Maschine und einigen wenigen anderen Projekten in diesem Dunstkreis nur noch im Gothic-Feld statt. Ergo: Selig sind nie meins gewesen. Mit ihrem Comeback begann ich das zu bereuen. Es hat mich zu 100 Prozent überzeugt. Der Follower hat mich dann nur noch irgendwie angesprochen. Ich bekam da so ein komisches Gefühl. Irgendetwas fehlte, nein, irgendwas war da zuviel und überdeckt auch hier, was ich an Und Endlich Unendlich noch so geschätzt habe. Das ist aber nun gebongt, siehe oben. Selig haben diesen Weg eingeschlagen. Man mag es bedauern. Ja, ich räume ein, es ist bedauerlich. Aber die Dinge liegen nun mal so. Richten will ich darüber nicht. Mein Kopf könnte nur allzu leicht von Erbärmlichkeit und Erschrecken faseln. Aber nach heute kann ich noch nicht mal mehr von Ernüchterung sprechen. Und darüber bin ich, der ich mich jedenfalls auch unter die Anhänger dieser Gruppe zähle, einigermaßen froh.
Ich nehme die Songs, anders als ich es hier eigentlich tun wollte, nicht auseinander. Manches finde ich ein wenig krumm, manches ist platt, aber in der Mehrzahl der Songs erkenne ich Qualitäten, und beglückwünsche die Band, dass sie diese Richtung geht. Verdammen - nicht mit mir. Nicht bei dieser Scheibe. Denn Songs können sie schreiben. Soviel steht fest. Und mir geben sie was. Und die Texte atmen Ironie. Die meisten gehen voll okay. Etliche berühren mich sogar. Der Weg, der hier eingeschritten wird, führt also mitnichten ins Unterholz. Selig geben sich zufrieden und das toleriere ich. Posing kann ich kaum erkennen. Versuche, sich mit einem anderen Stil oder mit anderen Stilelementen an neue Hörerschichten ranzumachen, fehlen vollkommen.
Das Ganze ist eine wohltuende Erfahrung gewesen. Gehe ich von meinem Grundbedürfnis aus, was Selig anbetrifft, will ich abschliessend sagen, dass die Existenz von Selig auf Magma voll und ganz herauszuhören ist. Sie könnten meines Erachtens zwar mehr, aber diese Messlatte will ich ihnen nicht vorhalten. Sie machen ihre Sache anständig. Von mir gibt's 4 Sterne.