An welchen Orten im Bodenseegebiet ist noch etwas überliefert von der religiösen Denkweise und den Praktiken unserer heidnischen Vorfahren? Dieser spannenden Frage geht der bekannte Schweizer Author Kurt Derungs in seinem Buch "Magischer Bodensee - Reisen zu mythischen Orten" nach und analysiert Landschaftsmerkmale, Ortsnamen, Geschichte und Brauchtum, Kirchen, Gemälde, Lieder und Mythen/Sagen der Gegend. Fündig wird er an über 30 Orten rund um den Bodensee (meist in Deutschland, einige Orte auch in der Schweiz und in Österreich).
Anfangs versetzt er den Leser mittels eines Zeitsprunges zurück in die Steinzeit, als sich die ersten Siedler in der Region niederließen. Sie stellten sich die Natur beseelt vor und verehrten sie an und in heiligen Bergen und Bäumen, Quellen, Gewässern, Steinen, Kultfelsen und -höhlen. Später in der Keltenzeit wurde dann beispielsweise die ursprüngliche Schöpferahnin/Naturgöttin als die drei Beten personifiziert, was heute noch am Ortsnamen Betenbrunn zu erkennen ist. Als die drei Nothelferinnen (Katharina, Margarete und Barbara) fand sie schließlich Eingang in das Christentum.
Den Übergang vom Heidentum zum Christentum schildert Derungs sehr drastisch anhand des Missionsbüchleins des heiligen Pirmin, der die Insel Reichenau von Schlangen gesäubert haben soll. Derungs glaubt hier weniger reale Tiere zu erkennen, sondern interpretiert die Schlange als Ortsgeist (= genius loci), den die Missionare verbannt hätten.
Ferner interpretiert er anhand von christlichen Überlieferungen und Ortssagen z. B. den Fußstein des heiligen Gallus in Arbon und die Hexensteine in Lindau als heidnische Kultsteine. Manchmal ist es auch ein Ahninnenstein wie in Heiden, "bei dem die Frauen rutschten um eine Kinderseele aufzunehmen" oder ein heiliger Baum (Marienlinde in Sulzberg) bzw. eine heilige Quelle, wie beim Wallfahrtsort Maria im Stein, deren Wasser heute noch von Ortsansässigen geholt und getrunken wird.
Und der Name Bodensee? Er lässt sich auf die lateinische Seebezeichnung "Lacus Bodamicus" zurückführen, der auf eine Pfalz Bodman zwischen Konstanz und Stockach hinweist. Wer jetzt noch tiefer gehen und wissen will, woher die Ortsbezeichnung Bodman stammt, wird bei Derungs allerdings nicht mehr fündig. Vielleicht Boot und Mann, wie es nahezuliegen scheint? Stimmt nicht! Bodman ist wahrscheinlich keltischen Ursprungs und bedeutet etwas ganz anderes: BOD-MAGOS = Bethen-Feld (siehe Inge Resch-Rauter: Unser keltisches Erbe - Flurnamen, Sagen, Märchen und Brauchtum als Brücken in die Vergangenheit, Seite 243). Und die Bethen? Derungs erläutert anschaulich bei der Beschreibung des Ortes Betenbrunn, um wen es sich dabei handelt.
Am Ende des Buches Magischer Bodensee finden sich noch einige Mythensagen, neun genau beschriebene Wanderungen zu den mythischen Orten, die Adressen von Tourismusbüros und ein Literaturverzeichnis.
Dieses Buch wurde wirklich gut recherchiert und bietet Tiefgang und Substanz zum Thema mythische Orte am Bodensee. Leider sind die Landkarte und das Literaturverzeichnis unübersichtlich gestaltet und das Thema Keltenschanzen (z. B. in der Nähe von Bondorf bei Bad Saulgau) und Hügelgräber (z. B. bedeutende Gräberfunde in der Flur "Bettelbühl"! nahe der keltischen Heuneburg bei Herbertingen) fehlt gänzlich. Also leider nur 4 Punkte, allerdings mit klarer Tendenz Richtung 5.