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Magische Blätter IV (edition suhrkamp)
 
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Magische Blätter IV (edition suhrkamp) [Taschenbuch]

Friederike Mayröcker

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

«Ach, die Sprache ist 1 Tumult»

Notizen beim Wiederlesen von Friederike Mayröcker

Von Michael Lentz

Mayröcker lesen. Mayröcker sehen. Mayröcker hören. Anstiftung zur Poesie. Gedichte, Prosa (darunter auch Reaktionen auf Musik und bildende Kunst), Briefe, Notizen, Fragmente, Theater («Arie auf tönernen Füszen», 1972), Zeichnungen, Hörspiele und – wunderbare Kinderbücher, wie z. B. «ZITTERGAUL»: «ES GIBT EIN VÖGLEIN // es gibt ein Vöglein / in meiner Schallplatte / das fliegt immer im Kreis / hell und ohne Stimme: vielleicht ist es eine / Lerche.»

Ihre Zeichnungen und Bildgedichte seien «Spontangedichte mit Bleistift oder Filzstift, Kritzeleien ohne jeglichen Formenreichtum», «unerhebliche Randbemerkungen» nach oder während der «Hauptarbeit», «etwas wie Ausruhen, Atemholen». Sie mag das so sehen. Zeichnungen wie «Empfindliche Träume» aus dem Jahr 1990 sind in ihrer Fragilität und Anrührung vor allem eins: ganz und gar bezaubernd.

Einprägungen: 1947, im Alter von 23 Jahren, schreibt Friederike Mayröcker ein Gedicht, das mich auch heute noch, fast zwanzig Jahre nach der ersten Lektüre (damals ohne ihre Stimme gehört zu haben), ganz für sie einnimmt und das ich zu meinen Lieblingsgedichten überhaupt zähle: «Wird welken wie Gras»: barockisierendes, durch refrainartige Wiederholungen betörendes Memento mori, das, beim Lesen, beim Anschauen, sofort ebenbürtig war den Sonetten Hofmann von Hofmannswaldaus. Vergänglichkeit aller Schönheit: «auch meine Hand und die Pupille / wird welken wie Gras · mein Fuss und mein Haar mein stillstes Wort / wird welken wie Gras · dein Mund dein Mund / wird welken wie Gras · dein Schauen in mich / wird welken wie Gras . meine Wange meine Wange und die kleine Blume / die du dort weisst wird welken wie Gras / wird welken wie Gras · dein Mund dein purpurfarbener Mund / wird welken wie Gras · aber die Nacht aber der Nebel aber die Fülle / wird welken wie Gras wird welken wie Gras.»

1986, «Winterglück», zum Beispiel. Bekam den Gedichtband während eines Lyrikseminars von einem Kommilitonen in die Hand gedrückt: «Kannste behalten, ist sicher was für dich.» Ich las «Winterglück» von vorne bis hinten durch – und verliess das Seminar. Das ist Poesie, war mir sofort klar. – Das Titelgedicht «Winterglück» mit seiner Evokation des schalltoten, leeren Raums, den man «Ich» nennt. Hier ist «Ich» tatsächlich ein Anderer, immer, nämlich die Differenz zwischen Hypothese und Realität. «Winterglück» zeigt, dass es ein einheitliches, eineindeutiges Bewusstsein gar nicht gibt, und das scheint mir zentral für Mayröckers Poetologie: «eine Erlösung eine Offenbarung jetzt diese / Stimme wieder zu hören Vogelstimme jetzt dieses / Gezwitscher, etwas wie Paradiese blühten / Auf ich vergösse die Tränen // aber die Stimme kommt nicht Vogelstimme nein dieses / Winterglück / ist mir nicht zugedacht jemand/ anderer an einem anderen Ort wird es wird dieses Gezwitscher / Vogelstimme Stimme empfangen an meinerstatt jetzt in dieser / Stunde Sekunde.»

Dann wieder wird in ihren (langen) Gedichten, aber auch in ihrer Prosa ein Sprachprozess in Gang gesetzt, der – in Analogie zum archaisch-mythischen «Sprachdenken» – als «Sprachrealismus» charakterisiert werden kann. Die im Akt der Lektüre evozierte Korrelativität von Wort (= Name) und Ding suggeriert die Erfahrung nicht-zeichenhafter Unmittelbarkeit einer Sprache der Dinge.

Lektüreerfahrungen: Mayröcker – ein Myzel. Ein selbsteigenes Geflecht aus Sprache, eine lange, über Buchgrenzen hinweg geführte Rede, eine selbstzentrierte, austreibende Zeichenwelt. «Wie alles, was man gerade denkt, einer Arbeit, an der man steht, (. . .) einverleibt werden muss. Sei es nun, dass darin ihre Intensität sich bekundet, sei es, dass die Gedanken von vornherein ein Telos auf diese Arbeit in sich tragen»: Walter Benjamins Anmerkung zu seinem «Passagen-Werk» könnte leitmotivisch über den Prosaarbeiten Mayröckers stehen. Intensitätsprosa und Intensitätspoesie. Eine täglich vorangetriebene Produktion.

ALLES VERMENGT SICH MIT ALLEM

Punkt 10 der kleinen poetologischen Notiz «Dada» (1975) lautet: «die Lust, die die Beschäftigung etwa mit Randomerlebnissen für den Autor bringt, ist für den Leser meist nicht nach-vollziehbar.» Und das muss sie auch gar nicht. Eine Art sprachlicher Bewusstseinsstrom dis-parater Fragmente, ein unablässiger poetischer Versuch der Vermittlung unterschiedlicher Bewusstseinstätigkeiten, «alles vermengt sich mit allem», und sie, Mayröcker, schreibt es auseinander. Man kann ihre Bücher kreuz und quer lesen, irgendwo einsteigen – und sofort mittendrin sein, Pars pro Toto – und irgendwo wieder aussteigen, mit Nachhaltigkeit.

Webstuhlartig schiessen die Mayröcker'schen Sprachfäden zusammen; partiell frei flottierende Sprachschiffchen («Denkflut»), höchste Klarheit und Selbstlauf der Bilder zugleich. Ihre Prosa ist eine beinahe vegetativ zu nennende Entäusserungsschleife, eine langsätzige «Melancholie» – auch der Wiederholung –, die sich nicht selbst beschreibt, die vielmehr Sprache ist und das Fluidum der so geordneten Dinge. Ihr auch poetologisch ausformuliertes Sprachdenken, «wie der Hase die Haken schlägt wenn er gejagt wird, so muss Literatur heute sein (. . .) Cut-up-Methode als Wimpernschläge», bedingt das permanente Switchen zwischen metaphorischer bzw. allegorischer Lesart und dem lesenden Wiedererkennen konkret erfahrener Realität. Ein Bild evozieren, um es konkret werden zu lassen, das Konkrete dann wieder auflösen: «alles multipliziert sich plötzlich vor meinem inneren Auge.»

Hier hat jemand sein Bewusstsein ausgeschrieben und entdeckt während des immer wieder als solches thematisierten Schreibens unterschiedliche Materie, unterschiedliche Aggregatzustände, so will es scheinen. Eine so instand gesetzte Sprache als Poesie versucht, die vorgefundenen und Bewusstseinsreflexe auslösenden Dinge aufzuräumen – auch wenn Ordnung nie gelingen kann. Mit der Sprache nicht über die Sprache hinauskommen, mit den Dingen nicht über die Dinge hinauskommen. Mayröckers Poesie weiss das, und wie sie das weiss, das ist Poesie, die gleichzeitig die Möglichkeit mitbedenkt, dass diese monadischen Bereiche von Sprache/Bewusstsein und Dingwelt ein gegenseitiges Durchdringen, eine Osmose ausschliessen. So generiert insbesondere ihre Prosa stets auch Bewusstseinsmodelle.

Mayröckers «brütt oder Die seufzenden Gärten» (1998) ist in diesem Sinne auch ein geradezu exemplarisches Bewusstseinsprotokoll des Begehrens – nach dem Anderen, dem Eigenen – und der Selbstversicherung. Schreiben liest sich in Mayröckers Übersetzung als Leben, und zwar mit allen psychophysischen Implikationen, Innenspannungen, Erregungszuständen, Abschlaffungen, traumverlorenen Gratwanderungen, Halluzinationen. «Die heissen Sprünge im Text», und das macht ihr keiner nach. «brütt», eine Poesie des Halbschlafes, des Aufwachens, der Unschärfe, die fortgeschrieben und unmerklich in eine geradezu manisch betriebene und ängstlich erwartete Trennschärfe der Wahrnehmung und des Reflektierens übergeht: Ablösungen von «Augenerfindungen», Menschen- und Landschaftstopographien, von ausströmender, poetisierter und potenzierter Erinnerungsarbeit, SprachszenArien, Spracheröffnungen («alles ist Sprachgeschichte», in deren Gewand eingehakt wird) – aber «ohne ANSCHAUUNG geht gar nichts», wie die bei Mayröcker schon zur Figur gewordene Schreibende in «brütt» und anderswo nicht müde wird zu betonen.

LEBENS- UND STERBEBREVIER

«brütt», ein Summationsbuch, ein Lebens- und Sterbebrevier, ein so filigranes, feinmotorisches wie weit ausgreifendes Abtasten der Innen- und Aussenwelt, deren Dichotomie unablässig in Frage gestellt wird. Der Oberflächenwahrnehmung Entzogenes, «diese kleinen, unscheinbaren Erscheinungen», steht gleichberechtigt neben dem alltäglichen, unumgänglichen Schutt (der Dinge, der Erinnerungen).

Die grosse Lebensaufgaben-Utopie, alles aufschreiben, alles eins zu eins protokollieren zu können, um dann, am Schluss des Buches, des Schreibens – das Buch als ausgelagertes Gedächtnis –, etwas schwarz auf weiss zu haben, in der (gleichwohl durchschauten) Illusion, erst jetzt gehöre es einem ganz; ein Grundriss, ein Lageplan. Mit dem Eigennamen geradezu «verklebt» ihre poetischen Selbstzerwürfnisse: «1 Selbstbetrug, dieses zu Ende gehende Schreiben, sage ich, 1 vergeblicher Versuch, sich selber vorzumachen, es gehe immer alles so weiter, letales Experiment, usw.» «Antwortlosigkeiten», wie es in «brütt» heisst, sind Programm.

Dieses myzelartige Ausfalten von Wahrnehmungen und Selbstwahrnehmungen, diese changierenden, schimmernden Ablösungen, dass man als Leser ganz verschwinden kann in einer Art meditativem Strom. Eine Kunst der Wortzusammenstellung, diese auch «verfluchte Poesie-Produktion», ein «Loslassen der Sprache auf freier Strecke», «1 schmerzliches Imaginationsvermögen» ist hier am Werk, das metamorphotisch auf einer Seite mehr verdichtet als so mancher in einem ganzen Buch, und dies «BESONDERS FAST WUNDERBAR».

Ein an den biochemischen Stoffwechsel gekoppelter Stoffwechsel ist das Mayröcker'sche Schreiben («Das Hirn sendet Funksprüche aus, ich schreibe sie pausenlos nieder»), ein bewusstseinsverankertes, prozessorientiertes Oszillieren der Wahrnehmungs- und Gedankenschübe: Dieses «ganze wahnwitzige Element der Verwandlung von Wirklichkeit in Poesie » ist ja im Grunde ein urromantisches Programm, ein «Potenzieren von Wirklichkeit», wie Novalis es nannte.

Das Auf- und Abtauchen von (auch sehr konkreten, alltäglichen) Momentaufnahmen, von Bildern und Sinnzusammenhängen, «Schnappschüsse, von erschreckender Schärfe»; «murmelnde», gesprächige, schreiende Literatur, die den Leser «in den Himmel der Sprache : in die Hölle der Sprache» entlassen will. Ein vagabundierendes, treibendes, umkreisendes Schreiben, das auch sein Scheitern schreibt: hymnisch, bedrängend.

«Ich habe ein Buch gelesen, sage ich, aber ich habe nichts behalten davon», hebt «Stilleben» (1991) an, Friederike Mayröckers Bücherstillleben über den fortgesetzten Beginn, über das sofort verarbeitete Lesen und partikelweise Auflesen von Realität(en), mit seiner Anrufung des Grossen Beckett. Mir hat es sich eingebrannt. Die Mayröcker-Lektüre «muss wieder von neuem beginnen oder fortgesetzt werden». «Alles rätselhaft in der Grundierung», heisst es in «brütt», und wie Cage über Joyce sagte, er möchte dazu beitragen, dass dessen Werk «rätselhaft bleibt», so ist mir das einzigartige Werk der Friederike Mayröcker konkrete und rätselhafte Nahrung zugleich.

Michael Lentz, Jahrgang 1964, lebt in München. Dieses Jahr wurde er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Kurzbeschreibung

Nach Magische Blätter (I), II, III - eine neue Sammlung gemischter Texte, wie bisher: poetologische Statements, Skizzen, autobiographische Äußerungen, Reden, Notizen, Träume etc.

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