Dieses Buch kann ich nur als eine Ansammlung wirrer, unpraktikabler und vollkommen unausgegorener Gedanken bezeichnen. Es liefert mehr Ansätze zur Kritik, als in diese Rezension passen, deswegen beschränke ich mich hier nur auf einige grundsätzliche Kritikpunkte:
- Der Autor überträgt ein Modell, das für die direkte Kommunikation zwischen zwei Menschen entwickelt wurde, auf eine Situation mit einer Einweg-Kommunikation in der der Sender den Empfänger nicht kennt.
- Auf lediglich 2 (!) der 200 Seiten versucht der Autor, sein "Modell" zu erklären. In den vier Hauptkapiteln werden dafür verschiedene Genres der Fotografie vorgestellt, verallgemeinert und einem seiner "4 Augen" zugeordnet. Diese Informationen sind teilweise sogar zutreffend, interessant und passend bebildert, haben jedoch keinen tatsächlichen Bezug zu dem "Modell", nehmen dafür aber gut 95% des Buches ein.
- Der Autor kann sich nicht entscheiden, was sein sogenanntes "Modell" eigentlich leisten soll: Man soll damit zwar einzelne Fotos beurteilen können, er nutzt es jedoch vor allem dazu, Fotogenres zu kategorisieren. Mal soll man damit gute von schlechten Bildern unterscheiden, mal kann man damit aber keine Aussage über die Qualität der Bilder machen. Mal soll ein Bild umso besser sein, wenn es auf allen vier "Augen" stark ist, aber die herausragenden Bilder zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie in einem Auge stark sind. Es soll zwar als Bildanalysewerkzeug dienen und dazu führen, dass Bilder gleichzeitig aus "objektiver" und "subjektiver" Sicht beurteilt (S. 27) werden, dafür gibt es aber lediglich eine nicht weiter definierte Bewertungsskala zwischen 1 und 10, die ebenfalls willkürlich und subjektiv keinen Vergleich zwischen mehreren Betrachtern ermöglicht.
- Die Zuordnung der "4 Augen" zu den vier Ebenen des Schulz-von-Thun-Modells (SvT) (S. 22ff) ist bar jeglichen Sinns und wird nicht erklärt sondern einfach behauptet. Warum entspricht der Sachebene bei SvT hier die formale Bildgestaltung und nicht das Motiv oder der Bildinhalt - also das, was gezeigt wird? Fotos beeinflussen den Betrachter auf vielen Ebenen, warum wird die (nicht näher definierte) Beeinflussung mit der Apell-Seite gleichgesetzt und nicht die Bildaussage oder die Intention des Fotografen? Warum sollte etwas einseitiges wie ein Gefühl die passende Entsprechung für die zweiseitige SvT-Beziehungsebene sein? Wenn aber schon die Kernpunkte nicht einleuchten und sich mit minimalem Nachdenken etwas Sinnvolleres findet, wirft das ein entsprechendes Licht auf das das ganze "Modell".
- Während das SvT-Modell vier Ebenen enthält, die in *jeder* Kommunikation enthalten sind und darüberhinaus trennscharf und vollständig sind, ist das "4-Augen-Modell" sehr lückenhaft, zumal sein "Modell" für die "weit über 90 % der gemachten Aufnahmen" (Knips- und Erinnerungsbilder) nicht gilt, sondern nur für die "ganz bewusst aufgenommenen" (S. 7).
- Bei dem "Form-Auge" beschränkt sich der Autor nur auf die Bildgrafik und lässt dabei die meisten anderen bildgestalterischen Mittel wie Licht, Farbe, Kontraste, Komposition völlig außer acht. Und obwohl diese Gestaltungsmittel den Betrachter sogar noch stärker beeinflussen, kommen sie in diesem "Modell" nicht vor.
- Das "Ich-Auge" soll den Stil und die Bildsprache des Fotografen zeigen, dabei übersieht der Autor, dass erst eine Bildstrecke und kein Einzelbild eine wirklich sinnvolle Aussage erlaubt.
- Zurmühle will mit seinem "Modell" das Geheimnis herausragender Aufnahmen lüften und begeht dabei einen seiner vielen grundlegenden Gedankenfehler: *Das* für alle Betrachter gleichermaßen herausragende Bild gibt es nicht - was herausragt ist stark subjektiv, aber auch gruppen-, situations- und kulturabhängig. Dieser Gedanke fehlt in dem Buch aber völlig, statt dessen bestimmt der Autor selbst ohne weitere Erklärung, welche Bilder seiner Meinung nach herausragen.
- Zitat S. 41: "Sind Sie allerdings ein sehr ausgewiesener, erfahrener Fotograf mit viel Fachwissen, dann dürfen Sie auch mal eine klare Aussage wagen. Als Anfänger bleiben Sie aber besser bei der unverbindlicheren und weniger verletzenden Ich-Form." Diese arrogante Haltung, nur "Fachleute" (die sein "Modell" anwenden?) könnten Bilder angemessen beurteilen, Anfänger müssten sich aber zurückhalten, blitzt im ganzen Buch immer wieder hervor, wobei ich fürchte, der Autor hält sich selbst für so einen "Fachmann".
Aber auch im Detail finden sich viele Fehler und unüberlegte Behauptungen, hier nur eine ganz kleine Auswahl:
- Reportagehafte Bilder erklären sich eben nicht selbst (S. 22), sondern werden in der Regel erst durch den (Kon-)Text erklärt.
- Zeit ist mitnichten der "genaueste Gradmesser für die Qualität von Bildern" (S. 33), denn früher wurden auch (schlechte) Bilder zu Ikonen, weil sie als einzige ein wichtiges Ereignis oder eine bestimmte Episode charakterisierten. Heutzutage werden diese Bilder automatisch als gut eingestuft und nicht mehr hinterfragt, weil sie eben bekannte Ikonen sind, auch wenn sie z.B. bei heutigen Wettbewerben sich nicht mehr gegen eine deutlich größere Konkurrenz durchsetzen könnten.
- Der Autor befolgt seinen eigenen Rat, nicht professoral belehrend zu behaupten, dass ein Bild gut oder schlecht gestaltet sei (S. 41), nicht und schreibt selbst sehr oft verallgemeinernd von "guter Bildgestaltung" oder "guten Bildern", ohne zu sagen, was für ihn "gut" ist. Sein persönlicher Geschmack kann ja nicht das Maß von "gut" sein, zumal seine eigenen Bilder für mich deutlich (unter)durchschnittlich sind. "Gut" ist aber schon für einen Bildredakteur von Bild/Vogue/Das goldene Blatt jeweils etwas anderes - ganz zu schweigen für einen Galeristen/Wettbewerbsjuror/Marketingchef/Hobbyfotografen.
- Immer wieder sagt der Autor, dass es eine Wirkung gibt, kann aber nicht sagen, welche. Ein gutes Beispiel dafür ist der Text zum Bild auf Seite 46 unten: "Das Gesicht dieser wunderschönen Frau spricht für sich selbst, aber diese Aufnahme erhält ihre besondere Wirkung zusätzlich durch das Dreieck, das den Blick zum Gesicht, welches auf der Spitze des Dreiecks liegt, führt und so als zusätzliche grafische Form wirkt. Zusammen mit der seitlichen Lage des Kopfes, der dem Blick Raum und dem Raum Tiefe gibt, wirken diese Elemente hier bei der Bildkomposition optimal zusammen." Mit inhaltsleeren Floskeln wie "spricht für sich selbst", "besondere Wirkung" oder "wirken optimal zusammen" versucht der Autor zu verschleiern, dass er es dem Leser überlässt, die Wirkung zu benennen - weil er es selber nicht will oder kann?
Mein FAZIT:
Schon viele der Grundannahmen sind ganz offensichtlich nicht durchdacht. Auch sein selbstentwickeltes "Modell" wird nicht wirklich erklärt und ist alles andere als in sich schlüssig. Die Zuordnung seiner "4 Augen" zu den jeweiligen Ebenen des Schulz-von-Thun-Modells kann bestenfalls als höchst fragwürdig bezeichnet werden. Darüber hinaus strotzt das Buch nur so von Widersprüchen, Rechtschreibfehlern und (zum Teil schlechten) Fotos, die nicht zum Thema passen. Sprachlich ist es nicht flüssig zu lesen und wimmelt vor Worthülsen und Wiederholungen.
Die Ausführungen zu seinem 4-Augen-"Modell" sind so konfus und widersprüchlich, dass ich davon ausgehe, dass der Autor seine eigene Idee nicht wirklich verstanden hat. An keiner Stelle lässt das "Modell" für mich eine Relevanz oder eine Unterstützung für die fotografische Praxis erkennen. Lediglich Druck und Layout sind hochwertig und ein großer Teil der zumeist fremden Fotos sind von hoher gestalterischer Qualität.
Warum ich eine so detaillierte Rezension über ein so dermaßen schlechtes Buch verfasse? Ich möchte andere davor bewahren, sich auch vom hochwertigen Äußeren und einem gewonnenen Preis blenden zu lassen. Wenn Sie stattdessen Inhalt und Nutzen als Kaufkriterium ansetzen, ist in beiden Fällen nicht ausreichend davon vorhanden, um den enormen Preis des Buches auch nur annähernd zu rechtfertigen. Meine Empfehlung: Finger weg.