Im Gras liegen, Pläne schmieden, Apfelwein trinken. Drei junge Menschen, pittoreske Ansammlung von Glück auf einer saftigen Wiese. Eine kleine Idylle, einen Nachmittag lang, irgendwo in der deutschen Provinz: grünes Gras, Wein, Kühe, Sonne und jede Menge Träume - aber kein Geld um sie zu verwirklichen. Nickel, Fred und Annette träumen gemeinsam von der Zukunft, von Geld und von Kanada. Aber woher nehmen das Geld? Und ohne Geld kein Kanada, und ohne Kanada keine Zukunft, jedenfalls nicht die, die sie sich vorstellen. Woher also nehmen, wenn nicht stehlen - schließlich wissen sie ja selbst: "Mit Rumhocken und am Wochende Kellnern kommen wir jedenfalls kaum nach Kanada." Die Sache ist so klar wie der Himmel an diesem schönen Tag: darum, den Brecht wörtlich genommen, Marilyn-Monroe- und Cames-Cagney-Gummimasken übers Gesicht gezogen, eine Bank ausgeraubt und ab durch die Mitte. Hallo Zukunft, wir kommen! Der Coup klappt auch noch, doch die Träume zerplatzen schon bald wie Popcorn in der Pfanne, jedenfalls für Fred, der als einziger geschnappt wird und für vier Jahre ins Gefängnis wandert. Immerhin - er hält dicht und verrät seine Freunde nicht. Freds Träume, die Aussicht auf Kanada und das Geld (250.000 DM für jeden), bzw. jede Menge Tischfußball spielen (daher sein Übernahme "Magic"), lassen ihn die Zeit in der Jugendvollzugsanstalt Dieburg aushalten. Vier Jahre sind allerdings eine gewaltig lange Zeit und nach vier Jahren ist alles anders. Alles? Deutschland ist inzwischen unter großem Trara wiedervereinigt, Annette und Nickel sind aus Dieburg weg, nach Berlin gezogen. Nur Fred ist offensichtlich der gleiche geblieben, man könnte sagen, sich selbst - ob aus Naivität oder Konsequenz - treu geblieben. Als er endlich entlassen wird, macht er eine Weile den Fehler, zu glauben, auch seine Freunde seien sich, ihren Ideen vor allem aber ihm treu geblieben. Er ist naiv, na und, aber, auch wenn Fred, ohne nach rechts und links zu gucken, durchs Leben gestolpert kommt - dumm ist er beileibe nicht. Daß Fred dabei die ewige Rolle des Verlierers spielt, ist so klar wie der Himmel über Berlin eben nicht ist, als er dort ankommt. Der ist nämlich ziemlich bedeckt. Symptomatisch für den weiteren Verlauf der Geschichte. Die Suche nach Annette und Nickel gestaltet sich nicht einfach und als er sie endlich gefunden hat, ist nichts so, wie er es sich in seinen alltäglichen Gefängnisträumereien ausgemalt hat. Beide wollen von Kanada nichts mehr wissen, "von Eigensinn zu Eigenheim" wie Fred den ehemaligen Rebellen Nickel einmal definiert. Die Freundschaft zerbricht. Am Ende wird Fred der einzige der dreien sein, der mit nichts in der Hand übrigbleibt: Jahrelang umsonst im Knast, Geld weg, das Mädchen, in das er sich verliebt hat, tot. Was in der gerafften Nacherzählung ziemlich klischeehaft klingt, ist bei der Lektüre nur halb so schlimm, denn Jakob Arjouni beschreibt einzig das zeitlose Thema jener unstillbaren Sehnsucht nach ein wenig Glück. Er erzählt eine Geschichte vom täglichen Träumen und Scheitern. Das eigentliche Thema des Buches aber ist Deutschland und zwar dieses neue, veränderte, große, wiedervereinigte Deutschland mit all seinen Neurosen und Problemen. Ein Deutschland, das dem Autor nicht gefällt und elegant verpackt er seinen Blick in jenen eines naiven, tollpatschigen Kerls, der durch die neue Republik stolpert. Denn Fred ist der prototypische Antiheld und Looser. Fred müsste einsehen, daß er eine Landpomeranze in einer so großen Stadt wie Berlin ist. Er ist ein "Landei" wie man gerne wissend-überheblich und mitleidslos sagt. Er "riecht nach Heustadel", ein Grinsen, so breit wie das eines aufdringlichen Vertreters für Versicherungspolizzen an der Haustüre, riesige "Glutschaugen", der Haarschnitt eines deutschen Schlagersängers. Seine Naivität trägt er wie ein Banner vor sich her. Alles in allem katastrophal, so ätzend wie ein Haufen trockener Vogelscheiße, möchte man anmerken. Und doch muß man diesen Fred Hoffmann einfach mögen. Freds subjektiver Blick auf die Welt, ist von einer entwaffnender Schlichtheit, die die Identifikation der Leser mit dem Charakter Freds nur fördert. Und dabei bin ich mir sicher, gäbe es diesen Naivling wirklich und begegnete er im wirklichen Leben hundert Lesern, die ihn im Buch potentiell nett und gut und liebenswert finden, dann würden ihn wohl 83 für einen Vollkoffer halten. Andere 16 würden denken, "wie uncool" und vielleicht eine(r) würde ihn so sympatisch wie die literarische Figur finden. Aber, so ist das Leben, und schließlich ist das nur ein Buch. Jakob Arjouni hat sich mit diesem Roman nun wohl endgültig auf dem deutschen Buchmarkt etabliert. Nach seinem großen Erfolg mit "Happy Birthday, Türke" und den anderen Kayankaya-Romanen verläßt Arjouni damit erstmals das klassische Krimigenre. Er scheint ein glückliches Händchen zu haben. In seiner Schreibweise fallen drastische Typisierung und ein fast arg konventioneller Plot auf. Das soll aber nicht übersehen lassen, daß Arjouni zwei Dinge geschafft hat: Erstens, den liebenswertesten Antihelden seit dem legendären Schweijk Josef zu erfinden und zweitens, ist es ihm gelungen, einen mehrheitsfähigen Roman zu schreiben, der zwar nach allen Seiten austeilt, aber gerade deshalb von allen Seiten für gut befunden werden kann. Ein Buch zwischen Helmut Kohl und Jutta Ditfurth also. Das kann man ihm zwar vorwerfen, es schmälert seine Leistung jedoch nicht. Solange er etwas zu sagen hat und es dazu noch so gut zu erzählen weiß, kann man ihm nicht böse sein. Jedenfalls nicht länger als zehn Sekunden. Alexander Larch