Dieses Buch ist das beste, das ich zum Thema gelesen habe - und das waren eine Menge Bücher, nachdem in meiner Familie bei jemandem die Magersucht begonnen hatte. Die Autoren geben einen knappen Überblick über die gängigsten Ansichten zur Magersucht, ohne in ein z.B. psychoanalytisches Extrem zu fallen, mit dem man sich auf lange Sicht und im wirklichen Leben nie und nimmer identifizieren kann. Drei Teile dieses Buchs machen es meiner Ansicht nach so extrem empfehlenswert: 1. die realistischen Schilderungen von Familienumständen, in denen keine Klischees breitgetreten werden, aber Erziehungsprobleme und Fehlhaltungen deutlich benannt werden 2. das beste: die Autoren rufen die Betroffenen auf, sich den Täuschungsmanövern Magersüchtiger zu stellen. Ich weiß aus Erfahrung, wie geschickt die Tricks sind, die Magersüchtige verwenden um über ihre geringe Nahrungsaufnahme hinwegzutäuschen, und wie leicht(gläubig) die Familie diese Mechanismen übersieht. Ohne arrogant zu wirken gibt einem der Autor das Gefühl, ein alter Hase zu sein, dem man im Gegensatz zum Rest der Welt nichts vormachen kann. Das ist ein wahnsinning wichtiger Schritt zur Besserung, denn man gesteht sich als Magersüchtige(r) und als Familienmitglied zum ersten Mal ein, wie man einander täuscht, belügt, und wie man die Augen vor diesen Problemen verschließt. 3. Die Autoren machen auch klar, dass bei allem dringenden Verbesserungsbedarf in der Familie die Magersucht früher oder später zur Gewohnheit wird. Ab einem gewissen Punkt lässt sich nicht das täglich neue Verhalten jedes Mal tiefenpsychologisch begründen, und anstatt endlosem Stochern nach nicht vorhandenen Anlässen wird man angeregt, die tatsächlichen Einstellungen und Beziehungen zu ändern, die zu dieser Situation geführt haben.
Mir gefällt an diesem Buch so enorm, dass Magersucht nicht als schicksalhafte Krankheit dargestellt wird, der man ohnmächtig ausgeliefert ist. Stattdessen werden ganz konkretes Fehlverhalten, nachvollziehbare falsche Entscheidungen aller Beteiligten benannt. Dadurch erhält man endlich einmal Ansatzpunkte, bei denen man mit Klärung und Besserung beginnen kann. So wird es möglich, sich aus der "Was kann man dagegen tun"-Perspektive zu befreien und eine andere Sicht einzunehmen: "Wie müssen wir alle sein, damit xy wieder normal isst und eine stabile Persönlichkeit wird".