Mordecai wächst unter einfachen Bedingungen als Sohn des Schmieds Royce Eldrigde auf, ungeahnt seiner adligen Herkunft von einem der letzten und mächtigsten Magiere des Königreiches Lothion. Nahezu über Nacht wird seine friedliche Existenz über den Haufen geworfen, als er magische Fähigkeiten manifestiert und sich bei einem Aufenthalt auf dem Schloß des Grafen von Lancaster den Sohn eines der einflußreichsten Adligen in unmittelbarer Thronfolge zum Feind macht. Zwischen mehreren Mordversuchen, seinen ungeschulten magischen Fähigkeiten und politischen Intrigen steckt er tief im Schlamassel.
Michael Mannings Fantasy-Debut stellt sich als eine der angenehmsten Überraschungen heraus, die man sich derzeit günstig auf den Kindle laden kann; kein Wunder, daß es diese flotte Geschichte hoch in die englischsprachigen Bestsellerlisten geschafft hat. Im Stil klassischer High Fantasy geschrieben, mit den traditionellen Elementen von Königen, einer Feudalgesellschaft und Magie, nimmt einen der Ich-Erzähler Mordecai fast von der ersten Seite an für sich ein. Angereichtert mit einer ordentlichen Portion Selbstironie und einigem Humor, wird der junge Held von seinen ungeahnten Fähigkeiten überrascht, mit denen er zunächst nur wenig anzufangen weiß. Magiere gelten im Land als ausgestorben, seit ein wütender Mob ihnen die Schuld an einer verheerenden Seuche gab und die Universität in der Hauptstadt Albamarl niederbrannte. Sein spärliches Wissen erwirbt Mordecai aus ein paar Büchern, die er in der Schloßbibliothek findet, und er wurstelt sich mehr recht als schlecht durch, seine ahnungslosen Versuche zeitigen nicht immer das gewünschte Ergebnis. Hätte er nicht einige wirklich gute Freunde, die zu ihm stehen, hätte er gegen seinen übermächtigen Feind, der schon seine Eltern vernichtete, keine Chance.
Dies macht auch den Reiz der Geschichte aus: Mordecai verkörpert keinen selbstbewußten Helden, dem alles magische Wissen im entscheidenden Moment zufliegt; manchmal stellt er sich zum Haareraufen dumm an, und nur seine sehr gut und lebensecht dargestellten Freunde Marcus, der Sohn des Grafen, und Dorian Thornbear, können seine Haut wiederholt retten. Daneben gibt es als Gegengewicht einige mutige und beherzte Frauen in Penny, der Dienstmagd, und der adligen Lady Rose Hightower, gegen die nicht einmal der Bösewicht oder Konventionen eine Chance haben.
Das Tempo des Plots ist durchgehend flott; am Anfang jeden Kapitels gibt es eine Erklärung über einige magische Phänomene mit eigenwilligen Namen ("aythar", "capacitance", "emittance"), die dem Leser einen Wissenvorsprung gegenüber dem ahnungslosen Helden vermitteln sollen, aber für den Fortschritt der Handlung nicht entscheidend sind. Manchmal erfolgt der Wechsel aus der Ich-Perspektive und der Beschreibung der anderen Personen etwas sprunghaft, was aber dem rasanten Lesevergnügen keinen Abbruch tut. Die moderne Sprache scheint anfangs nicht ganz zu dem mittelalterlichen Ambiente zu passen, trägt aber ebenfalls zu der frischen Atmosphäre der Geschichte bei.
Der Autor präsentiert eine traditionelle Fantasy-Geschichte in sehr frischer und kurzweiliger Form, die ein bißchen an eine Mischung aus Hogwarts und Robin Hobb erinnert und sich sehr flüssig in einem Rutsch lesen läßt. Auf die Fortsetzung, THE LINE OF ILLENIEL, kann man sich einfach nur freuen; diese ist inzwischen ebenfalls auf dem Markt.