"Madita" ist mein Lieblingsbuch von A. L. neben "Ferien auf Saltkrokan".
Madita ist ein kleines Mädchen, das furchtbar lieb und brav sein will, nur leider gelingt es ihr nicht immer, denn sie hat ein hitziges Temperament und denkt nicht immer nach! Aber sie IST ein liebes Mädchen, sogar oft ZU lieb, und ihre an sich harmonische Welt ist durchaus nicht so heil, weil sie sich ständig um andere Sorgen macht.
Madita erfindet einen Jungen namens Richard, dem sie ihre eigenen Untaten in die SChuhe schiebt, beluegt also ihre Familie - nicht nett, aber verständlich. Vielleicht glaubt sie selbst, was sie erzählt, viele Kinder haben ja imaginäre Freunde, sie hat einen imaginären Suendenbock.
Madita greift ein, wenn es ungerecht zugeht - sie verteidigt die kleine Schwester, als diese angegriffen wird, sie protestiert als einzige lautstark, als die Klassenkameradin Mia - die sie nicht mal mag - vom Rektor geschlagen wird. Am Ende werden Mia und Maddita Freundinnen, nachdem Maditas Mutter Mia "entlaust" hat!
Dagegen fand ich die angeblich so artige kleine Schwester Lisabet gar nicht so artig, sie ist doch gelegentlich ein ganz schönes Biest - zieht die Katze am Schwanz, beisst Maditas Schokoladenfigur den Kopf ab und kann sich nicht entschuldigen, wenn sie etwas ausgefressen hat. Nein wirklich, so brav ist Lisabet durchaus nicht!
Eine von Maditas weniger sympathischen Handlungen ist die, als sie Lisabet im Brunnen sitzen lässt und sie als Sklavin verkaufen will - natuerlich nur im Zorn, aber als sie zurueckkomt, ist der Brunnen leer! Auf dem rand liegen 5 Öre und eine Nachricht von einem "Sklavenhändler", der das mädchen gekauft haben will... Natuerlich wird alles wieder gut, Abbe (Nachbarjunge) hat Lisabet aus dem Brunnen geholt.
Abbe ist ein toller Junge!!! Eigentlich sollte seine Mutter Kringel backen und sein Vater diese auf dem Markt verkaufen, doch die beiden Schlaffis schaffen weder das eine noch das andere - also macht der 15jährige Abbe beides selbst!
Madita hatte ein reales Vorbild, Astrid Lindgrens beste Freundin Anne-Marie (genannt Madicken), Tochter des Bankdirektors von Vimmerby - also ein Mädchen aus reichem Haus.
Auch die anderen Figuren sind rundum gelungen - die etwas versnobte Mutter, die aber doch sehr liebevoll ist (sehr richtig, dass sie Linus-Ida verbietet, den Kindern mit Geschichten von der Hölle angst zu machen!), der sozial engagierte Vater, die verarmten Nachbarn (Onkel Nilsson, Tante Nilsson und Sohn Abbe), das Dienstmädchen Alva, die zickige und WIRKLICH snobistische sogenannte "Buergermeisterin" (=Frau des Buergermeisters, Typ Hausdrachen), die zum Glueck auch nicht als das personifizierte Böse präsentiert wird ( sie ist oft genug fies, kann aber gut singen und ist sehr gut im Organisieren)der flirtende Schornsteinfeger, der arme irre Lindkvist usw. - man darf annehmen, dass alle reale Vorbilder haben, so glaubwuerdig sind sie dargestellt.
Etwas zu schlucken hatte ich an der Geschichte "Alva auf dem Ball": Die Familie nimmt das Dienstmädchen mit auf den Ball - dort wird Alva dann von den feinen Leuten geschnitten, und keiner tanzt mit ihr. Klar ist es eine an sich gute Idee, dass ein Dienstmädchen mitkommen soll, und natuerlich sind die feinen Herrschaften superfies, aber - war dieses Verhalten nicht vorauszusehen? Ist es also richtig von Maditas Familie, Alva in so eine schreckliche Situation zu bringen? Der Vater ist doch Zeitunsgredakteur, er hätte ja zuvor einen Artikel schreiben können, dass auch Dienstmädchen auf Bälle gehen sollten und er daher Alva auf den nächsten mitnehmen werde usw. Ich finde, an dieser Stelle wird Alva regelrecht missbraucht, um die eigenen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit zu demonstrieren - wie es ihr selbst damit geht, daran hat die Familie offenbar keine Sekunde gedacht!
Trotzdem 5 Sterne, das Buch ist klasse.
Habe es mittlerweile im Original gelesen und festgestellt, dass die Uebersetzung gut ist - abgesehen von einigen Kleinigkeiten: Im Original ist gelegentlich vom Krieg die Rede, der draussen in der Welt tobt, der aber Gott sei Dank weit weg ist - damit muss der Erste Weltkrieg gemeint sein, der während Astrid Lindgrens Kindheit in vollem Gang war. Der Krieg wird in der deutschen Uebersetzung mit keinem Wort erwähnt. Warum eigentlich nicht?