"Madeleine" (GB 1950, 110 Min.) ist ein Drama von David Lean um psychologische Konflikte und Schuld nach einer wahren Begebenheit, die sich in Glasgow im 19. Jh. zugetragen hat. Die aus wohlhabender Familie stammende Madeleine Smith hat eine Affäre mit dem Schnorrer Emile de l'Angelier. Nach deren Beendigung möchte Emile Madeleine erpressen, offiziell ihrem Vater als künftiger Ehemann vorgestellt zu werden - andernfalls werde er ihm ihre Liebesbriefe aushändigen. Für Madeleine, die einem anderen versprochen ist, angesichts ihres durch und durch autoritären Vaters eine verzweifelte Lage.
Später ist Emile tot, gestorben an Arsen, und Madeleine wird des Mordes angeklagt. Das letzte Drittel des Filmes ist ein courtroom drama, mit ungewöhnlichem Ausgang. Insgesamt ist dies ein auf den ersten Blick verwunderlicher, irritierender Film, der ein paar Schwächen zu haben scheint, aber diese erweisen sich als geniale Stärken, denn dies ist kein Liebesdrama, kein Krimi, kein courtroom drama, auch kein period film noir, aber eine psychologische Studie. Im Grunde sind fast alle Figuren mit Ausnahme von Madeleine etwas holzschnittartig geraten. Emile ist als geiler Bock und Mitgiftjäger klar erkennbar, der Vater ist streng, die Schwester fügsam, die Dienerin nette Komplizin, der Staatsanwalt absurd theatralisch, der "offizielle" Verlobte anständig und moralisch, und so weiter... Aber deutet man das ein wenig tiefenpsychologisch als eine komplexe und gleichzeitig berührende Studie über eine Menschen- bzw. Frauenseele im Strudel der wechselseitigen Einflüsse, dann passt es. Madeleine ist im Zentrum und alle anderen sind nur Chiffren für die Einflüsse, die auf sie einströmen und sie zum Kentern zu bringen drohen. Und so klar die Bedeutung der Nebenfiguren zutage liegt, so subtil inszeniert Lean dennoch die Einflüsse, die sie auf Madeleine ausüben. Wichtig ist die Zeit kurz vor dem Tode Emiles (ca. 0'45 bis 1'00). Hier ist es uns verdammt schwierig, klare Orientierung zu finden, das ist nicht Hitchcockscher Suspense durch Informationsvorsprung, sondern Rätselhaftigkeit der Ereignisse. Allein die nur aus Andeutungen bestehende Montage, bevor Emile endgültig zusammenbricht, ist ein Meisterstück und lässt uns genauso im Dunkeln tappen wie das Gericht. Gemeinerweise streut Lean vorher kameratechnisch ein paar gezielt falsche Hinweise ein, die in tiefenscharfen Einstellungen bei gleichzeitig exponierten Gegenständen im Vordergrund unseren Blick auf etwas lenken, das wir dadurch für gefährlich und verdächtig halten. Aber wir müssen unsere Sehgewohnheiten hinterfragen, denn was hier gefährlich und verdächtig ist, steht noch lange nicht fest. Und wer inwieweit schuldig ist, auch nicht, streng genommen bis zum Ende nicht. Denn neben der kriminalistischen gibt es auch die psychologische (echte? gefühlte?) Schuld, und diesbezüglich entlässt uns Lean mit einer einzigartigen Kombination aus einer Besonderheit des schottischen Strafprozessrechts mit einer Großaufnahme Madeleines voll beunruhigender Ambivalenz.
Vielleicht ist Emile, die erwähnte Montage vor seinem Tode deutet es an, daran gestorben, dass er es nicht mehr schaffen konnte, in Madeleine, äh, einzudringen. Sie lässt ihn (mutmaßlich) nicht ins Haus, und bevor er zusammenbricht, fällt ihm sein immer wieder als Phallussymbol ins Bild gerückter Spazierstock zu Boden. Dass es Emile neben der Mitgift vor allem um Sex geht, daran lässt Leans Inszenierung keine Zweifel, und darin ist sie sehr gut. Abseits eines Volksfestes kommt es zum nicht ganz freiwilligen Akt, nach meiner Interpretation einer Vergewaltigung. Die Parallelmontage des ekstatische Tanzes und des Geschehens abseits erinnert an die Vergewaltigung von Lara in Leans "Dr. Schiwago" - nur war's da bei einem Volksaufstand statt bei einem Volksfest. Abseits der Bambule will Madeleine Emile das Tanzen beibringen, das reizt ihn offensichtlich auf, er beginnt mit seinem Spazierstock in der Hand zu tanzen. Als Madeleine ihm den wegnimmt und meint, mit sowas tanze man doch nicht, ist für Emile Schluss mit lustig... Schnitt, und eine der tanzenden Frauen schreit gerade besonders freudig erregt. Hinterher sehen wir Madeleines abgelegtes Cape.
Gelungen ist auch, wie Lean eine eigentlich schwierige Aufgabe löst: Warum verknallt sich eine junge Frau, die nicht nur aus gutem Hause, sondern offenbar auch klug ist, schnurstracks in einen Mann, den Lean als Schnösel zu zeigen sich reichlich Mühe gibt? Es wird in den ersten Minuten des Filmes klar, wie erschreckend in ihrer Selbstverständlichkeit die familiären Rituale des Devoten sind. Es wird gleichzeitig klar, dass Madeleine anders als andere ist, eine Seele auf der Suche nach einem Sinn und vielleicht einem Abenteuer, und beides kann ihr das Establishment nicht geben. Sie kann französische Lieder am Klavier singen und weiß sogar, was sie bedeuten. Sie geht beim Einzug in das neue Haus nicht zuerst in die prunkvollen öffentlichen Säle, sondern ist sofort fasziniert vom kargeren, aber auch geheimnisvolleren, abseitigeren, intimen Zimmer, von dem aus ein Gitterfenster im Souterrain einen Blick auf das Draußen, die Straße freigibt - einen Blick, der immer nur einen Teil der Menschen zeigt und damit genauso viel Verlockung wie Geheimnis bereithält. Gleichzeitig zeigt dieses Zimmer Madeleine als Gefangene. Natürlich wird Madeleine ihren Stenz kennenlernen durch Wahrnehmungen, später Begegnungen an diesem Fenster: Das Klackern des Stocks am Gitter ("Ich will hier rein" - in die reiche Familie und in ---), der Klang der Schritte, das Hereinfallenlassen eines Briefes, das Reichen der Hand. Solche Verlockungen werden umso verständlicher, als klar ist, dass Madeleine mit ihrem Vater nicht offen sprechen kann. Oftmals schaut sie ihn im Dialog bewusst nicht an, und einmal steht sogar die Kommunikation durch einen Spiegel für das Nicht-sagen-Können wichtiger Wahrheiten und innerer Regungen, für die Vor-Spiegelung des konventionell Erwarteten. Lean nutzt Orte, Spiegel, Montagen, Bewegungen für Seelenzustände. Und am Ende ist Madeleine ganz auf sich selbst gestellt, das close-up als letzter tiefster Blick in die Seele. Aber auch der erklärt nicht alles. Ein rätselhafter und faszinierender Film.