Die lebenslustige Tizia ist mit ihren 42 Jahren auf dem Höhepunkt ihres Seins und Schaffens: Sie ist erfolgreich, attraktiv, klug und furchtbar blond. Also ist es überhaupt kein Wunder, dass sie den begehrtesten und reichsten und attraktivsten und männlichsten Junggesellen von ganz Paris erobern kann. Das böse Erwachen kommt aber nach der Hochzeit, denn Fausto Saint-Apoll entpuppt sich bei näherer Betrachtung als notorischer Fremdgeher und Macho. Tizia lässt sich das natürlich nicht bieten und schon bald erlebt sie mehr amouröse Abenteuer als ihr lieb sind. Unerklärlich aber bleibt Faustos seltsames Verhalten und seine Eifersucht, denn schließlich machen es in Paris alle so. Bis Tizia endlich hinter Faustos großes Geheimnis kommt und klar sieht, hat man jedenfalls viel zu lachen.
In spritzigem und hinreisend komischem Schreibstil erzählt Susanna Kubelka in der Ich-Form die Geschichte ihrer egozentrischen Heldin, die sich von einem Liebesdilemma ins nächste stürzt, und es ist das reinste Vergnügen sich an deren haarsträubenden, erotischen und auch unerotischen Affären zu beteiligen. Wer wissen möchte, wie bunt und wild es die oberen Zehntausend in Paris treiben, der darf mit diesem Buch auch ein wenig hinter die Fenster der großbürgerlichen Häuserfassaden und noblen Wohnungen blicken, denn Tizia ist ja schließlich (man staunt sicher nicht) Innenarchitektin. Leserinnen, die einer perfekten Superfrau und Überfliegerin bei ihren eitlen Selbstbetrachtungen "zuhören" wollen und mit ihr mitlachen und mitleiden wollen, die sind mit diesem Buch perfekt bedient.
Für mich persönlich war Madame Tizia allerdings überhaupt keine brauchbare Identifikationsfigur, denn solche selbstgefälligen und aufgeblasenen Ziegen, wie die werte Madame Saint-Apoll, deren gesamtes Denken sich nur um sich selbst dreht, sind mir schon im richtigen Leben äußerst unsympathisch und wenn sie mir dann ausgerechnet im unterhaltsamen Frauenroman begegnen dann betrachte ich das als rausgeschmissenes Geld. Streckenweise konnte ich es nicht mehr ertragen, wie sich Madame selbst bejubelt, ihre schlanke Figur, ihre Schönheit, ihr unglaublich jugendliches Aussehen, ihre magnetische Wirkung auf Männer und Neid erzeugende Wirkung auf Frauen. Da gibt es fast keine Seite in diesem Buch, bei der man/frau nicht teilhaben darf an Tizias Eigenlob. Ach ja, und ihre Betrachtungen über ihr gesundes und bewusstes Leben und Essen, die sind mir als Leserin so richtig gegen den Strich gegangen. Nicht dass ich etwas gegen gesunde Ernährung und ausgiebige Körperpflege einzuwenden hätte, aber die gnädige Frau in diesem Buch übertreibt es doch arg mit ihrem Kult an sich selbst und dass sie deshalb sogar im zarten Alter von 100 (!) immer noch wie zweiundzwanzig aussieht, erfolgreich ihrem Beruf nachgeht und jüngere (weibliche) Konkurrenz in die Flucht schlägt, während die 20jährigen Adonisse dieser Erde ihr zu Füßen liegen, das klingt doch arg albern und peinlich. So ein bisschen als ob da die Autorin ihre eigene Midlifecrisis hätte aufarbeiten müssen.
Wegen des unsympathischen Charakters der Heldin hätte ich am liebsten nur 2 Sterne vergeben, aber das hat der Roman wirklich nicht verdient denn er ist einfach zu witzig, sehr spannend, voller Erotik und richtig gut geschrieben?