Anschaulich und einfühlsam hat Gabriella Baumann-von Arx in «Lotti, La Blanche» das Engagement der Schweizerin Lotti Latrous in den Elendsvierteln von Abidjan geschildert, den Aufbau des Zentrums mit Ambulatorium und Spital, die Pflege der Schwerstkranken, die liebevolle Begleitung der Sterbenden, die Betreuung der Waisen. Man las das Buch mit Bewunderung für eine starke Frau.
Und doch blieben Fragen, etwa zu Motivation und Verfassung der Hilfswerkgründerin. Antworten darauf gibt nun der zweite Band «Madame Lotti». Er beschränkt sich nicht mehr nur auf die Schilderung der äusseren Zustände, nach wiederholtem Aufenthalt in Abidjan kann die Autorin nun in die Tiefe gehen, kann mit der mittlerweile zur Freundin gewordenen Lotti Latrous über ihre Motive, ihre Gefühle, über Leben und Tod sprechen.
Schlüsselstellen sind Lottis Schilderungen ihrer Zerrissenheit zwischen den beiden unterschiedlichen Welten sowie jenes Kapitel, in dem Lottis Ehemann Aziz zu Wort kommt: Ein ungemein verständnisvoller, hilfsbereiter Mensch, der erkannt hat, dass er Lotti gehen lassen muss, um sie nicht zu verlieren.
Eine Liebesgeschichte von shakespearscher Dimension - die Gabriella Baumann echt und frei von Pathos erzählt. Doch auch in den Alltagsszenen sieht sie wieder genau hin, nennt all die schrecklichen Dinge beim Namen, die körperlichen Leiden, die unglaublichen hygienischen Verhältnisse. Da kommt ihr wohl ihre Erfahrung als Arzthelferin zugute... Ein Buch, das zu Herzen geht, und das nach Fortsetzung schreit. Stoff dazu gibts ja wohl reichlich.
Helga Schabel vom "Anzeiger", dem Wochenmagazin der Ostschweiz.