Gustave Flaubert sagte von seiner Romanfigur einst: Madame Bovary, c'est moi.
Ich habe ein wenig gebraucht um diesen Satz so stehen lassen zu können. Denn Madame Bovary ist eigentlich kein sympathischer Charakter. Sie heiratet aus einer romantischen Vorstellung heraus einen Mann, Charles Bovary, der, wie sie bald bemerken muss, geistig flach ist , genügsam mit den einfachen Dingen des Lebens und mit dem auch sie zu einem einfachen Leben an der Seite eines Landarztes verdammt ist. Der sie aber so sehr liebt, dass er sie auf Händen trägt, ihr jeden Wunsch erfüllt und dessen ganzes Glück es ist, Emma zu besitzen. Aber Emma Bovary geht nicht milde mit diesen Dingen, nicht nachsichtig um, sieht nicht, dass ihr Ehemann ihr die Welt zu Füßen legen will und flüchtet sich alsbald in Verachtung und Resignation. Als sie und Charles aber eines Tages auf einen Ball zu einem Marquis eingeladen werden, eröffnet sich für Emma auf einmal eine Welt der Möglichkeiten, utopisch und unerreichbar zwar, aber sie wird davon infiziert und erschafft sich eine Traumwelt. Sie wird zusehends unruhiger, entwickelt ein nervöses Nervenleiden, für sie rückt die Möglichkeit ihres persönlichen Glückes in immer weitere Ferne, je länger der Abend des Balles zeitlich in die Vergangenheit rückt. Als ihr Mann schließlich mit Emma in eine andere Stadt zieht, um ihr eine Luftveränderung zu beschaffen, lernt sie den jungen Kanzlisten Leon kennen, der in Emma Gefühle und Sehnsüchte weckt, die sie nicht mehr unterdrücken kann und vor allem auch nicht will.
Warum hat Flaubert nun gesagt, er selbst sei Emma Bovary? Was lehrt uns eine so selbstsüchtige, triebgesteuerte und morallose Person wie sie? Sie ist der Prototyp der menschlichen Verblendung. Emma ist so fixiert, so mit aller Macht an ihre falschen Vorstellungen von der Welt, den Menschen und der Liebe gebunden, dass sie an ihr zugrunde geht, ja eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Denn außerhalb der Perfektion findet Emma keine Zufriedenheit. Sie will mehr und mehr und nichts, nichts ist ihr je genug. Emma ist klug, das steht außer Frage, aber weise wird sie dadurch nicht, denn sie weiß ihren Intellekt nicht zur Reflektion zu gebrauchen. Sie legt all ihre Kraft allein in das Umsichschlagen, in den Kampf gegen alles, was ihr trivial und einengend erscheint. Und hier kann man sie auch wieder verstehen. Denn wir sind von Zwängen und Leiden beherrscht, müssen uns tagtäglich mit Dingen arrangieren, die uns nicht nur Genuss und Freude bringen. Ist das nicht eigentlich schrecklich? Willkommen in Emmas Welt.