Mad men ist eine weitere der sogenannten "Qualitätsserien" aus den USA - Serien, die sich durch hohe handwerkliche und künstlerische Qualität (Ausstattung, Kostüme, Kameraführung, Einsatz von Licht, etc.), intellegente Dialoge und eine anspruchsvolle, komplexe, zuweilen dekonstruierte Erzählweise auszeichnen. Es ist in einer Reihe zu sehen mit Serien wie Sopranos, Six Feet under oder Deadwood.
Mad men spielt im New York der frühen 60er Jahre und zwar in einer Werbeagentur. Im Mittelpunkt steht der Creative Director der Firma Don Draper, um ihn herum die Chefs der Firma, weitere Angestellte aus dem Kreativbereich und diverse Sekretärinnen. Es werden Geschichten rund um Werbeaufträge erzählt, Beziehungs- und Verführungsgeschichten innerhalb der Werbeagentur, Familie und Ehe der Mitarbeiter beleuchet. Ein kleinerer Strang der durchlaufenden Geschichte beschäftigt sich mit einem 'dunklen' Geheimnis aus Drapers Vergangenheit, das mit seiner Zeit im Koreakrieg zu tun hat.
Die vielen kleinen Geschichten von 'Mad Men' sind m.E. nur ein Teil des Konzepts. Sie erzählen 'typische' Geschichten der 60er Jahre bzw. geben den gesellschaftlichen Zeitgeist wieder. Es geht um Aufbruchstimmung, moderne Technologien, gesellschaftlich deutlich eingeschränkte Frauen (als Hausfrauen oder Sekretärinnen), die anfangen gegen diese Rolle zu kämpfen, Wettbewerbsgeist und die Hoffnungen und Ängste des aufstrebenden Angestellten. Neben den eigentlichen Geschichten steht aber die Zeichnung der Atmosphäre, das Verdichten einer Stimmung der Zeit immer genauso im Vordergrund, oft sogar so sehr, dass die banalen Geschehnisse völlig hinter die Stimmungszeichnung zurücktreten. Z.b. gönnt man sich in einer frühen Folge den Luxus fast eine halbe Stunde darauf zu verwenden, einen Kindergeburtstag aus den 60ern abzufilmen - das klingt langweilig, ist aber so treffend und in Motivwahl, Dialogen und Kamaraführung so packend gemacht, dass man eintaucht in die Atmosphäre und auch ohne aufregende Geschehnisse gepackt und berührt ist.
Einen großen Stellenwert nimmt die Mann-Frau-Beziehung ein, wobei v.a. die ständige 'Jagd' der 'coolen' Kreativen auf alles, was einen Rock an hat, und die beginnenden Veränderungen in den ehelichen Beziehungen thematisiert werden. Ein weiteres wichtiges Motiv ist ein ständiges Rauchen und Trinken, z.T. so exzessiv, dass man nach einer Folge Schauen sich fast so körperlich angegriffen fühlt, wie nach einem intensiven Kneipenabend in einer verrauchten Eckkneipe, und manchmal richtig Angst um die Gesundheit der Figuren bekommt.
Diese machen dann für mich auch durchgehend einen eher traurigen Eindruck. Die Männer lachen schon viel, aber die Frauen gar nicht und die Männer auch eher das triumphhafte Siegeslachen einer Generation, die meint, ab jetzt kommt eine glorreiche Zukunft. Wirklich fröhlich ist in diesen 12 Folgen eigentlich fast nie jemand. Und so macht der Konsum durchaus melancholisch und etwas deprimiert. Dabei sind alle immer sehr, sehr gut gekleidet. Der gesamte 'Look' ist voll im gehobenen 60er Stil durchgestylt. In den USA soll man inzwischen sogar vom 'Mad-Men-Look' sprechen.
Zur Qualität: Im ganzen natürlich ein weiteres Beispiel der modernen amerikanischen TV-Kunst, v.a. was Ausstattung, Gesamtkonzeption, Spielkunst, Kameraführung und Dialoge angeht. Im Vergleich zu den meisten Serien deutlich mehr als fünf Punkte. Im Vergleich zu den vergleichbaren o.g. Serien ist sie aber etwas schwächer. Zunächst mag ich diesen 'stylishen' Look nicht so sehr - aber das ist Geschmackssache. Ich finde aber auch die Dialoge einen Tick schwächer als in anderen Serien, die vielen kleinen Geschichten haben etwas zu wenig Druck und sind nicht innovativ genug, zu standardisiert. Größtes 'Manko' (also ein Manko auf hohen Niveau!) ist aber, dass man es mit der Dekonstruktion etwas zu weit getrieben hat. Viele Handlungsströme werden angefangen, dann mal wieder lange Zeit fallen gelassen, plötzlich tauchen sie wieder auf, etc.. Das ist im Prinzip toll und interessant, aber im Vergleich z.B. zu Six feet under oder Sopranos, die bei aller Dekonstruktion doch eine sehr hohe Einheit und 'Mitte' der Erzählung produzieren können, gelingt dies hier nicht immer und man verliert sich manchmal in losen Fäden.
Aber noch mal: Die 'Kritik' entspricht einer 'Kritik' an Donizetti im Vergleich zu Verdi oder den Rolling Stones im Vergleich zu den Beatles. Im ganzen ist das ein hochfeines Stück Fernsehen, das des Sehens unbedingt wert ist. Vor der fehlenden deutschen Tonspur muss man sich nicht abhalten lassen. Das Englisch ist nicht zu schwer und gut zu verstehen.