In der dritten Staffel beherrschen zwei Storylines die Szenerie: (1) Die Veränderungen innerhalb SterlingCooper, nachdem sie von einer englischen Firma gekauft wurden. Es geht um Umstrukturierungen, Folgen der Aufgabe der Unabhängigkeit und kulturelle Unterschiede (wobei dem deutschen Zuseher hier vermutlich viele Nuancen abgehen; auf der britischen Amazon-Seite wird dieser Aspekt in Rezensionen sehr betont, ich konnte ihn nur in geringem Maße wahrnehmen). (2) Die Ehe von Don und Betty, in der andere Männer/Frauen und Don's Geheimnis eine Rolle spielen. Neben den üblichen kleineren Geschichten sind weitere größere Nebenplots: Das Schwanken von Peggy zwischen dem symbiotischen Verhältnis zu Don und dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Die Versuche Don's nicht nur Creative Director, sondern auch Account Manager zu sein (v.a. im Verhältnis zu einem besonderen Kunden). Die Entwicklung von Joan. Probleme in der neuen Ehe von Roger Sterling. - In die letzten beiden Folgen ist zudem der Anschlag auf John F. Kennedy stark eingewoben (kleine Preziose für deutsche Zuschauer ist der damalige englische Orginalton von Willy Brandt zu den Ereignissen). Andere historische Ereignise (wie Martin Luther Kings "I have a dream") dienen vorher als historische Kulisse, ohne aber größeren Einfluss auf die Geschichten zu nehmen. Im ganzen nehmen die privaten Geschichten und das abstraktere Beziehungsgeflecht im Beruf (wer macht Karriere, etc.) einen größeren Raum ein als bisher; die Darstellung konkreter Werbekampagnen als ein Sinnbild für die Entwicklung der Zeit gehen etwas zurück.
Im ganzen ändert Mad Men seinen Erzählstil in dieser Staffel etwas. Die langen, elegischen Plots, die sich über viele Episoden spannen (manchmal nur mit wenigen Szenen je Episode) nehmen ab; die kurzen Geschichten, die in einer oder vielleicht zwei, drei Episoden erzählt werden, nehmen zu. Die Stimmung wird im ganzen dunkler, dramatischer, vieles scheint auf Zerfall hinzudeuten. Das äußert sich in den erzählten Geschichten und in der Grundstimmung, die weniger relaxed und aufgeräumt ist (sogar der Alkohohl- und Zigarettenkonsum lässt etwas nach). Die aufkommenden Spannungen in der Gesellschaft der US-Mittelschicht entfalten ihre Wirkung. Das kleine Glück, die heilen Familien und die scheinbar immer erfolgreiche Wirtschaft geraten ins Wanken.
Dies kollidiert natürlich mit der Grundästhetik von Mad Men, die in der Betonung des Coolen und Stylishen liegt. Die Figuren bemühen sich auch, in dieser Haltung zu bleiben, und es einerseits sehr gut gemacht und lässt einem kalt den Rücken runterlaufen, wie die Figuren auch dramatischen Entwicklungen mit einer erschreckenden Selbstkontrolle fast maskenhaft begegnen. Andererseits gelingt die Darstellung dieser Kollision nicht ganz harmonisch. Ab und an hätte man sich ein wenig mehr menschliche Reaktion gewünscht, nicht aus menschlichen, sondern aus künstlerischen Gründen. Die übertriebene Künstlichkeit der Figuren wirkt weniger überzeugend als in den ersten beiden Staffeln.
Auch der Verzicht auf die lang gestreckten Plots stimmt einen traurig. Das war ein anstrengendes Merkmal von Mad Men (und schwierig zu realisieren für die Drehbuchautoren), aber ein Qualitätsmerkmal. Die kürzeren Geschichten sind zugänglicher, aber so zuweilen auch weniger tief. In dem langen Plot um Don und Betty sind zudem ein paar Wiederholungen (Untreue, Don's Geheimnis) zu beklagen, die ein wenig wie ein Remake von Staffel 1 wirken. Die finale geschäftliche Entwicklung in Episode 13 ist mir auch ein wenig zu dramatisch und konventionell (sehr gut gemacht, aber nicht ganz auf Mad-Men-Niveau). In den Episoden 1-5, 10 und 11 (ein bisschen auch in 12 und 13) lässt auch die Präzision in den Szenen, Kameraeinstellungen und Dialogen etwas nach (Beispiel: es erscheint ein farblich wunderbar auskomponiertes Bild von der Akkordeon spielenden und ergreifend singenden Joan und anstatt darauf zu verweilen - was dramaturgisch passen würde und emotional ergreifender wäre - schneidet man hektisch - was auch heißt: konventioneller - zwischen den Gesichtern der Zuhörer hin und her). Die mittlere DVD mit Folgen Episoden 6-9 ist allerdings von der überragenden Qualität der Staffel zwei.
Die Sprache ist ausschließlich Englisch, UT in Englisch, nicht in Deutsch. Rein akkustisch ist es manchmal schwer zu verstehen, mit UT geht es meist ganz gut, nur manchmal geht es etwas schnell.
Fazit: Eine teilweise Stiländerung, die dem Hardcore-Fan etwas weh tut, die Serie aber zugänglicher macht (wobei man freilich die Vorgeschichten aus Staffel 1 und 2 ungefähr kennen muss, um mitzukommen). In größeren Teilen ein leichtes Nachlassen von Präzision und Orginalität. Weiterhin aber wunderbare Momente der TV-Geschichte und im ganzen ein hochwertiges Stück TV. Die Serie 'leidet' darunter, dass man sie natürlich immer mit sich selbst und ihrer Top-Qualität vergleicht, die sie hier nicht ganz durchgängig halten kann.