Die grossartigste Fernsehserie aller Zeiten, Die Sopranos, wurde nach Staffel 6.2 beendet. Von den neuen, hochgelobten Serien wie Lost oder 24 konnte mich keine wirklich begeistern. Also versuchte ich es mit dem Pilotfilm von Mad Men. Das sieht ja aus wie die Rückblenden in Tony Sopranos Kindheit in den 60er Jahren, dazu kommt ein satirischer Blick auf den American way of life, Charaktere in der Sinnkrise und clevere Drehbücher, Musik wird respektvoll und passend eingesetzt. Im Abspann wurde dann auch noch David Chase, dem Erfinder der Sopranos gedankt. Auffällig viele Ähnlichkeiten, allerdings auch deutliche Unterschiede: Mad Men nimmt sich viel Zeit und verzichtet auf spektakuläre Action.
Erdacht wurde die Serie, um die Werbeagentur Sterling Cooper in der Mad(ison) Avenue, vom Sopranos-Drehbuchautor Matthew Weiner.
Jesse McLean widmet sich in "Mad Men - Die Könige der Madison Avenue" den ersten beiden Staffeln der Serie. Nicht nur ihm ist es unverständlich warum HBO die Serie ablehnte (bzw. nicht direkt absagte, sondern schlichtweg nicht auf Weiners Angebot antwortete), zumal David Chase von der Eigenständigkeit und dem Stil von einem frühen Mad Men Drehbuch so beeindruckt war, das er Weiner daraufhin für die Sopranos als Autor einstellte. Schon die Einleitung von McLeans Buch ist hoch interessant und erfüllt seinen Anspruch den Spass an der Serie zu erhöhen.
Das inflationär gebrauchte Wort "Kultserie" auf dem Cover finde ich eher unpassend. Die Serie wird mit Auszeichnungen überschüttet und ist ein grosser Erfolg für den Sender AMC. In Deutschland läuft sie zurzeit auf ZDF.Neo und im Pay-TV von Sky.
Statt dem Kapitel "Feiern wie die Mad Men" und dem Drink zur jeweiligen Folge hätte ich mir Interviews mit den Machern der Serie gewünscht. Neben dem deutschen Titel der Episoden hätte sich auch der amerikanische Originaltitel gut gemacht. Ansonsten gibt es nur Lobendes über dieses Buch zu sagen. Die Buch- und Filmbesprechungen, die im Zusammenhang mit der Serie stehen, etwa Das Apartment, Ein Pyjama für zwei, Werke zur Emanzipation wie Betty Friedans Der Weiblichkeitswahn und Helen Gurley Browns Sex und ledige Mädchen sowie eine kurze Abhandlung über den Wahlkampf Nixon-Kennedy sind äusserst interessant. Es gibt viel über Werbekampagnen zu erfahren, etwa die innovative Lemon-Kampagne für den VW Käfer. Überkritische Fans der Serie kommen auf ihre Kosten, wenn richtiggestellt wird, das eine Werbekampagne oder ein Produkt in der Realität erst später erschien, als in der Serie dargestellt. Offensichtlich scheint das Team aber meist sehr gewissenhaft recherchiert zu haben und bietet einen authentischen Blick auf die 1960er Jahre. Auch erhellend ist die Antwort auf die Frage, ob die armen Schauspieler wirklich ständig rauchen müssen. Bei Mad Men ist das ja schon, zumindest aus heutiger Sicht, absurd oft. Im Büro, im Restaurant, beim Kochen, im Zug - ständig wird geraucht. Allerdings sind es nur Kräuterzigaretten, die laut Jon Hamm (Don Draper) wie eine Mischung aus Gras und Seife schmecken. Amüsant auch John Slatterys (Roger Sterling) Resignation angesichts der Frage vieler Fans, wie es denn nun wirklich gewesen sei damals, in den 60er. Dabei wurde Slattery erst in den 60er Jahren geboren. Realität und Fiktion verschwimmen eben schnell, besonders dann wenn eine Serie so überzeugend ist wie Mad Men.
"Mad Men - Die Könige der Madison Avenue" gehört neben die Fernbedienung gelegt und schon ist die Serie noch spannender!
366 Seiten, Softcover, s/w-Fotos, Quellenverzeichnis, Übersetzung: Karlheinz Dürr & Karin Schuler, Ullstein 2010