Kinderlachen ertönt während die Leinwand noch schwarz ist. Der Vorhang hebt sich: Madrid 1937, Javier unser Protagonist ist noch ein Kind, sein Papa der Clown agiert in einer Manege. Er bringt im Zirkus die Kinder zum Lachen, während draußen der Bürgerkrieg tobt. Just in diesem Moment wird Papa-Clown von spanischen Milizen zwangsrekrutiert. Nun bleibt der kleine mutterlose Javier allein zurück. Ein Löwe stärkt ihm den Rücken (echt!).
Wir sind immer noch bei den Anfangs-Credits, es folgt ein kleiner Amuse-Gueule aus Fotoschnipseln, der uns minutenlang einstimmt, auf das was uns beim Mad Circus erwartet. Zu markerschütterndem Rhythmus von Roque Banos Filmmusik werden schwarz/weiße Fotoschnappschüsse gezeigt: die weinende Mutter Gottes, Frankenstein, Fahndungsplakate politisch Verfolgter, Barbarella, Franco, Reagan, Hitler, eine rauchende Diva, der gekreuzigte Jesus, Flamencotänzer, ein faschistischer Reichsadler im 300-Comicstil, Bilder von Goya wechseln mit dokumentarischen Bildern des spanischen Parlaments.
Bei der traurigen Trompetenballade handelt es sich wie man schnell merken wird nicht um einen typischen Zirkusfilm. À la wer kriegt das Mädel und dazwischen Hochseilspannung und Zikuscharme. Es geht zwar auch darum wer das Mädel kriegt, aber der Film ist völlig crazy, er schwankt stets zwischen Drama & Komödie, Politparabel & Historienfilm, Märchen & Groteske, Romanze & Splatterfilm, ist ALL DAS in einem und in toll und knallbunt. :D Viel akustischer und visueller Rumms, überbordende Bilder, nicht nur grotesk sondern auch burlesk, lärmende ausgelassene Fröhlichkeit wird von kummervoller Melancholie abgelöst und mündet in abrupte Gewalt. Also ich meine.. Splatterszenen und auch sexuell verstörende Szenen welche durchaus eine FSK18 Freigabe rechtfertigen. Durchsetzt ist das Ganze immer wieder mit Wochenschauberichten und anderen Schnipseln, die die geschichtliche/politische Einbettung ins Francospanien klarmachen. Und der wummernder Score, der perfekt ins Bild passt.
Also... Papa-Clown, von Milizen mit einer Machete zwangsbewaffnet, wird in ein Blutbad gegen die Frankisten verwickelt, stirbt in Gefangenschaft und gibt seinem kleinen Sohn vorher noch schnell den Rat mit auf den Weg, zwar auch ein Clown zu werden, wie es seit Generationen in der Familie üblich ist, aber ein trauriger Clown!
"Aufgrund deiner verlorenen Kindheit und der gewaltvollen Umstände in deinem Leben , werde ein trauriger Clown.
Und die Rache, vergiss die Rache nicht!"
Wir erleben jetzt wie das altmodische Bild des Clowns zu einer Art barbarischem Sinnbild für den Krieg wird.
Madrid 70er Jahre:
40 Jahre später also, das faschistische Francoregime ist noch immer an der Macht, hat Javier als Clown - zumindest beruflich - das Erbe seines Vaters angetreten. Ein trauriger Clown ist er geworden. Einer der sich schon weit in den mittleren Jahren befindet, Speck angesetzt hat, die Rache hat er anscheinend vergessen. Er bewirbt sich bei einem Circus. Dem Mad Cicus, in dem der Star-Clown Sergio die Zügel in der Hand hat. Der Zirkus ist zwar arm und etwas heruntergekommen, aber idealistisch. Zwischen Hundedressuren und Elefantennummern versucht Javier seine Mätzchen als Clown triste. Da gibt es auch die schöne Natalia, eine vollbusige Akrobatin. Sie ist eigentlich mit Serge dem Chefclown zusammen. Natalia findet Gefallen an Javier und das ist der Anfang eines erbitterten Kampfes zwischen den beiden Clowns, die selbst den Tod riskieren, um die Gunst Natalias zu gewinnen.
DER POLITISCHE KONTEXT:
- Und auch der ein oder andere Spoiler -
Öhöm.. ein politischer Kontext ist zwar in dem Liebesdrama-Gemache nicht jederzeit greifbar, aber irgendwie doch sehr eindeutig. Irgendwann ist klar: der Zirkus ist Spanien. Doch, ehrlich! Die Regierung (Zirkus-Direktor) ist zwar offiziell der Herr des Hauses, hat aber in Wirklichkeit wenig zu gebieten. In Wirklichkeit ist es der Faschismus (gespielt vom lustigen Clown ) der das Sagen hat. Mit autoritärer Strenge und menschenverachtender unberechenbarer Grausamkeit schwingt er das Zepter. Der Widerstand (gespielt vom traurigen Clown), ist der vom Faschismus geschlagene, der Kindheit und des Vaters beraubte Clown triste. Beide lieben das Volk (gespielt von er reizenden Akrobatin Natalia). Auch das Volk liebt sie irgendwie beide, den Faschismus und den Widerstand. Natalia verkörpert den Masochismus dieses Landes, sie trägt eingangs auch gleich mal 'ne spanische Flagge als Umhang. Sie ist Spanien und liebt es irgendwie geschlagen und gedemütigt zu werden, ist dennoch lebensfroh und forsch mit ihren schönen langen blauen Wimpern und der vorwitzigen Zungenspitze.
...Sie balgen um die Gunst Natalias...
Beide, Faschismus und Widerstand, erliegen am Ende der Eitelkeit und Herrschsucht auf denen das System beruht.
Auf den Querbalken eines 150 Meter in die Höhe ragenden Kreuzes wird die geradezu obszöne Bündnis zwischen Katholizismus und Faschismus fassbar gemacht. Wenn unter den ausgebreiteten Flügelarmen der Kirche, der Faschismus mit dem Widerstand einen finalen Kampf austrägt, ist wohl klar dass es zwar keinen wirklichen Sieger geben kann. Aber einen Verlierer, das Volk ... *hups*... es fällt... zu den Anklängen von Mozarts Requiem, gehalten zwar von Sicherheitsseilen, aber es wird am Ende etwas verloren haben. Nicht das Leben unbedingt. Aber das Rückgrat. Entzweigebrochen unter den zunehmend eigennützig-eigensinnigen Hader der beiden Parteien und unter dem Schutz der Kirche.
*g*
Mag der politische Bezug ein wenig plump sein. Ich kann ihn dem Film nicht wirklich als gelungen zuschreiben. Am Ende ist es allein der Kampf um Liebe und der nimmt zunehmend groteskere Formen an. Das nervt irgendwann schon fast, und noch später ist der Film am ehesten eine Art HAU DEN LUKAS. Das Ding ist nur - es MACHT SPAß!
Und wir sehen unserem Protagonisten fassungslos dabei zu, wie er im hinten offen Nachthemd (und bald schon ganz nackig) im Wald lebt und totes Wild apportiert.
Aber: Clowns sind irre, das wussten schon
Batman und
Stephen King .
RESULTADO:
UNTEN: barock überladene Wirrungen in bunt OBEN: schwarz-weiße Wochenschauschnippsel
Ach so, ob der Film über guten Geschmack verfügt?
Sicher nicht.
Egal.
Zu metaphorisch??
Dick?
Plakativ?
Ja.
Und?
Unter der extra fetten Schicht Theaterschminke, unter dem bröckeligen Puder, dem riesigen gemalten Clownsmund, verbirgt sich ein sensibles Gesicht, wenn auch ein recht alltägliches.
Alex de La Iglesia , der auch selbst das Drehbuch geschrieben hat, bekam viel Beifall in Venedig, vor allem von einem (wen wunderts) begeisterten Quentin Tarantino. Der fand die Clownorious Basterds jedenfalls ziemlich schick. Ich habe vorher noch keinen Igelsia gesehen, aber ich lasse mich trotz aller Kritik schon zu 5 Sternen hinreißen und werde bald mal einen vorsichtigen Blick auf
El Dia de la Bestia werfen.
Mad Circus ist ein heftiger, FETTER, voll geladener Film. Visuell und akustisch überbordend, dramatisch bis zum Anschlag, der immer wieder volles Rohr in den Kitsch reinlatscht und Metaphern wie Jonglierbälle eher tollkühn als kunstvoll in der Luft tanzen lässt. Wenn einer runter fällt, schei*egal! Ein Zirkus wie sein Land, in dem Schrecken und Humor ineinander fließen, laut, stolz, albern und melodramatisch-lebensfroh.
Produktinfo Special Edition: Es gibt nichts zu meckern.
FSK ganz klar: ab 18 Jahren
Laufzeit: 101:00 Min. (97:30 Min. o. A.)
Disk 2 hat fast 2 Stunden Bonusmaterial drauf.
Es gibt außer deutschem Ton DTS 5.1 auch den Originalton DTS 5.1 spanisch, aber NUR deutsche Untertitel.
Lobenswert: Das FSK Logo ist ein ABLÖSBARER Aufkleber auf dem Schuber des Digipaks!