Sogar wenn er nur die Musik zur Dreigroschenoper komponiert hätte, wäre er unsterblich: Kurt Weill, eines der musikalischen Universalgenies des 20. Jahrhunderts. Dem Sohn eines orthodoxen jüdischen Kantors war nichts zu ehrwürdig und nichts zu scheinbar trivial, um es nicht in seine Musik zu integrieren: Schlagermusik und protestantischer Choral, Volkslied, Moritat, Ballade, Jazz, zeitgenössische Tanzmusik -- es gibt eigentlich nichts, das Weill nicht interessiert hätte, das er nicht genial in seine Kompositionen umgesetzt hätte.
Auch seiner Laufbahn verpassten die Nazis und die von ihnen erzwungene Emigration einen Knick, aber Weill gehörte zu denen, die es schafften, in den USA eine zweite Karriere zu begründen, die sich musikalisch von der glanzvollen ersten unterschied, aber nicht minder bemerkenswert und nicht minder kreativ war. Vom Epischen Theater zum Broadway: Wer sonst hätte diesen Spagat geschafft ohne musikalische Verrenkungen?
Die vorliegende Sammlung präsentiert einen griffigen Überblick über die wichtigsten Stationen in Weills Schaffen; bei fast allen Aufnahmen handelt es sich um berühmte Erstaufführungen oder aber um besonders eigenwillige zeitgenössische Aufnahmen. Geordnet sind die Tracks erfreulicherweise chronologisch.
Das erstaunliche hier: Vieles aus der Zeit nach "Dreigroschenoper", "Mahagonny" und den "Sieben Todsünden" kennt man eigentlich garnicht im O-Ton... ein weiteres Argument für diese CD.
Aber der Reihe nach: Natürlich sind einige der ganz großen Knaller aus seiner Zusammenarbeit mit Brecht enthalten. Die unvergleichliche Lotte Lenya ist u.a. zu hören mit "Surabaya Johnny", dem "Alabama Song" und dem "Bilbao Song" -- und den "Mackie Messer" und die "Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens" singt Bertolt Brecht persönlich -- der konnte zwar nicht singen, aber das konnte er perfekt.
Freilich müssen bei einer solchen Sammlung einige Wahnsinns-Heuler draußen bleiben -- aber dafür können die Herausgeber nichts, die aus einer Unmenge Archivmaterial auswählen mussten. Dafür liefert das Booklet -- wie immer bei der "Naxos Nostalgia"-Serie -- Hintergrundinformationen zu den einzelnen Aufnahmen, die ihre "Kollegen" in manch teurerer Ausgabe locker in den Schatten stellen.
Weills späteres Werk ist jazziger; man spürt: In Amerika hat er neue Einflüsse in sein Werk integriert. Man hört es bei Walter Hustons "September Song" (ich wusste garnicht, dass Weill das für Huston geschrieben hatte!), und man hört es bei Gertrude Lawrences Interpretation der englischen Version der Seeräuber-Jenny: Das klingt ganz anders als damals bei Lotte Lenya, aber langweilig ist diese Version auch nicht (mir persönlich gefällt Lenyas Version allerdings besser, die ist so schön kalt wie ne Hundeschnauze).
Natürlich greift Weill in dieser Zeit auch den damals angesagten Bigband-Sound auf; die vorliegende Sammlung enthält z.B. eine Einspielung von "Moon-Faced, Starry-Eyed" von Benny Goodman. Auch wenn mir persönlich ein, zwei Songs aus dieser Phase zu glatt klingen -- es gibt auch hier Phantastisches zu entdecken: Etwa Greta Keller (noch nie gehört, den Namen... Leider!) mit einem groovenden "Green-Up Time", oder Danny Kaye mit einer Vaudeville-Glanzleistung (dazu gleich).
Allerdings wäre Weill nicht Weill gewesen, wenn er nur den Mainstream aufgegriffen hätte. Ein wunderschönes Beispiel für sein Können ist "Tchaikovsky", wo der junge Danny Kaye eine Art frühen Komponistennamen-Rap in atemberaubendem Tempo hinlegt -- ein gesungener Zungenbrecher, der Komponist und Sänger ihre Klasse beweisen lässt.
Wie gesagt: Diese Sammlung will nicht nur einen chronologischen Querschnitt schaffen, sondern präsentiert zugleich auch außergewöhnliche Aufnahmen, fast alle zu Lebzeiten Weills (1900-1950) eingespielt; nur drei stammen aus den Jahren 1954 bis 1956.
Zur illustren Mannschaft, die sich an Weills Werk wagen durften, gehörten, neben Bertolt Brecht und Lotte Lenya, noch Musiker, die man nicht auf Anhieb mit Kurt Weill in Verbindung bringen würde: Danny Kaye zum Beispiel, Benny Goodman, Jascha Heifetz (mit dem Moderato aus der Dreigroschenoper) und natürlich Louis Armstrong mit seinem wunderbaren "Mackie Messer".
Das wäre dann in etwa das 7. Argument für diese CD...