Dr. Marga Kreckel ist, als sie in ihrem klinischen Praktikum einen jungen Patienten behandelte, auf die Vater-Sohn-Problematik und den kausalen Zusammenhang mit der Entstehung psychischer Erkrankungen (schizophrener Psychosen) aufmerksam geworden. Mit Unterstützung anderer Fachärzte hat sie ihre im Laufe weiterer Jahre gewonnenen Erkenntnisse in diesem Buch zusammengefasst. Ihr hier vorgestelltes Konzept einer psychotherapeutischen Behandlung wird in der von ihr aufgebauten Tagesklinik am Städtischen Klinikum Nürnberg umgesetzt. "Es erwies sich in der konkreten Arbeit häufig als Schlüssel zum Verständnis des Patienten und führte immer wieder zu dramatischen Besserungen des Gesundheitzustands." Auch von Fachärzten, die elterliches Versagen als Ursache psychischer Erkrankungen ablehnen - Schuldzuweisungen nützen niemandem - wird der destabilisierende (oder förderliche) Einfluss der Familie bei angeborener Verletzlichkeit anerkannt.
Marga Krecke beleuchtet den kulturellen Hintergrund der Vater-Sohn-Beziehung, das zugrunde liegende Männerbild unserer Gesellschaft und daraus erwachsende Konflikte (stets mit Fallbeispielen und jeweis am Kapitelende Exkurs und Zwischenergebnis). Am Schluss stellt sie tabellarisch das therapeutische Konzept ihrer Tagesklinik vor. In der katamnestischen Untersuchung, die eine Psychologin im Rahmen ihrer Diplomarbeit erstellte, wird der Behandlungserfolg dokumentiert und z. T. in Schaubildern präsentiert.
Inhaltsangabe
1 Vater - Sohn; Kultureller Hintergrund und klinische Realität/ 2 Welt der Männer; Demonstrative Stärke - verborgene Schwäche (aus Perspektive von Sohn und Vater)/ 3 Macht des Vaters; Idealisierung und Realität/ 4 Die Ohnmacht des Sohnes; Erziehung und Konflikt/ 5 Machtmodell; Richter und Urteil/ 6 Krise des Sohnes: Verausgabung und Ausweglosigkeit/ 7 Krankheit des Sohnes; Hoffnung auf Erlösung - Angst vor Vernichtung/ 8 Adolszenz und psychische Gefährung; Theoretische Überlegung zur zweiten Individuationsphase/ 9 Psychotherapie schizophrener Psychosen; Behandlungsvoraussetzungen und therapeutischer Prozess/ Adolsezenz - junges Erwachsenendasein/ Anhang: Therapeutische Konzeption der Tagesklinik; Katamnestische Untersuchung; Familiengespäche in der Tagesklinik (Vidoaufzeichnung)/ Anmerkungen und Literaturverzeichnis
Ich selbst begann, nach den aufeinander folgenden Suiziden zweier naher Verwandter (Brüder, 45 und 51 Jahre alt), meine Familiengeschichte zu erforschen. In der Zeit war ein weiterer Angehöriger an Schizophrenie erkrankt. Damals bekam ich dieses Buch geliehen und entdeckte zahlreiche Parallelen in der Geschichte der beiden (nicht blutsverwandten) Familien, besonders die Machtposition des Vaters und die mangelnde Verfügbarkeit der Mutter. Leider wurde von den behandelnden Ärzten kaum nach biografischen Hintergründen gefragt; selbst mein Hinweis, dass der Patient auf die Frage nach den Gefühlen für seinen Vater in Tränen ausgebrochen war und schluchzte: "Vor dem habe ich immer Angst gehabt", wurde ignoriert. Ich würde Büchern wie diesem in der Fachwelt mehr Beachtung wünschen. Heute wie vor zwanzig Jahren wird immer noch überwiegend auf Psychopharmako-Therapie gesetzt. Für Angehörige kann das Buch zum besseren Krankheitsverständnis beitragen und für betroffene Menschen ein Weg zur Selbsterkenntnis sein, als Prävention davor, immer tiefer in den Sumpf von Psychose oder Depression hineinzugeraten.