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Weshalb das Ganze von mir trotzdem nur 1 Stern bekommt? Ganz einfach. Dieses Buch ist eine echte Zumutung für den Leser! Es strotzt derart von unnötigen Fermdwörtern, daß auch der Gebildete ständig als Übersetzungshilfe das Fremdwortlexikon griffbereit halten muß, um nachzuschlagen, was der Autor eigentlich meint. Ich frage mich, ob Luhmann vielleicht für jedes Fremdwort in dem Buch eine Art Belohnung bekommen hat? Einen Punkt für ein englisches Fremdwort, zwei Punkte für ein lateinisches und drei Punkte für ein besonders ungebräuchliches aus dem Altgriechischen. "Parömie" klingt halt beeindruckender als "Sprichwort", "tangieren" gebildeter als "berühren" und "autark" markiger als "wirtschaftlich unabhängig". Die Fremdwortdichte in dem rund 120-seitigen Text beträgt 25 Prozent und mehr. In einem Satz, der aus ganzen vier Worten besteht, findet sich also mindestens ein Fremdwort - und zwar an der für das Verständnis entscheidenden Stelle. Es gibt zahllose längere Sätze aus 12 bis 15 Wörtern, bei denen nur noch "der", "und", "ist" und "ein" darauf hinweisen, daß es sich hier um einen Text auf Deutsch handelt. Angesichts von Luhmanns Kombinationen aus mehreren Fremdwörtern packt mich bisweilen das kalte Grausen. Kostprobe: "gesellschaftsstrukturelle Kompatibilität", "Institutionalisierungsgrad eines Kommunikationsmediums" , "...Äquivalente für Code-Funktionen in der Struktur und im Umweltverständnis von Interaktionssystemen." Alles klar?
Man könnte Luhmanns Aussagen durchaus allgemeinverständlich niederschreiben. Diese Absicht hat der Autor aber offensichtlich nicht gehegt. Sonst beschwere ich mich, wenn mir Texte zu langatmig sind und sich oft wiederholen, daß sie als Bücher ein Drittel zu lang wären. Bei diesem Buch hier hätten ein paar zusätzliche erklärende Sätze in einfachem Deutsch anstatt eines kurzen aber ungebräuchlichen Fremdwortes, sich als hilfreich erwiesen. Das schmale Bändchen ist etwa zwei Drittel zu dünn ausgefallen, was man auch daran sieht, daß die 235(!) Fußnoten keinen Platz finden können unter den 120 Seiten Haupttext. Sie machen als Anmerkungen hinten dran nochmal 23 Seiten Kleingedrucktes aus. So darf der Leser immer hübsch hin und her blättern zwischen seinem Fremdwortlexikon und den Anmerkungen und kommt im Haupttext nur schleppend voran. Es ist dadurch mühsam und schwierig, die Gedankengänge des Autors nachzuvollziehen.
Warum gebraucht Luhmann soviel Fremdwörter? Wie hat es ein so unverdauliches Buch überhaupt auf drei Auflagen bringen können? Ich kam auf zwei Erklärungen: Zum einen ist das Werk aus dem Jahr 1975 und sein Autor inzwischen zum Soziologie-Papst aufgestiegen (er selbst hätte an dieser Stelle wohl geschrieben "zur Koryphäe avanciert"). Nun müssen all die armen Soziologiestudenten sich für die Prüfung durch seinen Texte quälen. Zum anderen wird vom Verlag nicht verraten, wie hoch die Auflagen jeweils waren.
Eine weitere Erklärung liefert das Buch selbst: Die Soziologie ist eine recht junge Wissenschaft, die noch keine eigene Fachsprache ausgebildet hat; so wird es im Buch ausdrücklich beklagt. Immerhin wirbt der Verlag auf der letzten Seite bereits für ein teures Speziallexikon für den angehenden Soziologen. Die ganze Soziologie besteht doch hoffentlich nicht nur darin, sich möglichst unverständlich, kompliziert und mit vielen Fachausdrücken über gesellschaftliche Zusammenhänge zu äußern! Soziologie könnte man auch mit "Gesellschaftskunde" übersetzen. Sie behandelt die Grundlagen auf denen unser menschliches Zusammenleben im großen Rahmen beruht. Die Gesellschaft, das sind wir alle. Wenn nun die Grundlagen der Soziologie so klar formuliert würden, daß wir alle sie verstehen könnten, hielten wir die soziologischen Gedankengänge dann womöglich für zu einfach, gewöhnlich oder gar platt? Gäbe es dann etwa keine Fördergelder mehr? Muß deshalb vielleicht mit undurchdringlichen Wortschwaden vernebelt werden, daß der Elfenbeinturm der Soziologie nicht hoch droben auf dem Berggipfel der wissenschaftlichen Forschung steht, sondern irgendwo weiter unten in einer sumpfigen Niederung, wo die Binsenweisheit sprießt?
Mein Tip: Verschenken Sie "Macht" an jemanden, den Sie nicht leiden können und fragen Sie denjenigen anschließend nach seiner Meinung zu dem Buch. Entweder flüchtet derjenige dann jedesmal, wenn er Sie kommen sieht, oder er zeigt sich demütig und schwer beeindruckt von Ihrer hohen Bildung.
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