Was darf man sich erhoffen, und was erwarten, wenn der ehemalige und zukünftige Parteivorsitzende der SPD, der eigentlich nie ein Buch schreiben wollte, nun doch zu Stift und Papier greift? Meine Hoffnung war eine kompetente, scharfzüngige, vielschichtige, differenzierte und weitsichtige Analyse unserer Zeit, verbunden mit einem zupackenden und tragfähigen Konzept für die Zukunft Deutschlands, eine Quelle der Inspiration, die Lust weckt, selbst über die bestehenden Probleme nachzudenken und Politik zu machen. Zu erwarten war eine Zusammenfassung der Standpunkte der SPD, die Rechtfertigung der rot-grünen Agendapolitik, einige Angriffe auf den politischen Gegner, vage Andeutungen der zukünftigen politischen Marschrichtung.
Deshalb ist es auch kein Kompliment, wenn ich sage: Erwartungen erfüllt - und nur vereinzelt, ein wenig, übertroffen. Das Buch ist eine Versammlung abgegriffener Themen, die nicht neu belebt werden, von Argumenten, die nicht überzeugender werden, nur weil man sie wiederholt, und Ansichten, die man halbherzig annimmt oder ablehnt, je nachdem welcher politischen Sichtweise man zugeneigt ist. - Alles in allem kein weises Buch, keines das bleiben wird, keines das Maßstäbe setzen kann, nur eines unter vielen. Daran ändern auch einige wenige gelungene Sätze nichts, die zeigen, welches Potential Müntefering gehabt hätte, ein wirklich gelungenes Buch zu schreiben. Dafür hat ihm leider der Mut gefehlt. Müntefering sagt in diesem Buch über Angela Merkel (S.10): "Sie blieb CDU-Vorsitzende, wo sie Kanzlerin hätte werden müssen." Ich behaupte: Müntefering ist Parteisoldat geblieben, wo er Denker und Impulsgeber hätte werden können.