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3.0 von 5 Sternen
Gut geschrieben, doch leider sehr spekulativ, 12. November 2008
Das Buch ist gut lesbar, allerdings weist es einige Redundanzen auf. Sehr viel Neues über den Grundentwurf der Memetik in Richard Dawkins
Das egoistische Gen erfährt man nicht, vielleicht mit Ausnahme der Memplexe (Religionen als Komplexe aus Memen) und einer auf Memen basierenden Altruismustheorie.
Die im Buch aufgeführten Anwendungsbeispiele zur Memetik sind zwar recht interessant, leider aber auch zum Teil sehr spekulativ. Das ist überhaupt eines der großen Probleme der Memetik, denn noch nie konnte ein Mem konkret beobachtet bzw. gemessen werden.
Das Spekulative der Memetik drückt sich aber auch schon in der Kurzbeschreibung des Buches aus: "Als einzige Vertreter unter den Tieren verfügen Menschen über eine ausgeprägte Fähigkeit, andere zu imitieren, und so können wir Ideen, Angewohnheiten, Fähigkeiten, Verhaltensweisen, Erfindungen, Lieder und Geschichten voneinander kopieren. All das sind Meme - Einheiten, die ähnlich wie Gene danach 'streben', sich zu verbreiten und zu vermehren. Meme wetteifern darum, in so viele Gehirne wie möglich zu gelangen und sich dort zu behaupten, und diese Konkurrenz der Meme hat unseren Geist und unsere Kultur geformt."
Dies ist in mehrerlei Hinsicht äußerst problematisch:
1. bekommt man den Eindruck, dass die Initiative bei der kulturellen Evolution von den Memen (und nicht von Menschen bzw. Akteuren) ausgeht, denn Meme "streben" gemäß Blackmore nach Verbreitung und Vermehrung. Sie selbst scheinen also zu konkurrieren, und nicht die Akteure.
2. Ironischerweise begründet Richard Dawkins im
Das egoistische Gen seine Memetik mit einer Vogelart, und zwar den Neuseeland-Lappenstaren. Diese würden nämlich hin und wieder eine neue Melodie erfinden und ggf. ihrem Melodiepool hinzufügen. Wie Zoologen nachweisen konnten, werden die Gesangsmuster jedoch nicht genetisch vererbt, sondern durch Imitation erworben (und dann ggf. verändert). Der Mensch ist also in der Hinsicht keineswegs einzigartig, wie Susan Blackmore behauptet. Schlimmer noch: Der Gesang der Lappenstar-Männchen ist für die Weibchen so etwas wie ein Fitnessindikator. Folgte man den Ausführungen Richard Dawkins und Susan Blackmores, dann wollten Pfauenmännchen ihren Weibchen durch einen genetisch vererbten Schweif imponieren, Lappenstare dagegen durch kulturell erworbene Fitnessindikatoren. Die kulturellen Fitnessindikatoren könnten dabei eigendynamisch als Meme evolvieren (ohne "Schöpfer" und unabhängig von den Lappenstaren), während die genetischen Fitnessindikatoren dies nicht könnten (sie benötigten einen "Schöpfer", nämlich die Pfauen). Bevor sie weitermachen, sollten die Vertreter der Memetik zunächst einmal erklären, wie sie das mit der Darwinschen Theorie in Einklang bringen wollen.
3. Jablonka und Lamb machen in
Evolution in Four Dimensions: Genetic, Epigenetic, Behavioral, and Symbolic Variation... deutlich, dass es nicht die Fähigkeit der Imitation ist, die Menschen in der Natur auszeichnet, sondern die der symbolischen Kompetenzspeicherung (Schrift etc.).
4. Mersch erklärt in
Evolution, Zivilisation und Verschwendung: Über den Ursprung von Allem (und auf Google-Knol) die kulturelle und technische Evolution viel plausibler und auch einfacher als dies das besprochene Buch tut. Eine Memetik mit separaten, fiktiven Replikatoren ist demgemäß überhaupt nicht erforderlich.
Ich möchte zwei im Buch behandelte Anwendungsfälle der Memetik beispielhaft herausgreifen und an ihnen deutlich machen, wie wenig ausgereift die Theorie letztlich ist.
A. Im Kapitel 10. "Ein Orgasmus rettete mein Leben." (das ich zuerst gelesen habe - wer möchte nicht gerettet werden?) beschreibt Susan Blackmore, dass Sex zum alles beherrschenden Thema in unserer Gesellschaft geworden ist. In diesem Zusammenhang analysiert sie den Geburtenrückgang (den demografischen Wandel). Sie führt aus (201):
"Wir haben den Akt, das Vergnügen und die Vermarktung von Sex weitgehend von seiner Fortpflanzungsfunktion getrennt. Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, diese Scheidung zu erklären. Die erste ist die Antwort der Soziobiologie: Das moderne Sexualverhalten wird immer noch von den Genen bestimmt, und unsere Geburtenkontrolle ist (vom Standpunkt der Gene gesehen) ein Fehler, der möglich wurde, weil die Gene nicht voraussehen konnten, wie wir unsere Intelligenz gebrauchen würden. Die zweite ist die Antwort der Memetik: Das moderne Sexualverhalten wird von den Memen bestimmt. Obwohl unsere fundamentalen Instinkte und Lüste noch immer genetisch determiniert sind und beeinflussen, welche Gene erfolgreich sind, sind es nun die Meme, die diktieren, wie wir uns verhalten."
Susan Blackmore stellt dann die memetische These auf, dass heute keine Partner mehr zur optimalen Verbreitung der eigenen Gene, sondern von Memen gesucht werden. Mit anderen Worten: Wir paaren uns mit den besten Imitatoren. Sie fasst zusammen (213):
"Eine meiner Schlüsselannahmen ist, dass die natürliche Selektion nach Entstehung der ersten Meme begann, Menschen zu favorisieren, die sich für eine Paarung mit den besten Imitatoren oder den besten Benutzern und Verbreitern von Memen entschieden."
Ein solcher Erklärungsansatz ist jedoch äußerst problematisch. Denn erstens liefert die moderne Demografie eine weitere, von Susan Blackmore nicht erwähnte Erklärung für den Geburtenrückgang ("Opportunitätskosten von Kindern"), und zweitens dürfte man die entscheidenden eigenen Meme wohl eher über berufliche Tätigkeiten verbreiten können als ausgerechnet über einen Sexualpartner.
B. Das andere Thema ist der Altruismus. Hier macht sie zunächst noch einmal (richtigerweise) deutlich, dass die Theorie der egoistischen Replikatoren (
Das egoistische Gen) im Grunde eine Theorie zur Erklärung von Altruismus ist (241):
"Wenn man die Replikatoren ins Zentrum der Evolution stellt und die Selektion als Prozess ansieht, der einige Gene fördert, andere hingegen nicht, dann ergeben viele Formen des Altruismus auf einmal einen Sinn. Nehmen wir beispielsweise elterliche Fürsorge."
Nun ist aber gerade beim Menschen oftmals ein reiner, uneigennütziger Altruismus (der selbst aus gen-egoistischer Sicht keinen Sinn machen würde) anzutreffen. Richard Dawkins erwähnte als Beispiel das Blutspenden. Susan Blackmore behauptet nun, dass sich ein solcher Altruismus recht gut memetisch erklären lässt (250):
"Stellen Sie sich eine Welt voller Gehirne vor, in der es weitaus mehr Meme gibt, als unterkommen können. Welche Meme werden mit größerer Wahrscheinlichkeit einen sicheren Unterschlupf finden und weitergegeben werden? Ich vermute, dass sich unter den erfolgreichsten Memen altruistische, kooperative und großzügige Verhaltensweisen befinden."
Explizit wird von ihr als Beispiel der erfolgreiche Steinzeitjäger erwähnt, der einen Teil seiner Beute generös anderen Familien zur Verfügung stellt. Sie behauptet, ein solches Verhalten könne leicht imitiert werden und sich auf diese Weise in der Population durchsetzen. Dabei übersieht sie, dass die scheinbar altruistische Handlung eine Demonstration der Stärke ist, denn leisten können sich solche Wohltaten nur ausgesprochen geschickte und erfolgreiche Jäger, die regelmäßig mehr erbeuten, als sie und ihre Familien verbrauchen können. Mit anderen Worten, das Verhalten demonstriert die eigene Fitness (Fitness-Indikator). Altruismus ist in diesem Fall ein sog. Handicap (siehe:
Signale der Verständigung: Das Handicap-Prinzip). In der Fachliteratur fällt es unter "indirekte Gegenseitigkeit", weil mit der Handlung ein Prestigegewinn in der Gruppe verbunden ist. In der Altsteinzeit dürften Männer mit solchen Verhaltensweisen einen überdurchschnittlich hohen Fortpflanzungserfolg gehabt haben. Wie man sieht, kann man fast alles auch ganz anders und mit herkömmlichen biologischen Mitteln erklären.
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5.0 von 5 Sternen
Geniale Ergänzung zur Soziobiologie, 29. Mai 2001
Rezension bezieht sich auf: Die Macht der MEME. Oder die Evolution von Kultur und Geist (Gebundene Ausgabe)
Susan Blackmore greift eine Idee von Richard Dawkins auf, die dieser in seinem Buch "Das egoistische Gen" publiziert hatte. Es geht um die Einführung eines zweiten Replikators, der neben den Genen eine Rolle spielt. Dawkins nennt diesen Replikator Mem (ein Kunstwort, abgeleitet aus dem Altgriechischen, mit Anklängen an Gen). Ein Mem ist ein Replikator, der von Gehirn zu Gehirn springt und sich wie alle Replikatoren durch Kopiergenauigkeit mit kleinen Variationen, Dauerhaftigkeit und Konkurrenz mit anderen Replikatoren (Selektion, "survival of the fittest") auszeichnet. Meme sind Melodien, Gedanken, Moden, politische Parolen, religiöse Vorstellungen. Susan Blackmore zeigt sehr eindrucksvoll, daß die "Memetik", die Theorie der Meme, mehr ist als eine Soziobiologie. Meme und Gene können, müssen sich aber nicht parallel entwickeln.
Voraussetzung von Memen sind Gehirne mit Fähigkeit zur Imitation. Blackmore zeigt, daß eine Koevolution von Genen und Memen die gewaltige Vergrößerung des Hirnvolumens vom Australopithecus zum Homo sapiens besser erklären könnte als rein evolutionsbiologische Ansätze.
Blackmore deutet and, daß die Memetik - in Übereinstimmung mit den modernen Neurowissenschaften - es nahe legt, das Individuum bzw. das Ichbewußtsein (cogito, ergo sum nach Descartes) als Artefakt zu verstehen. Dies hätte Folgen für das christlich-abendländische Menschenbild (Begriff der Person, Menschenwürde) und seine politischen Implikationen (Embryonenforschung!).Nach meinem Eindruck ist die Memetik hervorragend geeignet, zutreffende soziologische Modelle zu entwickeln.
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