Sucht man ein deutsches Buch zur Geschichte der Ernährungsforschung, so sucht man leider vergeblich. Dem Suchenden kann aber dennoch geholfen werden, denn Albert von Hallers exzellentes Buch "Macht und Geheimnis der Nahrung" befasst sich genau mit der Ernährungsforschung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als deren Grundlagen entdeckt wurden, und zudem liefert es die älteren Literaturhinweise dazu. Nur kann dies dem Titel nicht entnommen werden. Auch deshalb erscheint Buchbesprechung hier erforderlich.
Der Autor Albert von Haller (1903-2000), der Verlagsleiter, Publizist und Schriftsteller war, hat sich in seinem Leben intensiv mit Ernährungsfragen befasst und dazu zahlreiche Bücher verfasst. Am bekanntesten ist sein Klassiker "Gefährdete Menschheit", in der die degenerativen Folgen der einseitigen industriellen Nahrung auf Naturvölker überall auf der Erde beschreibt, die vor allem W. Price weltweit untersucht hat.
Sein Buch "Macht und Geheimnis der Nahrung" hat dagegen nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die es verdient. Es wurde aufwändig recherchiert. Auf fast 400 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Literatur-, Personen- und Sachverzeichnis zeigt es in 32 Kapiteln den mühsamen Weg zu einer Ernährungswissenschaft. Der Autor konzentriert sich auf die Entdeckung der gesundheitlichen Bedeutung der Nahrung. Es zeigt sich, dass der Autor ein Journalist war, denn das Buch liest sich oft wie ein spannender Abenteuerroman. Allerdings zeigt der Autor eine Neigung zum - sagen wir - Philosophieren.
Ein Schwerpunkt stellt die Entdeckung der Vitamine dar. Vitaminmangel-Krankheiten wie Beri-Beri, Skorbut, Pellagra, Nachtblindheit, und Rachitis werden behandelt, und wie es zur Entdeckung der damit in Verbindung stehenden Vitamine kam. Vor allem Beri-Beri und Pellagra werden ausführlich behandelt. So wird die Forschung zur furchtbaren Vitamin-B-Mangelkrankheit Beri-Beri ausführlich verfolgt, die im asiatischen Raum zur Wende des 20. Jahrhunderts auftrat, als der Vollkornreis durch den heute üblichen polierten (geschältem) Reis ersetzt wurde, wobei B-Vitamine weitgehend verloren gehen.
Besonders muss herausgestellt werden, wie es dem Autor gelingt, ernährungswissenschaftliche Diskussionen im historischen Zusammenhang zu sehen. Es ist erstaunlich, wie schwer es die Ernährungsforscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten. Die Diskurse um unentdeckte Stoffe in der Nahrung und der folgende Durchbruch zur Vitaminforschung werden besonders eindrucksvoll geschildert.
Das Buch dürfte erstmalig Ende der 50er Jahre erschienen sein (das Literaturverzeichnis endet 1958). Der frühere Titel war wahrscheinlich "Die Küche unterm Mikroskop - Forscher ergründen Macht und Geheimnis der Nahrung", das aus der Zeit stammt (Econ 1959). Es wurden aber auch neue Kapitel verfasst, wie der Autor im Vorwort schreibt. So bezieht sich das letzte Kapitel über die Umwelt auf Quellen Anfang der 1980er Jahre.
Fazit: Wer sich über die Geschichte der Ernährungsforschung informieren will, kommt an diesem hervorragenden Buch nicht vorbei, wobei es sich vor allem auf den Gesundtheitswert der Nahrung konzentriert. Das Buch ist ein Klassiker, der wegen seines erzählstils nicht nur für Ernährungswissenschaftler, sondern für jeden Ernährungs- und Gesundheitsinteressierten zu empfehlen ist.