Mit dem Fortschreiten der Globalisierung taugen die überkommenen Konzepte ihrer Bewältigung immer weniger. Und auch die überkommenen Muster der Beschreibung der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit haben ihre Erklärungskraft eingebüßt. Ebenso jene ihrer Gestaltung. Längst haben sich die Zentren der Macht gravierend verschoben. Entscheidungen werden immer häufiger nicht dort getroffen, wo man sie aus Erfahrung vermutet. Dieser grundlegend veränderten Wirklichkeit muss sich dabei nicht nur die Politik selbst stellen. Auch die Sozialwissenschaften müssen sich neu orientieren, schließlich sollen sie uns diese Wirklichkeit erhellen. Ganz in diesem Sinne arbeitet Ulrich Beck seit Jahren unter der Überschift
Reflexive Modernisierung fleißig an einer soziologischen Theorie zur Neuvermessung der politischen und gesellschaftlichen Räume. Mit seiner Arbeit
Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter legt er denn auch nicht nur eine "neue weltpolitische Ökonomie" -- so der Untertitel -- vor, er will zugleich eine "Neue Kritische Theorie in kosmopolitischer Absicht" begründen.
Außer der in vielem sehr genau beobachteten Verschiebung von Machtzentren thematisiert der Autor sehr ausführlich und hellsichtig die Strategien transnational-zivilgesellschaftlicher Bewegungen als möglicher neuer Heimstatt des Politischen. Diese "Nichtregierungsorganisationen", die neben den Akteuren der Weltwirtschaft in den letzten Jahren sowohl national wie inter- und transnational unübersehbar an Bedeutung gewonnen haben, sieht er dabei als grundlegende Elemente für die Rückkehr des Politischen in der Gestalt einer kosmopolitischen Zivilgesellschaft. Dieser Zivilgesellschaft empfiehlt der Autor seine neue kritische Theorie gleichsam als intellektuellen Überbau. Ein sehr inspirierendes Buch, dessen kleiner Schönheitsfehler (mehr ist es nicht) nicht verschwiegen werden soll: Angesichts mancher, nicht ganz präziser empirischer Angaben wäre es hilfreich gewesen, wenn alle Quellen sauber zitiert worden wären. --Andreas Vierecke
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Taschenbuch
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Ulrich Beck ist ein erfolgreicher Soziologe. Er lehrt in München wie in London, debattiert mit den großen Gelehrten dieser Welt, schreibt schwergewichtige Artikel und Bücher und will sogar eine neue Kritische Theorie in diesem Land begründen. Hohe Ansprüche, großes Engagement. Was in seiner Zunft mancherorts auch anders ausgelegt wird: Ein Rastelli unter den Soziologen soll er angeblich sein, jemand, der begriffliche Nebelbomben werfe, um von seiner eigentlichen Sprachlosigkeit abzulenken.
Dieses kleine Gezänk um den bekanntesten Soziologen hierzulande muss man im Auge behalten, wenn man sich an das neue Buch heranwagt. Welches in der Tat so vielfältig und brüchig, so verwirrend und klar ist wie das Sujet, über das Beck im Rahmen seiner Zweiten Moderne nachdenkt und doziert: der radikale Wandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Annahmen und Befunde, empirische und theoretische Deutungen hierzu wechseln ziemlich schnell ab. So atemberaubend schnell eben, wie die Globalisierung die Welt aus den Angeln hebt. Vieles bleibt noch auf der Ebene von Vermutung und Vor-Urteil, vieles aber inspiriert und ist brillant auf einen theoretischen Fixpunkt gebracht. Eines wird dabei deutlich: Beck hat versucht, die aktuellen Verstrickungen der weltpolitischen Ökonomie begrifflich zu entwirren und sie in einer altbekannten Denkfigur neu aufzurollen: der Idee des Kosmopolitismus.
Es geht ihm um die intellektuelle Substanz, die Emphase, unsere Gegenwart auf den Punkt zu bringen. "Wir brauchen, um politisch angemessen handeln zu können, neue Begriffe, um die Welt zu verstehen", so Beck. Die etablierte Politik habe keine Antworten mehr auf die Fragen einer radikal veränderten Welt. Überdies seien die bisherigen Ideologiegebäude verbraucht. Der Nationalismus als Antwort auf vergangene Kriege ebenso wie der Neoliberalismus, der immer mehr Arbeitslose produziere und die Allmachtsfantasien der Wirtschaft nicht zu zügeln verstehe. Früher war eben alles anders. Zumindest agierten Ökonomie, Politik und Gesellschaft innerhalb bestimmter Grenzziehungen, die jedoch momentan im Verschwinden begriffen sind. Durch diese Entgrenzung beginne ein neuer Kampf um Macht und Gegenmacht. "Mehr noch: Die Regeln legitimer Herrschaft werden neu ausgehandelt."
In diesem neuen Metaspiel gibt es alte Bekannte, vertrauenswürdig und berechenbar, aber auch neue Wilde, die durch die Weltgefilde toben. Amerikanische Präsidenten und islamische Terroristen. Viele von ihnen stellen andere Regeln auf, nehmen andere Rollen ein und greifen auf andere Ressourcen zurück, viele von ihnen lösen aber auch neue Konflikte und Widersprüche aus. So sind etwa nach dem 11. September bestimmte Regeln von Krieg und Frieden sowie Demokratie ganz gezielt außer Kraft gesetzt worden. International herrsche nun eine Verfolgungsrhetorik im Namen einer gedemütigten Supermacht, national wird die Exekutive mit Sonderrechten ausgestattet, als ob der Feind schon vor jeder Haustüre stünde. Alles im Namen der Sicherheit.
Alte Ideologien über Bord, neue undurchsichtige Gesellen überall in der Weltpolitik, die Ökonomie auf dem globalen Beutezug. Dazu ein soziales und wirtschaftliches Problemkorsett, das nationalstaatlich sowieso nicht mehr lösbar ist. Eine grenzenlose Unübersichtlichkeit ohne jede Kontrolle? Für Nationalismus und Neoliberalismus ein unzumutbarer Zustand. Für den Kosmopoliten ist dies indes eine Spielwiese, die alle überleben lässt. Der kosmopolitische Common Sense à la Beck geht von einer Welt aus, in der an allen Orten zwar die Widersprüche der Vielfalt herrschen, die man ernst nehmen muss. Gleichzeitig aber werden die positiven Möglichkeiten zu mehr Kreativität, zur Entfaltung von politischen Formen oder zur höheren Produktivität von Arbeit sichtbar. Das Sowohl-als-auch von bedrohlicher Verwerfung und vieldimensionalem Möglichkeitsraum ist der Ausgangspunkt für jene kosmopolitische Ökonomie und Politik, die das globale Zeitalter als historische Transformation versteht. Und eben nicht mehr stecken bleiben will. Beispielsweise im Nationalismus, "der ein politischer Raum ist, in dem eine Gleichheit der Identität herrscht, die dann zwangsläufig mit der Exklusion derjenigen verbunden ist, die nicht dazugehören". Eine Konzeption übrigens, mit der in Europa im 20. Jahrhundert Demokratie, Staatlichkeit und politische Parteien entwickelt wurden. Und die immer noch als staatstragend gilt. Dies aber sei Schnee von gestern. Deutschland ist längst viel stärker kosmopolitisiert und globalisiert als angenommen, sagt Beck, "sogar große Teile unserer alltäglichen Lebensräume sind nicht mehr identisch mit dem nationalen Erfahrungsraum, sondern überlappen und vernetzen sich via Internet und Fernsehen, Reisen, Liebe, Ehe, Elternschaft". Deutschland habe überdies keine Grenzen mehr, welche längst durch Europa definiert würden.
Deswegen ist der Bürger des 21. Jahrhunderts ein Kosmopolit im Sowohl-als-auch, ist gleichzeitig Weltbürger über alle Grenzen hinweg und Bürger der Polis, also Staatsbürger. "Im Ort verwurzelt sein und Flügel haben", so lautet Becks Konstruktion einer doppelten Heimat für alle. Alte, nationale Heimat verliert ihre Exklusivität und ermöglicht die Beteiligung des Fremden. Verlangt ihn geradezu. Während aber im Nationalismus Heimat nur als Anerkennung der Eigenheit des Eigenen verstanden wird, ist der Kerngedanke im Kosmopolitismus "die Anerkennung der Andersheit des Anderen".
Ein Ideal also, das die alten Griechen schon besungen haben. Man versöhnt sich mit der Geschichte des Anderen durch die gegenseitige Anerkennung. Oder andersherum: Man fühlt sich für das Unrecht der eigenen Nation schuldig und anerkennt die Geschichte des Anderen. "Es ist dieser Akt der Versöhnung, der zum zentralen Erinnerungserlebnis wird." Man ist folglich Teil eines globalen Ganzen und differenziert sich über verschiedene Identitäten. Eine Drinnen-Draußen-Logik gibt es demnach nicht mehr. Kurzum: Jeder ist ein Ausländer und genau dort zu Hause. Grenzen lösen sich auf. "Der kosmopolitische Blick verbindet folglich den Respekt vor der Würde der kulturell Anderen mit dem Interesse am Überleben jedes Individuums."
Becks Globalisierungsthese anerkennt die Rechte der Anderen und überwindet den nationalen Blick. Sie ist demzufolge eine Befreiungstheorie, will die Fesseln des Einzelnen von den übermächtigen alten Kräften in Politik und Wirtschaft lösen. Das Ziel ist klar: Weder die Konzerne mit ihren neoliberalen Einmarschbemühungen in den politischen Raum noch die Selbstherrlichkeit amerikanischer Präsidenten dürfen das globale Machtspiel gewinnen. "Globalisierung ist eine Niemandsherrschaft." Es setzt eine Beteiligung von vielen voraus. Eine wunderbare Utopie, die im Spiegel der Tagesaktualität wie ein Feuerball zu verglühen scheint. Der IWF stürzt beispielsweise mit seiner Kreditpolitik Länder in die Pleite, US-Präsident Bush droht fremden Ländern mit Kriegen aller Art. Allesamt Herrscher mit Namen und Titel. Hat Beck deshalb mit seiner Gedankenfigur des Kosmopoliten Unrecht? Oder handelt es sich gar nur um ein aufgeplustertes Wolkenkuckucksheim aus der Denkerwerkstatt mit Seeblick?
Ein entschiedenes Nein. Beck denkt die Welt letztlich als GmbH ohne Mehrheitseigner. Keiner bestimmt, wo es langgeht. Weder die Wirtschaft, die vielerorts glaubt, den Staat minimieren zu müssen, um die eigenen Interessen zu maximieren. Noch die Politik, die im nationalstaatlichen Korsett eingezwängt immer unfähiger wird, die drängenden Probleme zu lösen. Noch die zivilgesellschaftliche Bewegung, die sich ebenso wie die Wirtschaft eine Rolle anmaßt, die demokratisch genauso wenig legitimiert ist. Die Bändigung dieser einzelnen Kraftströme passiere, und das ist Becks entscheidender Gedanke, mit der Vernetzung und Kooperation der unterschiedlichen Akteure. Eben durch die Anerkennung der Andersheit des Anderen als Voraussetzung. Allianzen und Bündnisse sind die politischen Werkzeuge des Kosmopoliten. Zum Beispiel könnten sich Staaten zivilgesellschaftlichen Gruppen nähern, die davon lernen können, oder die Wirtschaft akzeptiert endlich die positive Zügelung durch die Politik.
Becks Kosmopolitismus endet letztlich in einer globalen Balance der Mächte, in einer Balance of Powers. Die Akteure sind hier wie dort. In politischen Parteien ebenso wie in transnationalen Bündnissen zivilgesellschaftlicher Gruppen. Steckt darin eine neue Perspektive für eine kosmopolitische Linke? Beck bleibt in dieser Frage merklich diffus. Erkennt in der kosmopolitisierten Linken aber den Wegbereiter und gleichzeitig Krisenmanager der Globalisierung. Im Gegensatz zur protektionistischen Linken, welche die Fahne der Ersten Moderne mit parlamentarischer Demokratie und Wohlfahrtsstaat hochhält, oder die neoliberale Linke, die Nationalstaat und Weltmarkt in Einklang bringen will. Die beiden letzten Optionen sind zwar noch Common Sense, aber schlecht gerüstet für die Beck'sche Zweite Moderne. Der Kosmopolitismus ist mit diesem Buch wieder mit auf dem Spielfeld einer pluralisierten Linken. Das Spiel ist eröffnet.
(c)changeX Online-Magazin für Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft
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