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Doch früh schon wandte sich Russell populär- und sozialphilosophischen Themen zu. Letzteren auch als "Aktivist", was ihm neben dem Verlust seiner Dozentur in Cambridge 1918 eine sechsmonatige Gefängnisstrafe einbrachte. Nicht nur hatte er öffentlich und vehement die Beendigung des Ersten Weltkrieges gefordert, er hatte darüber hinaus lautstark und kompromisslos zur Kriegsdienstverweigerung aufgerufen. Von dieser brennenden Jugendlichkeit ist das gesamte sozialphilosophische Werk geprägt. Neben dem mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Essay Ehe und Moral (1950) insbesondere die ebenso kraftvoll-naive wie hellsichtig-analytische Studie Macht aus dem Jahre 1938, die der Europa Verlag nun neu aufgelegt hat.
In 18 Kapiteln analysiert Russell den menschlichen Machttrieb, seine institutionellen Manifestationen, das Verhältnis von Führern und Geführten, das Phänomen der nackten Gewalt und auch subtile Formen der Macht, wie die wirtschaftliche oder jene über die (öffentliche) Meinung. Und auch wenn das globale Organisationsmodell, das Russel als Ausweg aus der Macht-Falle anbietet, als in jeder Hinsicht überholt gelten dürfen sollte, seine Einsichten in die Strukturregeln von Machtverhältnissen sind dies zweifellos nicht. Und seine grundsätzlichen Überlegungen zu den anthropologischen Ursachen, Bedingungen und Konsequenzen des Phänomens der Macht als eines der zentralen gesellschaftlichen Probleme lohnen nach wie vor die Lektüre. --Andreas Vierecke
On Power
upj. Zurzeit erfährt, zumindest auf dem europäischen Festland, das Werk des 1872 geborenen Bertrand Russell keine besondere Aufmerksamkeit. Russell, der zwischen 1910 und 1913 zusammen mit Alfred North Whitehead die mehrbändigen «Principia Mathematica» veröffentlicht und 1950 den Literaturnobelpreis erhalten hatte, ist 1970, nach einem in jeder Hinsicht engagierten Leben, hochbetagt gestorben. Seine spätere, gleichsam «nachmathematische» Karriere zeichnete sich durch politische und soziale Stellungnahmen aus, noch im vorgerückten Alter sah man ihn prominent gegen atomare Bewaffnung und für internationale Friedenspolitik eintreten. Auch das philosophische Werk Russells hat sich schon in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts nicht des Weltbezugs enthalten. Seine 1938 in Englisch erschienene Analyse des Phänomens Macht ist allerdings erst 1950 nachdem sich das Führerprinzip auch in Deutschland zerschlagen hatte ins Deutsche übersetzt worden. Freilich ging es Russell nicht um einen blauäugigen Quietismus, der den Individuen völlige Askese empfahl, wo es um Einflussnahme auf den Weltenlauf ging. Wirkung zu erzielen, «handeln» schlechthin gehöre zum Wesen des Menschen. Nur dürfe darob eine «Ethik der Macht» nicht vergessen werden. Diese entwickelt Russell im siebzehnten Kapitel der anzuzeigenden deutschen Neuauflage von «Power»; eine Auflage, für die der Europa-Verlag nicht einmal ein klitzekleines aktualisiertes Vorwort für angebracht erachtete. -- Neue Zürcher Zeitung
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