Peter O. Chotjewitz Roman „Machiavellis letzter Brief"ist ein Reiseroman, ein Tagebuch, ein Sprach- und ein Abenteuerstück. 1664 kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg in Deutschland reist der kursächsische Dichter und Philosoph Christian Weise im Auftrag des Herzogs von Wolfenbüttel nach Florenz um für dessen Bibliothek ein Manuskript aus dem Nachlass Machiavellis zu erwerben. Seine ersten Berichte von dieser Reise, vorbei und durch die vom Krieg noch gezeichneten deutschen Städte, mit Reisebegleitern, Knechten und Mägden, die dem neuen Frieden noch nicht recht trauen, sind sprachlich im Ton der Zeit gehalten, voller Details, Humor und Witz. Zuweilen berühren Erfahrungen aus dem 17. und 20. Jahrhundert einander und es wird deutlich, dass Kulisse und Zeit nicht aber die Menschen sich geändert haben:
„Das ganze Leben hatte eine melancholische Gleichgültigkeit. Nichts bäumte sich auf. Sollte, so fragte ich mich, der Krieg zu einer messbaren Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer geführt haben und nicht nur zur Zerstörung von Gebäuden, sondern auch von Gefühlen? Sollte das Volk gelernt haben, sich in jede Misshandlung demutsvoll zu fügen, der gemeine Mann die Übergriffe der Sergeanten und das gemeine Weib in die Gemeinheiten der Knechte?
Wenn das so war, standen uns vielleicht noch schlimmere Kriege mit noch größeren Vernichtungen bevor."
Der Übergang in die Welt des Südens wird auf der Passhöhe der Alpen überschwänglich begrüßt: „Et in Arcadia ego, wo die Welt noch eins und ganz, Leben und Sterben ungeteilt, das Schöne nicht abgetrennt vom Hässlichen, das Gute und das Böse einerlei, der Gottesdienst ein Teil der Wohlfahrt, das einfache Leben voller Genüsse, der Bettler ein König, die Könige Bettler im Vergleich zu den französischen, englischen und spanischen, die Götter Knaben, die an allen Straßen-Ecken ihre makellosen Leiber zur Schau stellen, und wo die Göttinnen sich nicht scheuen, mit dem größten Esel das Nacht-Lager zu teilen, weil die Weiber Kurtisanen sind."
Der äußere Handlungsgang ist rasch erzählt: Weise erreicht das Landgut in der Nähe von Florenz und erhält von der Urenkelin Machiavellis Einblick in den Schatz ihrer Manuskripte, er liest und kopiert und entschließt sich zum Kauf. Doch als er nach Florenz fährt um seinen Geldbrief einzulösen, wird der ihm gestohlen. Er ahnt, dass der Herzog diesen Diebstahl niemals glauben wird und beschließt, der Alten ihre Manuskripte zu entwenden. Aber als er auf wieder auf dem Landgut ist, wird die Alte ermordet und schließlich auch ihr Sekretär. Weise wähnt sich von der Polizei als Verdächtiger verfolgt und flieht. Terrorisiert von Angst erleidet er einen Nervenzusammenbruch bei dem ihn sein Vater erscheint und befiehlt sein vagabundierendes Dichterleben aufzugeben und heimzukehren nach Zittau. Halbtot erreicht er die Vaterstadt und in den folgenden Fieberwochen verfasst er seinen Rechtfertigungsbericht an den Herzog.
Chotjewitz lässt im Nachwort offen, ob alles so geschah, wie Weise es berichtet oder er vielleicht auch das Geld durchgebracht hat und den Raub bloß erfand. Das ist nicht wichtig, viel wichtiger ist Weises Auseinandersetzung mit dem Werk und der Person Machiavellis, die mit Auszügen aus dessen Schriften, Notizen und Tagebuchseiten geführt wird, wobei es auch nicht so wichtig ist, ob alle Texte und Ideen Machiavellis echt sind oder bloß kenntnisreiche Fortschreibung durch den Sekretär der Alten oder gar von Weise selbst. Chotjewitz will aufzeigen, wie im damaligen Raum florentiener Gegenwart und Weltbildung unter der Herrschaft der Medici sich Machiavellis Denkgebäude entwickeln konnte, und wie fern republikanischem Denken dieser Zeit in Italien, dem späteren Besucher aus Deutschland war.
Dies zeigt sich recht eigentlich in der Einschätzung der deutschen und der italienischen Kleinstaaterei. Weise singt im Vorgriff auf Jean-Paulschen-Abendglanz ein Loblied auf diese:
„Eure Fürstliche Gnaden sagten einmal, bei einem unserer abendlichen Tischgespräche, die Bewohner großer Staaten neigten zur Hoffart und blickten von oben herab auf die Bürger der anderen. Wer aber in einem kleinen Staat lebt, überschreitet gern seine Grenzen und sehnt sich nach seinen Nachbarn, denn er ist begierig nach allem Neuen, wie man an den Bildungsschätzen in E.F.G. Bibliothek und Schloß erkennen kann. Große Länder brauchen keine Bibliotheken, ihnen reicht eine Armee, ein Hand voll Condottieri, ein großes Maul und ein Fürst zum herzeigen. Das Gesetz schert alle über einen Kamm, so verschieden sie auch sein mögen, und ihre Kultur ist hohl.
Sobald aber Grenzen die Länder trennen, gedeiht die Vielfalt und in dem einen wächst dies, im nächsten das und so fort, wie es ja auch in unserem lieben Deutschland geschieht."
Machiavelli erlebte dies anders und sah in der italienischen Zersplitterung die Ursache für die Niederlage der republikanischen Ideen und ihre Ohnmacht gegenüber den Intrigen und absoluten Machtansprüchen der lokalen Fürsten, der Päpste und der ausländischen Großmächte damaliger Zeit.
Und anders als Weise, der in Krankheit und Wahn und ein genügsames Dichterdasein flüchtet, kämpfte Machiavelli: er wollte als Politiker Einfluß nehmen auf das Geschehen und betrachtete sein Schreiben als Mittel zum Zweck.
Beide sind gescheitert: Weise ist als Dichter fast gänzlich in Vergessenheit geraten und Machiavelli hat als Name überlebt in Verbindung mit einem Nebenwerk, dem Fürsten, das verkürzt und mißverstanden in Ausgaben wie Machiavelli für Manager oder Sozialhilfeempfänger fortbesteht.
„ Machiavellis letzter Brief" ist ein historischer Roman, es ist ein Bildungsroman. Er lehrt, sich behutsam anderen Zeiten, ihren Orten und Menschen zu nähern und klug ihre Welt und ihre Widersprüche zu verstehen ohne einzelne Gedanken rasch einzuordnen und dann zeitlos und thesenhaft herauszustellen:
„Mit Machiavelli beginnt die Trauer über die leeren Versprechungen der Moderne. Die Dummheit und der Eigensinn der italienischen Duodezfürsten haben gesiegt. Die schönen Bilder waren nur noch Tünche auf einer unästhetischen Staatskunst.
Christian Weise hingegen steht an der Schwelle zwischen dem Barock mit seinem larmoyanten „All Herrlichkeit auf Erden muß Staub und Asche werden", in dem das Gejammer über die angeblich unverschuldeten Leiden aufgehoben ist, und der für uns interessanten frühen Aufklärung, die sich von England und Frankreich her ankündigt ...
Hinter ihnen lauert ein neuer Fortschrittsglaube, der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts abermals in eine Phase der Skepsis und Depression münden wird. Was Weises Generation gespürt haben mag, ist das Unglück, an dem Machiavelli zugrundeging - die Unwilligkeit der Menschen zur planenden Vorausschau und ihre fehlende Bereitschaft, sich gegen die Vernichtung aller von ihnen geschaffenen Werke und Werte zur Wehr zu setzen."