Da ich lieber lese statt auf Flatscreens zu starren, habe ich keinen Fernseher und erlebte daher auch nie einen Auftritt von Sabine Schonert-Hirz in einer der vielen Gesundheitssendungen. Aber wer seit 20 Jahren auf öffentlichen Bühnen bestehen kann, gehört ganz offensichtlich zu den Profis. Daher war ich gespannt, wie diese Fachfrau für Entspannungstechniken, Sportmedizin, Stressmanagement und Mentaltraining neuste Erkenntnisse aus der Hirnforschung verarbeitet und übersetzt. Denn ihr neustes Buch bewirbt die Autorin mit dem klaren Hinweis, dem Leser die Geheimnisse des Gehirns zu enthüllen, damit er seine geistigen Fähigkeiten künftig ausbauen und besser nutzen kann. Eigentlich erstaunlich, dass die Medizinerin nicht schon früher auf diesen Weg einschwenkte.
Warum Erkenntnisse der Hirnforschung beachtet werden sollten, erfährt der Leser gleich in der Einleitung, wenn die Autorin die sechs Zukunftstugenden vorstellt. Es sind dies: Lernfähigkeit, Entscheidungsfreude, Kreativität, Teamfähigkeit, Flexibilität und Belastbarkeit. Danach fasst Sabine Schonert-Hirz zusammen, was wir heute unbedingt über das Gehirn wissen sollten und welche Grundfunktionen die sechs Tugenden steuern. Ob die getroffene Mischung zwischen Wissenschaftlichkeit und Anschaulichkeit den Laien erreicht, kann ich wegen zu viel Vorwissen nur schlecht einschätzen. Ich selber machte einfach die Erfahrung, dass medizinische Fachausdrücke und Illustrationen à la Biologieunterricht auf geringe Aufmerksamkeit stoßen. Auf der anderen Seite finde ich es nicht ganz unproblematisch, das limbische System als "Verwaltung" zu bezeichnen und ihm außer den Emotionen auch das Gedächtnis zuzuordnen. Mehr überzeugte mich der Abschnitt, in dem die Autorin auf Geschlechterunterschiede und falsche Vorstellungen vom Gehirn eingeht.
Ab Seite 31 beginnt der eigentliche Anwendungsteil, in dem Sabine Schonert-Hirz ausführlich auf die sechs Zukunftstugenden eingeht. Das macht sie didaktisch sehr geschickt, weil sie Begrifflichkeiten immer in Beispiele aus dem Alltag einbettet, ihre Leser auf Exkurse mitnimmt und sich nicht vor Vereinfachungen scheut, um einzelne Schritte des Lernens aufzuzeigen. Gewundert habe ich mich allerdings, warum Dr. Stress das Rad neu erfinden will und dem Leser meist vorenthält, was andere Experten zu sagen haben. So fehlt zum Beispiel jeder Hinweis auf das ausgezeichnete Buch "Lernen" von Manfred Spitzer. Diese Lücke ist deshalb kein Detail, weil Manfred Spitzer zu den Neurowissenschaftlern gehört, die Kompliziertes mit sehr griffigen und anschaulichen Metaphern erklären können, ohne den wissenschaftlichen Rahmen zu verlassen. Kommt hinzu, dass Sabine Schonert-Hirz in ihrem Literaturverzeichnis einige populäre Titel aufführt, deren Lektüre ich nicht unbedingt empfehlen würde. Diese Kritik ist auch der Grund für meinen Bewertungsabzug.
Breitet man die sechs Zukunftstugenden auf der geistigen Landkarte aus, wird schnell ersichtlich, wir groß das vorgestellte Themengebiet ist. Es geht also nicht um das übliche Fitnesstraining fürs Gehirn, wie wir es von anderen Autoren her kennen. Sabine Schonert-Hirz macht ihre Leser unter anderem mit Gedächtnisstörungen, Abhängigkeiten, Entscheidungshemmungen, Intuition, ungesunde Kreativität Teamorganisation, Veränderungsfähigkeit und der Wartung des Körpers bekannt. Und dabei greift sie immer wieder auf ihren großen Erfahrungsschatz zurück und gibt unzählige Praxis-Tipps, von denen ich die meisten als überaus anwenderfreundlich bezeichnen würde. Dass sie als Coach und Beraterin mehr an den freien Willen glaubt als viele Neurowissenschaftler, kann ich nachvollziehen.
Mein Fazit: Wenn bekannte Autoren und Expertinnen ihre Modelle mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen bereichern, trägt dies zur Akzeptanz von Glaubensmodellen bei, die noch immer auf heftigen Widerstand stoßen. Sabine Schonert-Hirz weiß, wie sich komplizierte Zusammenhänge vereinfachen und veranschaulichen lassen, ohne den wissenschaftlichen Rahmen zu verlassen. Wer sich allerdings speziell für die Zukunftstugend "Lernfähigkeit" interessiert, sollte sich trotz fehlendem Hinweis auch bei Manfred Spitzer orientieren.