Tom Koenigs war höchster UN-Beauftragter 2006/2007 in Afghanistan und hat darüber Tagebuchnotizen geführt. Ein Blick hinter die Kulissen der Diplomatie; die Eitelkeiten der Diplomaten und der Versuch, in einem Land nach über dreißig Jahren Krieg eine Zivilverwaltung aufzubauen, die wenigstens ein bißchen den Menschenrechten Gehör verschafft.
Ungeschminkt, undiplomatisch spricht er aus, was wir alle schon lange vermutet haben, aber nicht wahrhaben wollten. Wie schwierig es ist, als Außenstehender diese Aufgabe wahrzunehmen. In einem Land voller Warlords, korrupter Politiker und einer Taliban Organisation, die von Pakistan unterstützt, gar nicht zu schlagen ist, weil die Basis im pakistanischen Grenzgebiet, im pakistanischen Geheimdienst die Taliban am Leben erhält.
Und dass gleichzeitigt die ISAF Truppen immer mehr als "Besatzungstruppe" erlebt wird.
Gleichzeitig schildert Koenigs dem Leser, wieviel Leerlauf das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Nationen produziert, eine Unzahl von Organisationen, die alle berücksichtigt werden wollen, die mitreden wollen und endlose Papierstapel produzieren; die Militärs, die - nicht verwunderlich - militärisch denken und einige Afghanen, die Koenigs als sehr hellsichtig erlebt. Nur, was können diese tun, wenn man nicht mal sagen darf, wer den Taliban ihre Rückkehr an die Macht erlaubt, wer sie födert und am Leben erhält? Denn "offiziell" ist Pakistan Verbündeter, wir haben keinen Krieg, keinen Aufstand, oh nein, wir tun so, als wäre alles friedlich und die Saudis und die Pakistanis auf unserer Seite.
Doch Koenigs Buch bietet mehr als nur Taliban-Hintergrund. Er nimmt uns mit auf seinen Reisen durchs Land, wir erleben, wie er als UN Beauftragter in abgelegenen Provinzen empfangen wird, die zwölf Rumänen, die ihn als Leibwächter schützen, der Gärtner in Kabul und wie die tägliche Arbeit eines Sondergesandten des Un-Generalsekretärs aussieht. Dass selbst alte Boiler manchmal zu Bomben werden können. Gut und spannend geschrieben ist das Alles obendrein.
Wer einen Blick hinter die Kulissen werfen will, abseits von großen Theorien und moralisch aufgerüsteten Glaubensbekenntnissen, der kommt um dieses Buch nicht herum.
Hans Peter Roentgen