HEUTE WERD ICH DICH VERFÜHREN
Das Telefon klingelte gegen zehn Uhr abends.
Christina griff nach dem Hörer, und schon ging es los: »He, Mäuschen! Los, raff dich auf, wir ziehen gleich noch um die Häuser ...«
»Wer ist wir?«, fiel Christina der hörbar aufgekratzten Zoe ins Wort. Obgleich sie genau wusste, es konnte sich ja doch nur um das übliche Häufchen aus ihrer Studentengruppe handeln. Sie wollte allerdings ein wenig Zeit schinden, um innerlich die schwierige Gewissensentscheidung zu fällen - ob sie heute noch raus wollte oder doch lieber verzichtete.
Zoe lachte erst mal eine Runde auf ihre typisch heisere Art, die stets so klang, als hätte sie heute bereits mindestens zehn Zigaretten und ebenso viele Whiskys intus. Schließlich zählte sie aber doch geduldig auf: »Na, die übliche Gang eben. Robbie, Jan, Billy, Yvonne, ich und hoffentlich du.«
»Ich komme heute nicht mit!«, erklärte Christina mit plötzlicher Bestimmtheit, die sogar Zoe auf der Stelle den Ernst der Ansage vermittelte.
Aber Zoe wäre nicht Zoe gewesen, hätte sie nicht trotzdem protestiert: »Warum denn nicht? Die Semesterferien sind doch gerade erst losgegangen, bis zu den
Prüfungen haben wir mithin noch fast drei Monate Zeit.«
»Ich jobbe ab morgen für ein paar Wochen, Süße, das weißt du doch. Und deshalb muss ich frühmorgens aus den Federn. Das packe ich so schon kaum. Und zweimal nicht, wenn ich mir die Nacht mit euch vertreibe.
Sorry!«
»Ts, ts, wie kann man sich auch bloß ausgerechnet einen Aushilfsjob bei der Post suchen?«, erkundigte sich Zoe jetzt, wobei sie das Fragezeichen am Ende deutlich hörbar mit aussprach. Niemand konnte das so wie sie.
»Beziehungen«, erklärte Christina seelenruhig. »Ich springe für jemanden ein, der dringend und vor allem ziemlich plötzlich zur Kur musste. Das Timing passte perfekt, deshalb.«
Zoe lachte bereits wieder, dann allerdings fiel ihr etwas anderes zur Sache ein. Etwas Dramatisches, und das hörte sich so an: »Dein Liebesleben wird darunter ebenfalls leiden, Mäuschen! Ich hoffe, das ist dir klar?« - Klar war vor allem, dass Zoe die Freundin unbedingt heute Nacht mit dabeihaben wollte.
»Pfff, welches Liebesleben denn?«, schmetterte Christina den Ball zurück. »Das im Moment so gut wie nicht vorhandene?«
»Na ja, vielleicht lernst du ja beim Briefeaustragen deinen Traumprinzen kennen!« Zoe klang bereits wieder begeistert. Die Kunststudentin besaß ohnehin schon eine überbordende Fantasie, und die schien jetzt auch noch vollends mit ihr durchzugehen.
»Sicher, ganz bestimmt!«, hörte Christina sich sagen und merkte selbst, wie wenig überzeugt sie klang.
»Du hast doch diesen Traumbezirk zu beackern, Mäuschen!« Zoe plapperte munter weiter, sie war nicht mehr zu bremsen. »Hör mal ... da draußen wohnen doch all diese Prominenten, Schicken und Reichen. Halt einfach deine schönen blauen Augen weit offen, ja? Und wenn irgendwann ein toller Typ irgendwo in der Haustür steht ... Lächeln! Und zwar, was das Zeug hält. Lächeln, zum Schwanz komm raus! Ist doch ganz einfach, du musst bloß im entscheidenden Moment dran denken ...« - Zoe lachte.
»Dummes Stück!«, sagte Christina lapidar und legte dann einfach auf.
Es war ein wundervoller Morgen, die Luft noch frisch und relativ kühl von der Nacht, aber schon duftend wie ein warmes Kräuterbad.
Der Sommer stand in voller Blüte, es würde wieder einen heißen Tag geben, aber das konnte ihr herzlich wenig anhaben. Ganz im Gegenteil, sie würde den freien Nachmittag später auf dem Balkon verbringen, mit einem kühlen Drink, und dabei die Nase in ein Lehrbuch und die Füße in ein eiskaltes Wasserbad stecken.
Christina fand, während sie jetzt beschwingt ihrem Bezirk entgegenradelte, dass sie es bei der Jobsuche wirklich schlechter hätte treffen können.
Kurze Zeit später bog sie nach rechts in den Kaiserweg ein. Vor einem schmiedeeisernen Schild mit der geschwungenen Nummer 11 trat sie kräftig in die Bremsen. Sie sprang vom Rad und lehnte das knallgelbe Ding einfach an die Gartenmauer. Direkt unter das Schild, das in protzigen Goldlettern verkündete: Architekturbüro Steiner.
Sie kramte aus der Fahrradtasche mit dem gelben Posthorn vorn drauf einen Briefumschlag heraus und drückte schließlich zweimal kräftig auf den Klingelknopf direkt neben dem Namensschild.
Es dauerte ein Weilchen, dann aber meldete sich doch eine Männerstimme über die Hausanlage.
»Ja, bitte?«
»Die Post!«, rief Christina und unterdrückte gerade noch ein albernes »Trara, trara« - Himmel, bin ich heute Morgen gut gelaunt, kaum zu glauben!
»Tatsächlich?« Die Männerstimme klang amüsiert, anscheinend war die gute Laune mindestens so ansteckend wie ein sommerliches Grippevirus.
»Sie sind tatsächlich von der Post?«
Hat der sie nicht alle, oder will er mich veräppeln?
»Aber sicher! Ich habe ein Einschreiben für Sie und benötige Ihre Unterschrift.«
»Ich komme sofort.«
Wurde aber auch Zeit, warum nicht gleich so, Süßer?
Das Tor der Gartenmauer flog schließlich auf, und ein hochgewachsener schlanker Mensch erschien auf der Bildfläche.
Gut gebaut, breite Schultern, schmale Hüften, sinnliche Lippen, grüne Augen, dunkelblonde Wuschellocken ... Wow!
Sie hatte diese blitzartige Bestandsaufnahme seiner geballten körperlichen Vorzüge im Bruchteil einer einzigen Sekunde gemacht.
Die grünen Augen schienen sie ihrerseits ebenfalls deutlich interessiert anzublitzen.
Oder bilde ich mir das bloß ein?! Falls ja, dann ist dies zweifelsohne Zoes Schuld ... dieses Weib und ihre albernen Traumprinzen-Storys.
Der Kerl hier sah allerdings wirklich unverschämt gut aus!
»Hallo«, sagte er, »ich bin Harald Steiner. Normalerweise bringt mir ja der gute alte Leopold meine Post. Ich bin so an ihn gewöhnt, dass ich einen Augenblick lang tatsächlich glaubte, Sie wollten mich auf den Arm nehmen. Hätte nur noch gefehlt, dass Sie sich als Christel von der Post anmeldeten!« - Er lächelte jetzt breit, ohne die geringste Spur von Verlegenheit. Die Sache schien ihm zusehends Spaß zu machen. Gleichzeitig musterte er sie geradezu unverschämt von oben bis unten.
Christina streckte die Hand aus und hielt ihm den Briefumschlag unter die gebräunte Nase. Er ließ sich dadurch nicht ablenken.
»Seit wann beschäftigt die Post eigentlich Models als Briefbotinnen? Ist das ein spezieller brandneuer hochsommerlicher Kundenservice?«
»Ihr Einschreiben, Herr Steiner!«
Bravo, Mäuschen! Kühl die Stimme, eisig blau die Augenblitze, garniert mit einem Lächeln, von wegen besonderer Kundenservice, haha!
Ein Blick in Christinas Augen ließ Harald Steiner tatsächlich verstummen. Vermutlich fühlte er sich von ihrem Blick durchbohrt, was ihm ganz recht geschah.
Christel von der Post! Hast du Töne ... der Typ bildet sich wohl mächtig was ein auf sein gutes Aussehen. Vermutlich ziehen seine ultrablöden Sprüche sogar tatsächlich bei den Schickimicki-Zicken, bei Nacht, in den angesagten Clubs der Stadt. Aber nicht bei mir, mein Lieber!
»Ihre Unterschrift hier unten, bitte!« Sie hielt ihm auch noch diesen Wisch samt Kuli unter die Nase, damit sie es endlich hinter sich brachte.
Wieso flattert eigentlich mein Puls? Und die Hände zittern auch! Verdammt, wie peinlich ... das muss vom Radfahren kommen, ich war einfach zu schnell und bin aus der Puste, daran liegt es.
»Verzeihung.« Er nahm zuerst den Kugelschreiber, dann den Wisch. »Ich reiße manchmal dumme Scherze am frühen Morgen. Der gute alte Leopold ist daran gewöhnt und flachst außerdem gern mal mit. Wo steckt er eigentlich, hat er endlich mal wieder Urlaub?«
»Herr Kranich ist zur Kur. Ich bin die nächsten Wochen als Aushilfe für seinen Bezirk eingestellt worden.«
Das ist Erklärung genug! Ich werde den Teufel tun und dir auch noch verraten, dass »der gute alte Leopold« außerdem mein Onkel ist! Sonst quatschst du mir am Ende noch die Ohren...