Immer diese nach Städten benannten Filme - oftmals wurde damit auf Exotik und eine fremdartige Welt hingewiesen, in der sich Heimatlose, Entwurzelte zurechtfinden müssen und in der sie einander finden müssen. Ein realistisches, gar halbdokumentarisches Bild dieser Fremde war zu diesem Zwecke nicht nötig, wäre vielleicht der Allegorien wegen sogar schädlich gewesen. 1930 - von Sternberg dreht "Morocco". 1938 entstand "Algiers" (wenngleich als Remake eines nicht nach der Stadt benannten französischen Filmes). 1942 der berühmteste der Städtefilme: "Casablanca". Von Sternberg trieb es zwei Mal in "seinen" fernen Osten: Mit "Shanghai Express" (1932) und "The Shanghai Gesture" (1941) kam er dem reinen Städtetitel schon ziemlich nah. Nun also "Macao". Wieder ahnt man, dass außer der Exposition nichts vor Ort gedreht wurde und die engen, mit Accessoires übervollen Kulissen nur Projektionsfläche sind für von Sternbergs ganz eigene Phantasien. Als Entwurzelte treffen aufeinander: Der joviale Handlungsreisende Trumble (William Bendix), die Barsängerin Julie (Jane Russell) und der ... tja, was macht er eigentlich? ... Mann namens Nick Cochran (Robert Mitchum). Einer scheint ein Undercoverpolizist zu sein, der den Nachtclubbesitzer und Gangster Vincent Halloran (Brad Dexter) aus der Drei-Meilen-Zone locken soll, damit die Polizei seiner habhaft werden kann. Irgendwie kann man keinem trauen, sie scheinen eine dunkle oder zumindest unstete Vergangenheit zu haben, gerade Nick musste wohl wegen Mordes aus den USA flüchten.
Viele (u.a. Jane Russell) haben "Macao" vorgeworfen, ein ehemals brillanter Regisseur auf dem absteigenden Ast habe nach einem schwachen Script einen schwülstigen Film gedreht. Oder auch nur fast gedreht, denn nachdem Howard Hughes von Sternberg gefeuert hatte, musste Nicholas Ray die Arbeit beenden. Bei aller Verehrung für Ray erweckt der Film jedoch nicht den Eindruck, als hätte selbiger einen allzu großen Beitrag geleistet; letztlich kann man hier aber nur mutmaßen. Doch was wie von Sternberg wirkt, ist nicht schlecht! Schwülstig? Ja! Aber erwarten wir etwas anderes bei von Sternberg? Schwaches Script? Teils/teils. Was den Plot betrifft, so ist der Vorwurf meines Erachtens berechtigt. Die Kriminalgeschichte ist banal. Die Ergreifung Hallorans wird an einer im Hintergrund gelassenen und daher austauschbaren Schmuggelaktion festgemacht, die sich halt mal eben so ergibt. Man könnte das locker zum Gegenstand einer dreißig- bis fünfundvierzigminütigen Fernsehserienfolge machen. Darum kommt "Macao" auch nicht an "Casablanca" heran, der einfach lebendiger ist und mit großem Geschick meisterte, die persönliche Geschichte der Protagonisten mit der spannenden weltpolitischen Lage zu einer einzigartigen Politthrillerromanze zu verschmelzen. "Macao" ist - bei allen stilistischen Unterschieden - eher mit Hitch als mit Curtiz zu vergleichen. Hitch hatten die Krimi- und Spionageplots ebenfalls nicht im Geringsten interessiert, er ließ vieles im Dunkeln, banal oder unlogisch bleiben, nutzte dies aber geschickt als Aufhänger für Gefühle, Psychologie, Suspense, Humor (z.B. in "Der unsichtbare Dritte", aber auch in vielen anderen Filmen). Wegen des mageren Plots tendiert "Macao" gelegentlich, obwohl nur 77 Minuten lang, zum Durchhängen.
Aber dies ist erträglich, denn bei der Darstellung der persönlichen Befindlichkeiten und interpersonellen Beziehungen ist er große Klasse und stilsicher wie ein echter von Sternberg! Es gibt nicht nur die üblichen Lichtzaubereien, Schatten, Aufnahmen durch Fischernetze, verwinkelten Gassen und Häfen, in denen sich Menschen leicht einzwängen lassen können. Es gibt nicht nur die in archetypischer Kitsch-"Exotik" leicht überzeichneten, aber effektiv beunruhigenden Nebenfiguren wie einen in Großaufnahmen eingesetzten Blinden, dessen Augen direkt in die Kamera blicken (eigentlich eine "filmische Sünde", hier aber stimmig), als bekomme er einfach alles mit. Es gibt nicht nur die Dunkelmänner und Lebemänner im weißen Anzug, wie man sich dies in einem archetypischen, "falschen" und doch genau richtigen Ort des Lasters und der Gestrandeten vorstellt. Von Sternberg verschafft seiner Saga der Heimatlosen auch Stimmen und Gesichter durch einen ausgezeichneten Cast. Robert Mitchum war selten dermaßen lässig und minimalistisch, wobei dieser Attitüde immer auch ein bißchen die sehnsuchtsvolle Tragik eingeschrieben ist und der Wunsch, irgendwann einmal irgendwo anzukommen und etwas aus seinem Leben zu machen. Jane Russell ist erkennbar vom gleichen Schlag, die beiden legen einander zunächst am laufenden Band herein (vor allem sie ihn), können einander aber doch nicht böse sein, weil sie ihre Seelenverwandtschaft erkennen.
Russell würde ich - der Vergleich drängt sich bei von Sternberg auf - einer Marlene Dietrich auf jeden Fall vorziehen, weil sie gerade hier immer beides ist, Kunstfigur und doch auch Mensch. Die Dietrich war, zumindest in den stilisierten Inszenierungen von Sternbergs, immer nur Ersteres. Russell hingegen ist mehr, wenngleich zunächst einmal die schwülstige, kurvige Sexbombe, mit vollen, schmachtenden Lippen und Kostümen/Beleuchtung, die ihre Weiblichkeit betonen, wie insbesondere Produzent Howard Hughes das bekanntermaßen gerne mochte. Doch diese Lippen, man kennt das von der Russell, haben selten etwas natürlich Lachendes, sind immer ein bißchen nach unten gezogen, Russells Spiel bekommt etwas leicht Aggressives, aber wir ahnen, dass auch sie letztlich eine Suchende, Sehnsuchtsvolle ist.
Das große Plus in der Rollengestaltung der Frauen ergibt sich daraus, dass Russell ein kontrastierender weiblicher Co-Star zur Seite gestellt wurde, nämlich Gloria Grahame als rätselhafte Gangsterbraut. Das erste Zusammentreffen der Frauen bringt bereits in einem ganz kurzen Moment die Unterschiedlichkeit kongenial zum Ausdruck. Da blicken sich die laszive, offen Sinnsuchende (Russell) und die rätselhafte Sphinx (Grahame) an, wir sehen zwei völlig unterschiedliche Frauentypen, und die beiden sehen einander sofort als Konkurrentinnen. Auch wenn es zum love triangle nicht kommen wird, wird eine gewisse Gegensätzlichkeit der Frauen fein herausgearbeitet: Grahame hat einen dünneren Lippenstiftstrich und wohl auch von Natur aus schmalere Lippen, sie wirkt schlanker, weniger kurvig (was an der Kostümen liegen mag), gelegentlich fast statuarisch, rätselhaft, eine Sphinx eben, wie Nick das einmal nennt. In ihrer Rolle erklärt sie ihre Handlungsweisen nie, sie wird das faszinierende Rätsel bleiben, Jane Russells Julie legt jedoch die Karten offen auf den Tisch. Dass sich daraus im Zusammenspiel mit Nick ein Pärchen ergibt, ist klar, aber dass der Film der Weiblichkeit anhand Gloria Grahames Figur ein Stück Geheimnis lässt, ist von erfreulicher Ambivalenz.
Nichtsdestoweniger sind Nick/Julie die Hauptfiguren, und wie der Film ihre Zerrissenheit zeigt, ist auch von ihren Handlungsweisen und Dialogen her äußerst interessant, mitunter vergnüglich. Dem Drehbuch kann man lediglich kriminalistische Banalität vorwerfen, bei der psychologischen Figurengestaltung verfügt es über bestechende Intensität, Schärfe, mitunter einen für von Sternberg ungewöhnlichen Witz und einen gewissen erotischen Humor (ob hierfür wohl Nicholas Ray steht, der Anfang und Ende neu gedreht hat, da dies nicht nur, aber insbesondere in der ersten Viertelstunde und in der Schlusspointe zu merken ist?). Kleinigkeiten wie das amüsiert-fassungslose, kaum merkliche Kopfschütteln eines Stewarts bekommen wir erst beim zweiten Sehen mit, denn wir sehen erst DANACH, auch welcher Kabine dieser Mann gerade kommt: Ein Mann in mittleren Jahren macht sich lächerlich und tanzt Rumba, wie man das von einer schönen Frau erwarten würde. Diese - natürlich Julie - steht hingegen lasziv am Türrahmen und hatte dem Mann wohl Hoffnungen gemacht, ohne diese erfüllen zu wollen. Als er zudringlich wird und sie einen Schuh nach ihm wirft, trifft dieser Schuh Nick. Scheinbar ungerührt betritt er die Kabine mit der Frage: "Wer von Euch beiden ist Cinderella?" Laaange kostet er das Bild, das sich ihm bietet, voyeuristisch aus, bevor er dem Mann dann doch einen Magenschwinger verpasst, um in nonchalanter Lässigkeit festzustellen, dass der schon angesetzte Kinnhaken nicht mehr ausgeführt werden muss. Dies und das anschließende Kennenlernen von Nick, Julie und kurz darauf Trumble ist von kochender Erotik und heißen, aber noch unsteten Gefühlen und von unverschämtem Witz. Allein wie Trumble Julie mit Nylons aus seinem Warenkoffer ködert und Julie die alten Strümpfe über Bord, aber in Wirklichkeit in Nicks Hände wirft, wie sie sich beim Umkleiden auf offenem Deck lasziv gibt und sich - noch unbewusst - auch selbst schon "in Nicks Hände wirft"... Der Vorgang ist an sich schon ungewöhnlich genug, aber jede schnodderige Bemerkung sitzt punktgenau und brodelt vor eindeutigen Zweideutigkeiten. Julie und Nick frotzeln von Anbeginn ihrer ersten ungewöhnlichen Begegnung an süffisant herum. Cinderella? Ja, die "Schlampe" möchte gern ein geregeltes Leben haben, es muss ja nicht gleich am königlichen Hofe sein.
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