Man sollte nicht gleich alles so ernst nehmen - schon gar nicht das Leben selbst.
Oft mit der Handkamera, quasi dokumentarisch, verfolgte Regisseur Christophe Honoré im 2004 produzierten "Ma Mère" Sommerfrischentage einer französischen Familie auf Gran Canaria. Zufalls-Urlauber dürfen ebenso mit rein wie Zufallsszenen - vergleichsweise kommt "Der Swimmingpool" wie ein ausgefeiltes Drama daher.
Pierre (Louis Garrel, 21) und Hélène (Isabelle Huppert, 51) trösten sich über den Tod des Gatten und Vaters intimst, aber - wie man auch an einigen Kommentaren hier sieht - nicht allgemein vermittelbar. Vielleicht sollte man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass amerikanische Zahlen von 25% Inzest sprechen - es handelt sich also durchaus um ein keineswegs auf die alten Griechen beschränktes Massenphänomen, bei dem meiner Ansicht nach nichts dagegen spricht, es in Spielfilmen darzustellen.
Die Sache tändelt ein wenig durch die Zeit - die Mutter versucht, sich selbst etwas zurückzuziehen und ihre Freundin Réa (Joana Preiss) ins Spiel zu bringen - Prüden sei versichert: der Preiss ist's heiß, das werden Sie schlecht ertragen! Dann gibt es noch Hansi (Emma de Caunes, 28), die in meiner persönlichen Traumfrauen-Liste, welche deutlich von der der SZ abweicht, einen Spitzenrang einnimmt. Hansi mag Pierre, fühlt sich aber auch für die Rückenstärkung des einheimischen Sklaven verantwortlich. Pierre mag Hansi auch, liebt aber seine Mutter.
Ich will nicht alles ausplaudern, nur so viel: Es kommt zu einem Showdown, den man nicht so schnell vergisst. Es kommt auch zu einem Un-Happy End. Warum trotzdem so vielen der Film nicht gefällt? Weil er uns Menschen vorführt, die zwar eine größere Freiheit von Konventionen empfinden, aber dennoch von den gleichen Ängsten und Bedürfnissen getrieben werden wie wir alle. Damit zeigt er aber auch die sorgfältig weggesperrten, gefühlten "Abgründe" unserer Seele auf; zwischen dem, was man sich zugesteht, und dem, was man unterbewusst empfindet, klaffen Welten.
Solche Verspannungen bekommt natürlich ein provokanter Film schnell ab: Was wir selbst so sorgfältig verdrängen und tabuisieren, darf kein Christophe Honoré ungestraft auf die Leinewand werfen. Ein bisschen erinnert dieses Bild der Verklemmung an die Effekte, die Emmanuelle Arsan mit "Kindern der Lust" in einem Psychologinnen-Seminar hervorrufen würde. Der Unterschied zu Normalos könnte so zusammengefasst werden: Diese Privilegierten können es sich zeitlich und wegen ihres moralischen Sonderstatus erlauben, ihre Spannungen auszuleben - die meisten von uns Eingespannten und Verklemmten haben keine wirkliche Alternative zur Verdrängung.
Also hallo, Leute! Ich grenze mal die Nicht-Zielgruppen aus: Der Film ist selbstverständlich keine Selbstbefriedigungsvorlage, aber ansonsten wesentlich deutlicher und schon wegen der Echtheit erotischer als die Flensburger Serienstöhnerei. Wer mit derartiger Offenheit, die völlig unbemäntelt und nicht im Mindesten verschämt daher kommt, seine Probleme hat, wird sich auf die - eigentlich interessierende - Gefühlswelt der Protagonisten vor lauter Empörung schwerlich einlassen können.
Diejenigen, die dennoch verzweifelt nach dem Strohhalm "psychologischer Hintergrund" suchen, ein paar Tipps mit auf den Weg. Es geht natürlich um Pubertät, Ablösung vom Vater, Liebe zur Mutter (ich meine Liebe und nicht Mutterliebe). Es geht aber auch mindestens genauso um Hélène, die - kontrapunktisch zu Pierre - aus der Mitte des Lebens herausfindet. Der Abschied von ihrem geliebten Sohn ist für sie auch gleichzeitig der Abschied von einem offenen, tabulosen und lustorientierten Leben, von der Lebensmitte.
Auch die "Neben"-Rollen sind bedenkenswert: Die Situation der ewigen Freundin Réa, durch die - wenn man mir das flapsige Wortspiel verzeihen möge - die gleichen "Dick" und "Dünn" gegangen sind, die sich anders als Hélène noch nicht von diesem Leben und ihrer Gefährtin verabschieden möchte. Und natürlich die von mir so geschätzte Hanni, die gerne den emotionalen Verflechtungen, in die sie so tief eingewachsen ist, entfliehen würde.
Pierre präsentiert uns das Happy-End. Er besteht die Versuchung, ins spirituelle Abseits zu flüchten, er findet einen Weg aus den Konflikten mit der Mutter und startet bewusst ins Leben.
"Ma Mère" hat mit der Klavierspielerin nicht nur die vorzügliche und tiefgründige Frau Huppert gemeinsam, sondern auch die Tatsache, dass man die Bilder, Figuren und Emotionen auf Dauer mit sich herumtragen wird wie ein Muttermal. Und - sieh mal an - seit es "Ma Mère" gibt, regt sich die Riege der Verklemmten über "Die Klavierspielerin" nicht mehr so auf - das ist jetzt Kunst, der Stab der "spekulativen Dekadenz" konnte glücklich weitergereicht werden.
Viele kommen schon mit der echten Mutter ein Leben lang nicht klar. Meine Frau - keineswegs prüde - kann dagegen mit dem Film sehr schlecht umgehen. Seien Sie im eigenen Interesse vorsichtig! Man muss nicht jeden Film anschauen, dafür gibt es ja Rezensionen. Aber es ist nun einmal auch nicht einem Film anzulasten, dass nicht jeder mit einer extremen Realität zurechtkommt.
Denn eines ist ja wohl nicht zu bezweifeln: "Ma Mère" zeigt eine, wenn auch rare und elitäre, Realität. Man muss das ja nicht gleich zuhause nachmachen ...
Im Original 110 Minuten, Format 1,66:1 auf 35 mm Film, DD Stereo (IMDB)
film-jury 5* A0098 9.12.2010eg Genre: Drama
Emma de Caunes (* 9. September 1976 in Paris)
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1997 -* -0000 Un frère - Ein Bruder
....... R: Sylvie Verheyde D: Jeannick Gravelines, Emma de Caunes (César), Nils Tavernier
2002 Prix Romy-Schneider
2004 5* A0098
Ma Mère - Meine Mutter....... R: Christophe Honoré D: Isabelle Huppert, Louis Garrel
....... D: Emma de Caunes, Joana Preiss, Jean-Baptiste Montagut