In Sofia Coppolas zweitem Spielfilm aus dem Jahr 2002 begegnen sich die junge Charlotte (Scarlett Johansson, 19), "Hyatt-Witwe" eines Fotografen, der in Tokio einen umfangreichen Auftrag zu erledigen hat, und der alternde Filmstar Bob Harris (Bill Murray, 53), den ein 2-Millionen Werbeauftrag für Whisky in die japanische Millionenstadt getrieben hat.
Apropos Millionen: die mit 4 Millionen Dollar geradezu lächerlich billige Produktion spielte 120 Millionen Dollar ein, davon ein gutes Drittel in den USA. Um es hier schon auf den Punkt zu bringen: mit diesem Ausnahmefilm haben sich Murray, Coppola und Johansson ein Denkmal gesetzt - und das auch noch mit einem hochkarätigen Drama! Hoffentlich haben nicht allzu viele Zuschauer in der Hoffnung das Kino aufgesucht, über ein Murmeltier ablachen zu können ...
Es gäbe dennoch einige wenige Verbesserungswünsche. Man sehnt sich nach der deutschen Stimme einer "jungen Frau" für Scarlett Johansson - die eines "große Mädchens" (Maren Rainer) passt einfach nicht so gut zur Rolle. Solche Probleme entfallen im englischen Original, allerdings erhofft man sich von der SZ-Ausgabe vergeblich eine vernünftige Untertitelung. Was könnte man noch bekriteln? Ein bisschen zuviel kostensparende Wackelkamera vielleicht - und wenn das Karaoke losgeht, bläst einen die Lautstärke vom Sofa. Aber all das ändert nichts daran, dass Frau Coppola ein grandioser Film gelungen ist.
So unterschiedlich die Situationen des ungleichen Paars zu sein scheinen, beim näheren Hinsehen gibt es doch etliche Gemeinsamkeiten: Die seit zwei Jahren verheiratete Charlotte wird erstmals mit dem Desinteresse ihres vielbeschäftigten Gatten konfrontiert, der sich lieber mit einem schrillen und hohlen Starlet unterhält als die knappe Freizeit mit seiner Frau zu verbringen. Bob hingegen hat keine Illusionen mehr hinsichtlich seiner Ehe - die Frau ist nur noch mit Kindern und Haushalt befasst und schlägt ihm durchaus ehrlich vor, "doch in Japan zu bleiben, wenn ihm das Essen dort so gut schmeckt". Solche Sätze wünscht man nicht einmal seinem ärgsten Feind.
Ein zweites Feld, welches unser Paar zueinander treibt, ist der Kulturschock. Gerade auf US-Amerikaner muss die völlig hemmungslos adaptierende und übertreibende Kopie ihrer sogenannten "Kultur" durch die Amerikaner wie eine Schocktherapie wirken, eine Karikatur, die ihnen die Unmenschlichkeit und Sinnlosigkeit des "american way of life" erbarmungslos vor Augen hält und damit auch in gewisser Weise die Basis der eigenen sozialen Kultur in Frage stellt.
Bob Harris, der sicher lieber zuhause Theater spielen würde als einem japanischen Werbefotografen das Whiskyglas mit "mehr Intensität" vor die Kamera zu schwenken, zählt ebenso wie die Philosophin Charlotte sicher eher zur introvertierten, reflektierenden und beobachtenden Sorte. Immer, wenn es ringsherum besonders lärmend und geistlos zugeht, wächst die Intimität der Antipoden. Wer natürlich den alltäglichen Schwachsinn für die Freuden des Lebens hält, mag das als kommunikationsbehindert interpretieren. Sensible Intellektuelle allerdings werden sich sofort identifizieren können.
Natürlich ist jederzeit klar, dass es kein Fenster für eine Beziehung geben kann. Die "Übersetzung" der zarten Nähe der beiden Verlorenen in das wahre Leben ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Dennoch enden die wenigen gemeinsamen Stunden der Beiden nicht in Schmerz und Katzenjammer, sondern ausgerechnet Bob, der längst kapituliert hatte, vermag der jungen Charlotte etwas Mut für ihr eigenes Leben mitzugeben.
Ein bewegender Film, der am Muster der damals noch voll unter Atomstrom pulsierenden Metropole erbarmungslos den Irrweg unserer Industrie- und Werbekultur aufzeigt, aber auch Mut für die Begegnung aufgeschlossener Individuen macht.
Im Original 104 Minuten, Format 1,85:1 auf 35 mm Film, DD (IMDB)
film-jury 5* A0586 2.5.2011eg 8A 2E Genre: Drama
Scarlett Marie Johansson (* 22. November 1984 in New York City)
---------------------- ---------------------- ----------------------
1998 -* R00000
Der Pferdeflüsterer....... R+D: Robert Redford D: Kristin Scott Thomas, Scarlett Johansson
2002 5* A0586
Lost in Translation....... R: Sofia Coppola D: Scarlett Johansson, Bill Murray
2003 4* A0410
Das Mädchen mit dem Perlenohrring [Blu-ray]
....... R: Peter Webber D: Scarlett Johansson, Colin Firth
2004 5* A0461
Lovesong für Bobby Long....... R: Shainee Gabel
....... D: Scarlett Johansson, John Travolta, Gabriel Macht, Deborah Kara Unger
2005 4* A0409
Die Insel....... R: Michael Bay D: Scarlett Johansson, Ewan McGregor
William James "Bill" Murray (* 21. September 1950 in Wilmette, Illinois)
---------------------- ---------------------- ----------------------
1977 Saturday Night Live (Emmy)
.......
1981 -* R0000
Ich glaub', mich knutscht ein Elch!....... R: Ivan Reitman D: Bill Murray
1993 5* R0000
Und täglich grüßt das Murmeltier [Blu-ray]
....... R: Harold Ramis D: Bill Murray, Andie MacDowell
2000 -* R0000
3 Engel für Charlie [Blu-ray]
....... R: McG D: Bill Murray, Cameron Diaz
2002 5* A0586
Lost in Translation....... R: Sofia Coppola D: Scarlett Johansson, Bill Murray