Dass es ein gewichtiger Beitrag zur Geschichte des britischen Geheimdienstes ist, beweist schon das schiere Volumen des Bandes und dafür steht auch der erzseriöse Historiker Christopher Andrew. Ob man als Einzelperson überhaupt die Menge des Materials erfassen, bündeln und adäquat darstellen kann, scheint fraglich. Man kann es wohl nur, wenn man sich konsequent chrono-thematisch vorarbeitet und mehr wagt Andrew tatsächlich nicht. So wird die interessante Entwicklung des Inlandsgeheimdienstes, der mit einer Handvoll Enthusiasten begann und offiziell mittlerweile 5000 Menschen in Lohn und Brot hat, annähernd fassbar.
Faszinierend zu sehen, wie die Feindbilder wechseln: Waren es von 1909 bis 1945 die Deutschen, so wurden diese bald von den Sowjets und den eigenen Kommunisten abgelöst, es kam die IRA dazu und schließlich definiert man sich im 21. Jahrhundert nicht mehr als Gegenspionage-, sondern Gegenterrorismusinstitution. Um allen ideologischen Fallstricken zu entgehen, und durchaus in der Tradition der englischen Geschichtsschreibung, bemüht sich Andrew um einen ruhigen Ton, vermeidet polarisierende Bewertungen, entsensationalisiert die Arbeit des Geheimdienstes. Das wirkt einerseits positiv objektiv, nimmt der Geschichte allerdings jegliche Spitze, jegliche Spannung, die einen Geheimdienst nun mal auch ausmacht, ohne dabei die bürokratische Hauptarbeit vernachlässigen zu wollen. Wer behauptet, dieses Buch enthielte nichts Neues, muss allwissend sein, denn vieles dürfte zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgeführt worden sein - leider oft in einem übervorsichtigen Anschlag. Sicher, was die spektakulären Fälle betrifft, wie etwa Philby und die "Magnificent Five" (Nr. 5 war demnach im Übrigen Cairncross und nicht Hollis, wie Wright in "Spycatcher" medienwirksam behauptet hatte), da erfährt man kaum Neues, aber die jeweiligen politischen Verstrickungen etwa unter der Heath-, Wilson- oder Thatcherregierung, dürften den meisten Lesern unbekannt sein, sind freilich weniger aufsehenerregend. Insgesamt wäre eine konzisere Auswahl wohl besser gewesen, zu viele Geschichtchen, Namen, Akronyme ... wirken ermüdend, keine Frage; 1000 trockene Seiten können ein ganz schöner Kanten werden für all jene, die sich nur informieren wollen.
Andrews straight forward approach hindert ihn freilich daran, die Frage nach dem Sinn und Unsinn eines Geheimdienstes auch nur in Erwägung zu ziehen - nirgendwo scheint er in der Lage, die Plattform, auf der er steht, wahrzunehmen, geschweige denn anzuzweifeln.
Von Interesse ist der Band aber vor allem aus geschichtsphilosophischer Sicht, denn selten bekommt man die Gelegenheit hautnah zu verfolgen, wie Geschichte eigentlich entsteht. Nämlich nicht durch die Geschehnisse, sondern die Art und Weise, wie diese ausgewählt und erzählt werden. Und da Andrews Erstbegehungen (wer hatte zuvor schon freien Zugang im Archivdschungel?) unternimmt, lässt sich gut verfolgen, wie die historischen Pfade geschlagen, wie Interpretationsrichtungen vorgegeben werden.
Rezension bezieht sich auf das englische Buch, eventuelle übersetzerische Probleme konnten also nicht einbezogen werden.