Sie ist der Bogen Frankreichs. In einer weit ausladenden Linkskurve (Süd-Nord/Ost-West) teilt "der längste Fluss der Nation" - so Andreas Weber, Redakteur des Merian-Heftes "Die Loire" vom Sommer 2002, im Vorwort der vorliegenden Schrift - das Land in zwei Hälften. "Hier geht Paris, das Hirn Frankreichs, allmählich in sein Herz über."
Und Andreas Weber bleibt sich treu. Ihm obliegt auch die Ehre des eröffnenden Hauptartikels, den er dann folgerichtig mit "Das Herz der Nation" überschreiben lässt. "Das Tal der Loire ist eine Erfindung der Poesie." Herz und Verstand, die Lebensader Frankreichs. "In seinem milden Klima schufen Künstler und Könige die humanistische Kultur, eine nie wieder erreichte Einheit von Natur und Zivilisation." Keine Frage. Neben Hausboot-Verleih "für Kapitäne ohne Patent", Fahrradtouren, Wandern, bilden Loire und umgebende Regionen in erster Linie viel für Kunst und Kultur. "Kaum irgendwo sind Natur und kulturelle Inszenierung inniger verwoben als im Tal der Loire. (...) Könige und Adlige nahmen die Dichter beim Wort und verwandelten die Landschaft. In einem wahren Kunstrausch setzten sie sich in zierlichen Schlössern und mit verfeinerter Lebensart auf der Bühne eines Paradiesgartens in Szene."
Schon in Meyers großem Konversationslexikon, in der 6. Auflage, das vor knapp über hundert Jahren erschien, wurde die Loire (lat. Liger) als "der bedeutendste Fluss Frankreichs" bezeichnet, der "unterhalb Nantes buchtartig erweitert, bei St.-Nazaire in den Atlantischen Ozean" mündet. Übersatt an Schlössern sei die Region, schreibt Weber weiter. "Die französische Renaissance schuf sich dort ihre neue Welt. (...) / Im unregelmäßigen Bett der Loire floss über Jahrhunderte die Essenz des französischen Schicksals."
Ein Flussverlauf verleitet zu einer abwärtsfließenden Chronologie. Das Merian-Heft widersteht diesem Zwang. Und so beschäftigt sich gleich der zweite Aufsatz, "Das Wunder von Nantes" von Anja Haegele, mit dem Kunstbetrieb dieser letzten großen Stadt am Unterlauf der Loire: mit Nantes, "der einst verschlafenen Provinzstadt".
Ein Merian-Heft verleitet zu einer chronologischen Leserichtung. Der Rezensent widersteht diesem Drang. Und so beschäftigt er sich gleich im nächsten Absatz mit einer "Oase im Meer der Stille", der Insel Noirmoutier.
Zwar liegt Noirmoutier nicht an der Loire, jedoch dem erweiterten Einzugsgebiets ihres Mündungsbereichs darf man sie durchaus zuordnen. Der Engländer James Hamilton-Paterson stellt uns die Insel vor. Er beschreibt, wie keine Gegend, die er im Laufe seines Lebens bereiste, ihn stärker in die Irre führte, als dies bei Noirmoutier der Fall war. So suggerieren "immergrüne Steineichen und Nadelbäume (...) entlang der Nordküste Nähe zum Mittelmeer." Noirmoutier, von der "zwei Drittel unter dem Meeresspiegel liegen", erweckt den allgemeinen Eindruck "eines Ortes, an dem Menschen ernsthaft die Nähe der See suchen."
Zurück zur Loire, an die es den Schriftsteller Georg Lentz ("Muckefuck") im Laufe seines Lebens als Dauergast hin verschlagen hat. Festgehalten vom Hochwasser, gewann er viele neue Freunde. Und als die Fluten wieder sanken, begann er ein neues Leben. "Was tut der Reisende, wenn kleine Wasserfontänen zwischen den Fußbodenfließen seines Ferienhauses aufsteigen? Er öffnet eine Flasche Rotwein und beruhigt den Bürgermeister, der sein Mietobjekt versinken sieht." In "Meine schöne kleine Welt" beschriebt Lentz Land und Leute seiner neuen Wahlheimat, wo er sich, in Saint-Firmin-sur-Loire, 1982 niederließ (und wo er dann, im Januar 2009, auch verstarb).
Dass die Region übersatt an Schlössern sei, das haben wir bereits erfahren. Die Schlösser der Loire. Sie sind der Inbegriff dessen, was man mit dem französischen Fluss verbindet. Sie sind die Verkörperung allen Anscheins, was der Loire-Tourismus zu bieten hat. In ihrem Artikel "Adel verpflichtet" geht Nina Freydag nicht auf die nationalen Attraktionen wie Chambord (ein wirklich sehenswertes Highlight; es steht auch für das Titelbild des vorliegenden Merian-Heftes), Sully-sur-Loire oder andere ein, sondern auf die Überlebenskämpfer: nach wie vor sich in herrschaftlichem Privatbesitz befindliche Baudenkmale, mehr zur Not als zur Freude ihrer Eigentümer, "mehr Last als Lust für Comte, Herzog und Marquis." So erfahren wir, wie "abseits der Touristenpfade (...) die Prinzen; Herzoginnen, Grafen der Region Anjou um den Erhalt ihrer jahrhundertealten Familiensitze kämpfen müssen." Kritisch geht Freydag mit diesem Teil der französischen Kulturpolitik ins Gericht. "Entlang der Loire buhlen ungezählte Burgen, Schlösser und Herrenhäuser um Besucher, doch viele hat der französische Staat totrenoviert. Perfekt und leblos liegen sie da, wie bunt geschminkte Leichen. (...) / Früher hielten 40 Bedienstete die Feuer und den Haushalt in Gang. Heute gibt es nicht einmal mehr einen Gärtner." Und der Schlössertourismus? Vom Comte de Saveb½uf erfahren wir, dass es den Schlössern insgesamt miserabel gehe. "Die Leute fahren lieber nach Disneyland."
Im Rahmen einer ausklappbaren Kartenübersicht lernen wir sie dann doch kennen: "Mutterland der Pracht", die bedeutungsvollsten der größeren und kleineren Schlösser und Burgen an der Loire, deren Gesamtzahl - wie zu lesen -, mehr als dreihundert beträgt.
Ärgerlich, da tendenziös, der Bericht von Ralf Eibel, "Feldzug im Forst", über den Jagdtrieb der Franzosen, über "Männer, die das Jagen mehr lieben als ihre Frauen." Ärgerlich? Nein. Am Ende sind wir Ralf Eibel dankbar, öffnet er uns doch die Augen. Wir lesen und erkennen die Arroganz und Ignoranz einer gesellschaftlichen Gruppendynamik, die sich in den Tälern und angrenzenden Wäldern unserer geliebten Loire abspielt - wobei durchaus möglich ist, dass man mit der Einschätzung dem einen oder anderen Jägersmann unrecht tut. "Pro Jagdsaison werden in Frankreich angeblich 40 bis 60 Menschen erschossen." Was ist das für ein Hobby? "Der Wald ist das letzte Vergnügungsviertel der Männer aus dem einsamen Landstrich der Sologne." Die den Aufsatz begleitenden Fotos von Catherine Balet werden den teilweisen kritischen Worten Eibels nicht gerecht: Hochglanzwerbung für französisches Jägerlatein. - "'Wir halten auf alles drauf, was sich bewegt', brummelt" da einer. "Zuerst auf die Umweltschützer ..!'"
Es gibt noch einige Großberichte mehr: "Im Palast der Illusionen" über zeitgenössische Kunst auf Schloss Oiron. Über die Kirche Notre-Dame de Cunault, "die Lichtgestalt aus Stein", die "schönste romanische Kirche zwischen Orléans und Nantes". Über "die strahlenden Bürger von Avoine", der "Kernkraft ohne Kontroverse". Oder über die "Tropfen für die Ewigkeit", den Weinanbau an der Loire.
Es gibt noch einige Kleinberichte im Info-Teil des Merian. Die lästigen, da schleichwerbenden, übergehe ich geflissentlich. "Sehenswert", darum lesenswert, "Arrest in der Abtei", über "Mönche, Nonnen, Herrscher und Häftlinge" in der "wechselvollen Geschichte des Klosters Fontevraud". Oder, und das soll hier noch Erwähnung finden, über den bezaubernden "Teppich des Schreckens", die eindrucksvolle Apokalypse von Angers. Es handelt sich dabei um das größte mittelalterliche Teppichkunstwerk der Welt.
"Merian: Die Loire", eine flüssige französische Wasserwelt. Gemütlich, gemächlich, ruhig und behaglich. Es blubbert und gluckert, es sprudelt und platscht. Es liest sich friedlich und bequem. Man kann die Loire aber durchaus auch literarisch verunglimpfen. Zum Beispiel, wenn man sie, wie der Siegerländer Reimeschmied Trutzhart Irle - schon der Name bürgt für grobschlächtige Poesie -, in falsche Reime zwängt: "Loire" (sprich: "Loare", mit betontem "e") und "Wahre". In seiner Großfahrt durch Europas Weinlagen, "Weinreisen", bietet er der Flusslandschaft Loire, neben dem Kaiserstuhl und vielen anderen deutschen Weinlagen, neben der Toscana, Madeira und Kreta, dem Bordeaux oder dem Burgund, ihren ganz speziellen Auftritt: "Wandern wir an der Loire / ist nur der Sancerre das Wahre." Johanna Du, aus Orléans, bitte für uns!