Madonna. Interessant fand ich ihr Debut damals in den 80ern, empfand sie spritzig, aber wie die Kritiker als One-Hit-Wonder. Doch folgten Hit auf Hit, Album auf Album. Madonna blieb. Stimme? Nichts Großes, sondern Dutzendware. Aber da war etwas - das GEWISSE Etwas, was sie einmalig machte bzw. werden ließ. Ihre Verwandlungskunst, die stete Bereitschaft, sich immer neu zu erfinden, vor allem aber ihr sprichwörtlicher Mut, innovative Musik zu machen, die man zunächst häufig als sperrig und gewöhnungsbedürftig empfand, sich jedoch nach mehrmaligem Hören als große Popkunst entpuppte.
So viele Alben, die ich heute noch oft höre und Meilensteine in ihrem Genre wurden, zeugen davon: Das völlig unterschätzte "Erotica", das balladeske "Bedtime stories" voller wunderschöner Kompositionen, "Ray of light" natürlich, das ganz und gar außergewöhnliche "I m breathless" (große Kunst!) bis hin zum genialen Dancefloor-Klassiker "Confessions..." Und immer - auch bei schwächeren Alben - echte musikalische Highlights, die die keineswegs atemberaubende Stimme Madonnas zugunsten des genialen Gesamtpakets vergessen ließen und den Star zu dem machten, was sie noch heute ist: Popqueen mit weltweit höchsten Auflagen, Bitch, Skandalnudel, Stilikone, fürsorgliche Mutter - eine Frau der Extreme, die alles miteinander zu vermischen und Kunst wie auch Kommerz auf geniale Art zu vereinen wusste.
"MDNA" habe ich nun -zigmal gehört; immer in der sicheren Erwartungshaltung, dass die Erkenntnis, wieder einmal anfänglich ein Juwel verkannt zu haben, weil es zu innovativ und daher ungewohnt gestrickt wurde, sich schon einstellen würde.
Aber leider erfolglos.
Bemerkt habe ich stattdessen, dass Madonna nun mit über 50 (für mich im Übrigen eine Zahl und sonst nichts) auf scheinbare Nummer Sicher setzt. Will heißen: Sie orientiert sich ausnahmslos am Mainstream, vermeidet die für sie so typischen und charakteristischen Experimente (die gerade sie zu dem machten, was sie wurde), um mit einer leidlich uninspirierten Mischung aktueller Sounds ein Stück zwar massenkompatibler, dafür jedoch leider beliebiger Musik abzuliefern. Sicher, es gibt ein paar wenige akzeptable Songs auf diesen beiden Scheiben, denen man mit einigem Interesse zuhört und die entfernt an den gewohnten Madonna-Effekt erinnern. Entfernt(!) erinnern. Genau das ist das Problem: "MDNA" stellt für mich einen müden Abklatsch einstiger Größe dar. Es wird sich verkaufen, gewiss, stellt umsatzbezogen wohl auch ihre kommerziell erfolgloseste Scheibe "Erotica" in den Schatten. Aber: Es wird nichts bleiben als eine von der Zeit bald überrollte Neuerscheinung, die nach wenigen Monaten in den Regalen verstaubt. Es fehlen ganz einfach wichtige Voraussetzungen für das Gegenteil: Songs von künstlerischer Substanz, die unvergesslich bleiben. Qualität kennt kein Verfallsdatum.
"MDNA" leider schon. Netter, gewöhnlicher und austauschbarer Tagespop. Gewinnträchtig und massenkompatibel.
Doch morgen schon überholt, ersetzt und vergessen.
Wo ist die Madonna, die aneckte, überraschte, provozierte und - vor allem - musikalische Maßstäbe setzte? Dieser Frage kann man nicht ausweichen: Madonna, wo bist du?