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Münsters Fall: Roman [Gebundene Ausgabe]

Hakan Nesser , Christel Hildebrandt
2.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (22 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Vier alte Tippbrüder gewinnen im Lotto zusammen 20.000 Gulden. Sie feiern ihren Erfolg ausgelassen mit viel Alkohol in ihrer Stammkneipe. Einer der Freunde wird noch in derselben Nacht ermordet, ein anderer verschwindet spurlos. Keine leichte Aufgabe für Kommissar Münster, der lange im Dunkeln tappt. Immer wieder stellt er sich die Frage, weshalb der 72-jährige Waldemar Leverkuhn in seinem Bett regelrecht niedergemetzelt wurde.

Seine Überlegungen lassen ihn zunächst auf die Raserei eines Drogenabhängigen schließen. Möglich wäre auch, dass einer der Tippgenossen neidisch wurde und die beiden Kumpane nacheinander aus dem Verkehr ziehen will, um seinen Profit zu erhöhen. Selbst die Ehefrau des Ermordeten gerät für einen kurzen Moment in das Blickfeld der Ermittlungen. Doch Münster ist nicht vollständig davon überzeugt. Er und seine Kollegen nehmen sich nach und nach die merkwürdigen Kinder der Leverkuhns vor, die zu ihren Eltern nur sporadisch Kontakt hielten. Alle drei sind ziemlich wortkarg, was ihr Privatleben und die Beziehung zu den Eltern und Geschwistern angeht. Irene ist in der Psychiatrie, Ruth ist lesbisch und Mauritz ein eigenbrötlischer Junggeselle. Als auch noch die Nachbarin Else van Eck auf Nimmerwiedersehen verschwindet, wird das Dickicht für Münster undurchschaubar. Die perfekte Verwirrung stiftet ein unerwartetes Geständnis, das aber nur scheinbar Licht in den rätselhaften Mordfall bringt. Schließlich zieht Kommissar Münster seinen Kollegen van Veeteren zu Rate, der ein unnachahmliches Gespür für kuriose Fälle hat.

Håkan Nessers Kriminalroman spielt in seinem Heimatland Schweden, in dem der Autor als exzellenter Spannungsschriftsteller gilt. Für seine Krimis wurde er mehrfach ausgezeichnet. Der Roman ist ein atemberaubendes Lesevergnügen. --Corinna S. Heyn

Pressestimmen

"Nessers Krimis sind atmosphärisch dicht erzählt. Dabei stattet er seine Figuren mit so viel Selbstironie und der Fähigkeit zum Philosophieren aus, dass man sie gern zum Freund hätte." (Marie Claire )

"Überaus spannend lakonisch erzählt mit überraschendem Ende." (Nürnberger Nachrichten )

"Wenn Kult - Autor Henning Mankell einen Nachfolger bräuchte - in seinem schwedischen Landsmann Håkan Nesser wäre er schon gefunden. Auch Nessers Romane sind voller Tiefgang, die seelischen Abgründe wunderbar auserzählt." (Brigitte )

Kurzbeschreibung

Eigentlich hat Kommissar Van Veeteren sich für ein Jahr beurlauben lassen, und seitdem arbeitet er in einem Antiquariat. Niemand unter den Kollegen glaubt jedoch, dass er durchhalten wird - seine Stelle ist dehalb unbesetzt, und auch Münster, der sich an einem ungewöhnlichen Fall versuchen darf, kann es nicht lassen und sucht seinen Rat. Den hat er auch bitter nötig, denn die Sache, die er aufklären soll, gestaltet sich von Tag zu Tag mysteriöser: ein Toter, zwei Verschwundene und eine Ehefrau, die einen Mord gesteht, den sie nach Ansicht von Van Veeteren nicht begangen haben kann. Und dann findet eine Joggerin auch noch den Kopf einer Toten, die als die verschwundene Else van Eck identifiziert wird. Als immer neue Leichenteile auftauchen, beschließt Van Veeteren, den Fall noch einmal völlig neu anzugehen ...

Klappentext

"Psychologisch stimmig und sprachlich distanziert, wird eine Geschichte von Missbrauch, Rache und Sühne aufgerollt. Erstklassig."
OÖ Nachrichten

"Überaus spannend lakonisch erzählt mit überraschendem Ende."
Nürnberger Nachrichten

"Nessers Krimis sind atmosphärisch dicht erzählt. Dabei stattet er seine Figuren mit so viel Selbstironie und der Fähigkeit zum Philosophieren aus, dass man sie gern zum Freund hätte."
Marie Claire

Über den Autor

Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der interessantesten und aufregendsten Krimiautoren Schwedens. Für seine Kriminalromane um Kommissar Van Veeteren erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in mehrere Sprachen übersetzt und wurden erfolgreich verfilmt. Daneben schreibt er Psychothriller, die in ihrer Intensität und atmosphärischen Dichte an die besten Bücher von Georges Simenon und Patricia Highsmith erinnern. "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" oder "Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla" gelten inzwischen als Klassiker in Schweden, werden als Schullektüre eingesetzt, und haben seinen Ruf als großartiger Stilist nachhaltig begründet. Håkan Nesser lebt mit seiner Frau derzeit in London und auf Gotland.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1
Der letzte Tag in Waldemar Leverkuhns Leben hätte kaum besser anfangen können.
Nach dem nächtlichen Wind und dem Dauerregen fiel jetzt eine milde Herbstsonne durch das Küchenfenster herein. Auf dem Balkon, der zum Hinterhof ging, war das charakteristische weiche Gurren der liebeskranken Tauben zu hören und im Treppenhaus das ausklingende Echo der Schritte seiner Ehefrau, die sich auf dem Weg zum Markt befand. Das Neuwe Blatt lag ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch, und er hatte gerade seinen Morgenkaffee mit zwei Tropfen Genever gewürzt, als Wauters anrief.
»Wir haben gewonnen«, sagte Wauters.
»Gewonnen?«, fragte Leverkuhn.
»Ja, Mensch!«, sagte Wauters. »Sie haben es im Radio gesagt.«
»Im Radio?«
»Stell dir vor, zwanzigtausend! Es war die Fünf, und zwar keinen Tag zu früh!«
»Das Los?«
»Ja, natürlich das Los. Was hast du denn gedacht? Hab ich nicht gesagt, dass was in der Luft lag, als ich es gekauft hab? Hol's der Teufel! Sie hat es geradezu rausgesucht vor mir … als ob sie's gewusst hätte, Frau Milkerson im Kiosk. Zwei, fünf, fünf. Eins, sechs, fünf, fünf! Die Fünfer sind es, die haben's gebracht, glaub's mir. Ja, ich hatte die ganze Woche schon so ein Gefühl.«
»Wie viel, hast du gesagt?«
»Zwanzigtausend, zum Teufel! Fünf pro Mann, ich muss noch die anderen anrufen. Wir sehen uns heute Abend bei Freddy's, das wird ein saustarkes Fest in Kapernaum!«
»Fünftausend …?«, fragte Waldemar Leverkuhn, aber Wauters hatte schon aufgelegt.
Er blieb noch eine Weile mit dem Hörer in der Hand stehen und spürte ein leichtes Schwindelgefühl. Fünftausend Gulden? Vorsichtig blinzelte er ein paar Mal, und als er wieder klar sah, fixierten seine Augen unfreiwillig das Hochzeitsfoto auf der Kommode. Das goldgerahmte. Bedächtig betrachtete er Marie-Louises rundes, milchfrisches Gesicht. Die Lachgrübchen und die Korkenzieherlocken. Ein leichter Wind im Haar. Das Funkeln in den Augen.
Das war damals, dachte er. Damals war sie noch schön. Neunzehnhundertachtundvierzig.
Schön wie ein Sahnestückchen! Er holte sein Taschentuch heraus und schnäuzte sich. Kratzte sich etwas gedankenverloren im Schritt. Heute sah das etwas anders aus … aber so war das mit den Frauenzimmern … frühe Blüte, Kinderkriegen, Stillen und dann die Schwere im Körper … machte sie störrisch, das Ganze. Das lag sozusagen in der Natur der Sache. Ganz anders sah das bei den Kerlen aus, ganz, ganz anders.
Seufzend ging er aus dem Schlafzimmer. Ließ seine Gedanken weiter fließen, obwohl er gar keine richtige Lust dazu hatte. In letzter Zeit passierte ihm das häufig … Die Kerle dagegen, klar, die hielten sich viel länger in Form, das war ja gerade der Unterschied … dieser verfluchte Unterschied. Was sich natürlich am Ende wieder ausglich, das schon … so im Herbst des Lebens wurde es eigentlich doch ziemlich ruhig mit den Trieben, das musste er zugeben. Bei Mann und Frau.
Was sollte man auch anderes erwarten? Zweiundsiebzig und neunundsechzig. Er hatte zwar von Leuten gehört, die mit so was noch viel länger weitermachten, aber was ihn betraf, so war es ein für alle Mal vorbei, damit musste er sich halt abfinden.
Das heißt, abgesehen von der einen oder anderen Zuckung, auf die er liebend gerne verzichtet hätte. Eine blasse Erinnerung an längst vergangene Tage, ein trauriges Souvenir.
So war es nun mal. Ein Zucken. Konnte er gern drauf verzichten, wie gesagt. Er ließ sich am Küchentisch nieder.
Fünftausend!
Hol's der Teufel!, versuchte er zu denken. Fünftausend Gulden! Aber es war schwer, dieses wirklich prickelnde Gefühl guter Laune zu kriegen. Was verflucht noch mal sollte er eigentlich mit dem Geld anfangen?
Ein Auto? Wohl kaum. Klar, es würde mit Sicherheit für ein annehmbares gebrauchtes reichen, und er hatte auch einen Führerschein, aber es war jetzt zehn Jahre her, seit er hinterm Steuer gesessen hatte, und eine unbändige Lust, sich in die weite Welt zu begeben, hatte er auch nicht.
Also auch keine Reise. Es stimmte schon, was Palinski immer sagte: Man hat das meiste gesehen und noch mehr.
Einen besseren Fernseher?
Dafür gab es keinen Grund. Sie hatten einen, der war erst ein paar Jahre alt, und außerdem benutzte er ihn eigentlich nur dazu, um davor einzuschlafen.
Er trank einen Schluck und starrte die Zeitung an, ohne sie zu lesen.
Einen neuen Anzug?
Zu seiner eigenen Beerdigung, oder wofür?
Nein, so auf die Schnelle gab es keine alten Wünsche, die ihm in den Sinn kamen und sich bemerkbar machten. Was wohl schon eine Menge darüber sagte, was für ein alter Knacker er geworden war. Konnte nicht mal sein Geld so mir nix, dir nix unter die Leute bringen. Schaffte es einfach nicht. Verdammte Scheiße!
Waldemar Leverkuhn schob die Zeitung zur Seite und goss sich eine neue Tasse Kaffee mit Genever ein.
Zumindest das konnte er sich genehmigen! Einen kleinen Nachschlag. Er lauschte eine Weile den Tauben, während er das Getränk in sich schlürfte. Vielleicht sollte er die Sache so angehen? Sich einfach etwas gönnen. Ein bisschen großzügiger bei Freddy's sein. Etwas teurere Weine. Eine Leckerei bei Keefer's oder Kraus.
Warum eigentlich nicht? Ein paar Jahre etwas besser leben.
Jetzt klingelte das Telefon schon wieder.
Palinski, natürlich.
»Das wird ein saustarkes Fest in Kapernaum!«
Sogar die gleichen Worte wie Wauters. Schon merkwürdig, dass er nicht mal in der Lage war, sich ein paar eigene Kraftausdrücke zuzulegen. Nach der Begrüßungsfloskel lachte er eine halbe Minute lang laut in den Hörer und beendete seinen Anruf damit, dass er etwas dahingehend schrie, wonach der Wein bei Freddy's fließen würde.
»… halb sieben! Weißes Hemd und neuen Schlips, du alter Schweinehund!«
Dann legte er auf. Waldemar Leverkuhn schaute wieder eine Weile seine frischvermählte Ehefrau an und ging dann zurück in die Küche. Trank den letzten Rest Kaffee und rülpste. Dann lachte er.
Endlich lachte er. Fünftausend waren immerhin fünftausend.

Bonger, Wauters, Leverkuhn und Palinski.
Sie waren schon ein hübsches Quartett, Bonger und Palinski kannten sich bereits seit Kindesbeinen. Seit ihrer Schulzeit auf der Magdeburgischen und den Kriegswintern in den Kellern von Zuiderslaan und Merdwick — in der Mitte ihres Lebens waren sie einige Jahrzehnte auseinander gedriftet, aber dann wieder aufeinander gestoßen. Wauters hatte sich ihnen später angeschlossen, ziemlich viel später. Einer dieser einsamen Herren bei Freddy's, dieser Wauters. Zugereist von Hamburg oder Frigge oder woher auch immer. Er war nie verheiratet gewesen (der Einzige im Quartett, der es geschafft hatte, wie er selbst meinte, auch wenn er inzwischen den Junggesellenstatus mit Bonger und Palinski teilte) — und dennoch war er der einsamste arme Teufel, den man sich nur denken konnte. Das pflegte Bonger zumindest im Vertrauen zu erwähnen, denn Bonger war derjenige, der ihn am längsten und am besten kannte und der ihn in den Kreis eingeführt hatte. Ein alter Spieler war er auch, der Wauters, zumindest wenn man den Gerüchten Glauben schenken wollte, die er mit gewissem Bedacht um sich zu verbreiten pflegte … obwohl sich das inzwischen nur noch auf Fußballtipps und Lose bezog. Die Rennpferde waren heutzutage sowieso nur noch gedopte Kamele, wie er resigniert behauptete, und die Jockeys gekauft. Und die Karten? … Ja, wenn man fast zwölfhundert mit einem As-Vierer verloren hat, dann muss man es auf seine alten Tage verflucht noch mal ruhiger angehen lassen.
Laut Benjamin Wauters.
Bonger, Wauters, Leverkuhn und Palinski.
Letzten Abend hatte Palinski ausgerechnet, dass sie zusammen zweihundertzweiundneunzig Jahre alt waren und dass sie, wenn sie noch zwei Jahre durchhielten, ihrem 300-Jahr-Jubiläum gerade rechtzeitig zur Jahrhundertwende ins Auge sehen konnten. Das war nun wahrlich nicht schlecht, oder?
Palinski hatte seine Hand auf Frau Gautiers' generös...

Auszug aus Münsters Fall von Hakan Nesser, Christel Hildebrandt. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1
Der letzte Tag in Waldemar Leverkuhns Leben hätte kaum besser anfangen können.
Nach dem nächtlichen Wind und dem Dauerregen fiel jetzt eine milde Herbstsonne durch das Küchenfenster herein. Auf dem Balkon, der zum Hinterhof ging, war das charakteristische weiche Gurren der liebeskranken Tauben zu hören und im Treppenhaus das ausklingende Echo der Schritte seiner Ehefrau, die sich auf dem Weg zum Markt befand. Das Neuwe Blatt lag ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch, und er hatte gerade seinen Morgenkaffee mit zwei Tropfen Genever gewürzt, als Wauters anrief.
»Wir haben gewonnen«, sagte Wauters.
»Gewonnen?«, fragte Leverkuhn.
»Ja, Mensch!«, sagte Wauters. »Sie haben es im Radio gesagt.«
»Im Radio?«
»Stell dir vor, zwanzigtausend! Es war die Fünf, und zwar keinen Tag zu früh!«
»Das Los?«
»Ja, natürlich das Los. Was hast du denn gedacht? Hab ich nicht gesagt, dass was in der Luft lag, als ich es gekauft hab? Hol's der Teufel! Sie hat es geradezu rausgesucht vor mir … als ob sie's gewusst hätte, Frau Milkerson im Kiosk. Zwei, fünf, fünf. Eins, sechs, fünf, fünf! Die Fünfer sind es, die haben's gebracht, glaub's mir. Ja, ich hatte die ganze Woche schon so ein Gefühl.«
»Wie viel, hast du gesagt?«
»Zwanzigtausend, zum Teufel! Fünf pro Mann, ich muss noch die anderen anrufen. Wir sehen uns heute Abend bei Freddy's, das wird ein saustarkes Fest in Kapernaum!«
»Fünftausend …?«, fragte Waldemar Leverkuhn, aber Wauters hatte schon aufgelegt.
Er blieb noch eine Weile mit dem Hörer in der Hand stehen und spürte ein leichtes Schwindelgefühl. Fünftausend Gulden? Vorsichtig blinzelte er ein paar Mal, und als er wieder klar sah, fixierten seine Augen unfreiwillig das Hochzeitsfoto auf der Kommode. Das goldgerahmte. Bedächtig betrachtete er Marie-Louises rundes, milchfrisches Gesicht. Die Lachgrübchen und die Korkenzieherlocken. Ein leichter Wind im Haar. Das Funkeln in den Augen.
Das war damals, dachte er. Damals war sie noch schön. Neunzehnhundertachtundvierzig.
Schön wie ein Sahnestückchen! Er holte sein Taschentuch heraus und schnäuzte sich. Kratzte sich etwas gedankenverloren im Schritt. Heute sah das etwas anders aus … aber so war das mit den Frauenzimmern … frühe Blüte, Kinderkriegen, Stillen und dann die Schwere im Körper … machte sie störrisch, das Ganze. Das lag sozusagen in der Natur der Sache. Ganz anders sah das bei den Kerlen aus, ganz, ganz anders.
Seufzend ging er aus dem Schlafzimmer. Ließ seine Gedanken weiter fließen, obwohl er gar keine richtige Lust dazu hatte. In letzter Zeit passierte ihm das häufig … Die Kerle dagegen, klar, die hielten sich viel länger in Form, das war ja gerade der Unterschied … dieser verfluchte Unterschied. Was sich natürlich am Ende wieder ausglich, das schon … so im Herbst des Lebens wurde es eigentlich doch ziemlich ruhig mit den Trieben, das musste er zugeben. Bei Mann und Frau.
Was sollte man auch anderes erwarten? Zweiundsiebzig und neunundsechzig. Er hatte zwar von Leuten gehört, die mit so was noch viel länger weitermachten, aber was ihn betraf, so war es ein für alle Mal vorbei, damit musste er sich halt abfinden.
Das heißt, abgesehen von der einen oder anderen Zuckung, auf die er liebend gerne verzichtet hätte. Eine blasse Erinnerung an längst vergangene Tage, ein trauriges Souvenir.
So war es nun mal. Ein Zucken. Konnte er gern drauf verzichten, wie gesagt. Er ließ sich am Küchentisch nieder.
Fünftausend!
Hol's der Teufel!, versuchte er zu denken. Fünftausend Gulden! Aber es war schwer, dieses wirklich prickelnde Gefühl guter Laune zu kriegen. Was verflucht noch mal sollte er eigentlich mit dem Geld anfangen?
Ein Auto? Wohl kaum. Klar, es würde mit Sicherheit für ein annehmbares gebrauchtes reichen, und er hatte auch einen Führerschein, aber es war jetzt zehn Jahre her, seit er hinterm Steuer gesessen hatte, und eine unbändige Lust, sich in die weite Welt zu begeben, hatte er auch nicht.
Also auch keine Reise. Es stimmte schon, was Palinski immer sagte: Man hat das meiste gesehen und noch mehr.
Einen besseren Fernseher?
Dafür gab es keinen Grund. Sie hatten einen, der war erst ein paar Jahre alt, und außerdem benutzte er ihn eigentlich nur dazu, um davor einzuschlafen.
Er trank einen Schluck und starrte die Zeitung an, ohne sie zu lesen.
Einen neuen Anzug?
Zu seiner eigenen Beerdigung, oder wofür?
Nein, so auf die Schnelle gab es keine alten Wünsche, die ihm in den Sinn kamen und sich bemerkbar machten. Was wohl schon eine Menge darüber sagte, was für ein alter Knacker er geworden war. Konnte nicht mal sein Geld so mir nix, dir nix unter die Leute bringen. Schaffte es einfach nicht. Verdammte Scheiße!
Waldemar Leverkuhn schob die Zeitung zur Seite und goss sich eine neue Tasse Kaffee mit Genever ein.
Zumindest das konnte er sich genehmigen! Einen kleinen Nachschlag. Er lauschte eine Weile den Tauben, während er das Getränk in sich schlürfte. Vielleicht sollte er die Sache so angehen? Sich einfach etwas gönnen. Ein bisschen großzügiger bei Freddy's sein. Etwas teurere Weine. Eine Leckerei bei Keefer's oder Kraus.
Warum eigentlich nicht? Ein paar Jahre etwas besser leben.
Jetzt klingelte das Telefon schon wieder.
Palinski, natürlich.
»Das wird ein saustarkes Fest in Kapernaum!«
Sogar die gleichen Worte wie Wauters. Schon merkwürdig, dass er nicht mal in der Lage war, sich ein paar eigene Kraftausdrücke zuzulegen. Nach der Begrüßungsfloskel lachte er eine halbe Minute lang laut in den Hörer und beendete seinen Anruf damit, dass er etwas dahingehend schrie, wonach der Wein bei Freddy's fließen würde.
»… halb sieben! Weißes Hemd und neuen Schlips, du alter Schweinehund!«
Dann legte er auf. Waldemar Leverkuhn schaute wieder eine Weile seine frischvermählte Ehefrau an und ging dann zurück in die Küche. Trank den letzten Rest Kaffee und rülpste. Dann lachte er.
Endlich lachte er. Fünftausend waren immerhin fünftausend.

Bonger, Wauters, Leverkuhn und Palinski.
Sie waren schon ein hübsches Quartett, Bonger und Palinski kannten sich bereits seit Kindesbeinen. Seit ihrer Schulzeit auf der Magdeburgischen und den Kriegswintern in den Kellern von Zuiderslaan und Merdwick — in der Mitte ihres Lebens waren sie einige Jahrzehnte auseinander gedriftet, aber dann wieder aufeinander gestoßen. Wauters hatte sich ihnen später angeschlossen, ziemlich viel später. Einer dieser einsamen Herren bei Freddy's, dieser Wauters. Zugereist von Hamburg oder Frigge oder woher auch immer. Er war nie verheiratet gewesen (der Einzige im Quartett, der es geschafft hatte, wie er selbst meinte, auch wenn er inzwischen den Junggesellenstatus mit Bonger und Palinski teilte) — und dennoch war er der einsamste arme Teufel, den man sich nur denken konnte. Das pflegte Bonger zumindest im Vertrauen zu erwähnen, denn Bonger war derjenige, der ihn am längsten und am besten kannte und der ihn in den Kreis eingeführt hatte. Ein alter Spieler war er auch, der Wauters, zumindest wenn man den Gerüchten Glauben schenken wollte, die er mit gewissem Bedacht um sich zu verbreiten pflegte … obwohl sich das inzwischen nur noch auf Fußballtipps und Lose bezog. Die Rennpferde waren heutzutage sowieso nur noch gedopte Kamele, wie er resigniert behauptete, und die Jockeys gekauft. Und die Karten? … Ja, wenn man fast zwölfhundert mit einem As-Vierer verloren hat, dann muss man es auf seine alten Tage verflucht noch mal ruhiger angehen lassen.
Laut Benjamin Wauters.
Bonger, Wauters, Leverkuhn und Palinski.
Letzten Abend hatte Palinski ausgerechnet, dass sie zusammen zweihundertzweiundneunzig Jahre alt waren und dass sie, wenn sie noch zwei Jahre durchhielten, ihrem 300-Jahr-Jubiläum gerade rechtzeitig zur Jahrhundertwende ins Auge sehen konnten. Das war nun wahrlich nicht schlecht, oder?
Palinski hatte seine Hand auf Frau Gautiers' generös geformten Hintern gelegt, während er es ihr erzählte, aber Frau Gautiers hatte nur geschnaubt und gemeint, sie für ihren Teil hätte eher auf vierhundert getippt.
Doch in Wirklichkeit wurde es weder mit der einen noch mit der anderen runden Zahl etwas, da dieser Samstag der letzte in Waldemar Leverkuhns Leben war. Wie schon gesagt.

Marie-Louise kam mit den Einkaufstüten zurück, gerade als er gehen wollte.
»Wohin willst du?«
»Raus.«
»Warum denn?«
»Mir 'nen Schlips kaufen.«
Ihr Gebiss klapperte zweimal, wie immer, wenn sie sich über etwas ärgerte. Tick, tock.
»Einen Schlips?«
»Ja.«
»Warum willst du dir einen Schlips kaufen? Du hast doch schon fünfzig Stück.«
»Ich bin sie alle leid.«
Sie schüttelte den Kopf und schob sich mit ihren Tüten an ihm vorbei. Ein Geruch nach Nieren stach ihm in die Nase.
»Du brauchst kein Essen zu machen.«
»Was? Was meinst du damit?«
»Ich esse auswärts.«
Sie stellte ihre Tüten auf den Tisch.
»Ich habe Nieren eingekauft.«
»Das habe ich schon gerochen.«
»Und warum willst du plötzlich auswärts essen? Ich dachte, wir wollten heute zeitig essen, ich will doch heute Abend zu Emmeline, und du willst doch sicher …«
»… zu Freddy's, ja. Aber ich esse außerhalb einen Bissen. Du kannst sie ja einfrieren, die Nieren.«
Sie betrachtete ihn argwöhnisch.
»Ist was passiert?«
Er knöpfte sich den Mantel zu.
»Nicht, dass ich wüsste. Was sollte denn passiert sein?«
»Hast du deine Medizin genommen?«
Er antwortete nicht.
»Bind deinen Schal um. Es geht ein Wind.«
Er zuckte die Achseln und ging.
Fünftausend, dachte er. Man könnte für ein paar Nächte im
Hotel wohnen.

Wauters und Palinski hatten auch neue Schlipse, nur Bonger nicht.
Bonger trug nie einen Schlips, er hatte sein ganzes Leben lang keinen besessen, aber zumindest hatte er ein einigermaßen sauberes Hemd an. Seine Frau war vor acht Jahren gestorben, und seitdem ließ er den Dingen ihren Lauf. Sowohl was die
Hemden betraf wie auch alles andere.
Wauters hatte einen Tisch im Restaurantbereich bestellt, und auf Palinskis Vorschlag hin begann man mit Champagner und Kaviarschnittchen, abgesehen von Bonger, der statt Kaviar Flusskrebsschwänze vorzog. Mit Sauternesoße.
»Was ist denn mit euch los, ihr alten Knacker?«, wunderte Frau Gautiers sich misstrauisch. »Habt ihr eure Prostata an die Forschung verkauft?«
Aber sie nahm eine Bestellung nach der anderen entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken, und als Palinski ihr wie immer auf den Hintern klopfte, schaffte sie es kaum, seine rheumatische Hand wegzuscheuchen.
»Prost, Brüder!«, rief Wauters in regelmäßigen Abständen aus.
»Jetzt wird saustark gefeiert im Kapernaum!«, erklärte Palinski noch häufiger.
Verdammt, was habe ich diese Idioten satt, dachte Leverkuhn.

Gegen elf Uhr hatte Wauters acht oder neun Mal erzählt, wie er das Los gekauft hatte. Palinski hatte ungefähr genauso oft »Oh, meiner Jugend schönste Sünde« gesungen, und jedes Mal nach eineinhalb Zeilen abgebrochen, da er sich nicht mehr an den Text erinnerte, und Bongers Gedärme waren durcheinander geraten. Waldemar Leverkuhn dagegen hatte das Gefühl, dass er vermutlich betrunkener war als seinerzeit auf dem Oktoberfest in München vor fünfzehn Jahren. Oder war es schon sechzehn Jahre her?
Wie auch immer, es war an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.
Wenn er nur seine Schuhe finden könnte. Die letzte halbe Stunde hatte er in Strümpfen dagesessen, was er verwundert festgestellt hatte, als er zum Pinkeln auf der Toilette war, aber wie sehr er auch mit den Füßen unter dem Tisch herumtastete, er konnte nichts finden.
Das war aber auch zu blöd. Er wusste, Bongers Gedärme hatten wieder gesprochen, und als Palinski erneut mit seinem Gesang einsetzte, wurde ihm klar, dass er die Sache unbedingt systematischer angehen musste.
Er hustete ablenkend und machte einen diskreten Tauchgang, bekam aber unglücklicherweise einen Zipfel der Tischdecke zu fassen, und daraufhin wurde alles so ein Durcheinander, dass er ganz einfach keine Lust mehr hatte, sein zufälliges Exil unter dem Tisch wieder zu verlassen. Irgendwelche Schuhe sah er nirgends.
»Haut ab!«, murmelte er drohend. »Verschwindet, fahrt zur Hölle und lasst mich in Ruhe!«
Er drehte sich auf den Rücken und zog die restliche Tischdecke und das Porzellan mit sich. Von den umgebenden Tischen war ein gemischter Chor aus Lachsalven und empörten Frauenstimmen zu vernehmen. Von Wauters und Palinski kamen gute Ratschläge und von Bonger ein weiterer Tritt.
Dann zeigten sich Frau Gautiers und Herr Van der Valk und Freddy himself, und zehn Minuten später stand Waldemar Leverkuhn draußen auf dem Fußsteig im Regen, in Mantel und Schuhen. Palinski und Wauters verschwanden in einem Taxi, und Bonger fragte im nächsten Atemzug, ob sie sich nicht auch eins teilen sollten.
Nur über meine Leiche, du verdammte Stinkbombe!, dachte Leverkuhn und anscheinend sagte er das auch, denn während einer bedrohlichen Sekunde schwebte Bongers Faust unter seiner Nase, aber dann verschwanden sowohl Faust als auch ihr Besitzer entlang der Langgraacht.
Leicht reizbar wie üblich, dachte Leverkuhn und begann langsam ungefähr in die gleiche Richtung zu gehen. Der Regen wurde stärker. Das war aber nichts, was ihn störte, ganz und gar nicht. Trotz seines Rausches ging es ihm ausgezeichnet, und er konnte fast hundertprozentig den Kurs halten. Erst als er auf die rutschige Auffahrt zur Wagnerbrücke abbog, kam er ins Stolpern und fiel hin. Zwei vorbeigehende Frauen, wahrscheinlich Huren unten aus Zwille, halfen ihm wieder auf die Beine und sorgten außerdem dafür, dass er in der Zuyderstraat etwas festeren Boden unter die Füße bekam.
Der Rest war ein Kinderspiel, und in dem Moment, als die Glocken der Keymerkirche Viertel vor zwölf schlugen, war er zu Hause.
Ganz im Gegensatz zu seiner Ehefrau. Waldemar Leverkuhn zog die Tür hinter sich zu, ohne sie abzuschließen, zog Schuhe, Mantel und Jacke im Flur aus und krabbelte ohne große Umstände ins Bett. Zwei Minuten später schlief er bereits. Auf dem Rücken und mit weit geöffnetem Mund, und als jemand etwas später in der Nacht sein rasselndes Schnarchen zum Verstummen brachte, indem er ihm achtundzwanzig Mal ein Fleischmesser in Rumpf und Hals stieß, war nicht auszumachen, ob er sich dieser Tatsache überhaupt bewusst geworden war.

2
Die Frau war grau wie das Licht der Morgendämmerung.
Mit hochgezogenen Schultern saß sie Kommissar Münster in ihrem abgetragenen Mantel gegenüber und blickte zu Boden. Sie machte keinerlei Anstalten, den Teebecher oder eines der Brote anzurühren, die Frau Katz hereingebracht hatte. Eine Aura müder Resignation umgab sie, und Münster überlegte, ob es nicht besser wäre, einen Arzt zu rufen und ihr eine Spritze geben zu lassen. Sie ins Bett zu bringen, damit sie sich ausruhte, statt hier zu sitzen und durch die Mangel gedreht zu werden. Krause hatte ja bereits ein vorläufiges Verhör zu Stande gebracht.
Aber wie Van Veeteren immer sagte: Die ersten Stunden sind die wichtigsten. Und die erste Viertelstunde ist genauso schwergewichtig wie die gesamte dritte Woche.
Falls sich die Geschichte so lange hinziehen würde. Man konnte ja nie wissen.
Er schaute auf die Uhr. Sechs Uhr fünfundvierzig. All right, dachte er. Eine Viertelstunde, höchstens.
»Ich muss Ihre Angaben noch einmal durchgehen«, sagte er. »Dann können Sie sich schlafen legen.«
Sie schüttelte leicht den Kopf.
»Ich brauche keinen Schlaf.«
Münster überflog hastig Krauses Aufzeichnungen.
»Sie sind also etwa gegen zwei Uhr nach Hause gekommen?«
»Ja, ungefähr fünf Minuten nach zwei. Es gab einen Stromausfall, und der Zug musste mehr als eine Stunde warten. Vor Voigtshuuis.«
»Wo sind Sie gewesen?«
»In Bossingen. Bei einer Freundin. Wir treffen uns immer samstags … nicht an jedem, aber ab und zu. Ich habe das schon erzählt.«
»Ich weiß«, sagte Münster. »Wann sind Sie von Bossingen losgefahren?«
»Mit dem Zwölfuhrzug. Der fährt um 23.59 Uhr ab und soll eigentlich Viertel vor eins hier sein. Aber diesmal ist es fast zwei geworden.«
»Und dann?«
»Dann bin ich nach Hause gegangen und habe ihn gefunden.«
Sie zuckte mit den Achseln und schwieg. Bis jetzt hatte sie den Blick noch kein einziges Mal gehoben. Einen kurzen Moment lang musste Münster an das überfahrene Katzenjunge denken, das er gefunden hatte, als er zehn oder elf Jahre alt war. Es hatte auf dem Asphalt in seinem eigenen Blut gelegen, als er mit dem Fahrrad vorbeigekommen war, und auch das Katzenjunge hatte seinen Blick nicht gehoben. Es hatte einfach nur dagelegen, in das hohe Gras am Wegrand gestarrt und darauf gewartet, dass es sterben würde.
Er überlegte, warum ausgerechnet dieses alte Bild an diesem düsteren Morgen aus seinem Gedächtnis auftauchte. Schließlich war es nicht Frau Leverkuhn, die im Sterben lag, es war ihr Mann, der gestorben war.
Ermordet. Zweiundsiebzig Jahre alt hatte er werden müssen, um seinen Mörder zu treffen, einen Mörder, dem es am sichersten erschienen war, das Messer zwischen zwanzig und dreißig Mal in ihn zu stoßen, damit er niemals wieder aus seinem Bett steigen würde.
Irgendwann zwischen halb eins und halb drei, wenn man dem vorläufigen Obduktionsbericht glauben durfte, der schon eine Weile vorlag, als Münster ins Polizeipräsidium kam.
Ein wenig übertrieben, zweifellos. Ein oder zwei Stiche hätten vermutlich genügt. Der Blutverlust war so groß gewesen, dass man hier wirklich einmal davon reden konnte, dass das Opfer in seinem eigenen Blut gebadet hatte. Es gab beträchtlich mehr davon im Bett und auf dem Boden als im Körper.
Er betrachtete Marie-Louise Leverkuhn und ließ einige Sekunden verstreichen.
»Sie haben sofort die Polizei angerufen?«
»Ja … nein, ich bin zuerst rausgegangen.«
»Rausgegangen? Aber warum um alles in der Welt?«
Wieder zuckte sie mit den Schultern.
»Ich weiß nicht. Ich muss eine Art Schock gehabt haben … ich glaube, ich wollte zum Entwick Plejn gehen.«
»Und warum zum Entwick Plejn?«
»Zum Polizeirevier. Ich wollte es dort melden … aber dann wurde mir klar, dass es wohl besser war, anzurufen. Schließlich war es schon spät und die haben dort sicher nur während der Geschäftszeiten offen. Oder?«
»Ich denke schon«, sagte Münster. »Um wie viel Uhr waren Sie zurück?«

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