Ich habe das Buch vor ca. 20 Jahren als Assitent an der Universität gelesen, und heute im Beruf bin ich im Alltag darüber erstaunt und enttäuscht, wie wenig sich systemisches Denken und das Wissen hierüber, wie es in diesem Buch von Watzlawick noch einmal zusammen gestellt ist, Allgemeingut geworden ist - auch nicht im Unterricht - es ist fast schon erschreckend.
Dieses Buch ist aufgrund seiner theoretischen Ausprägung (viele Analogien und Denkansätze aus der Mathematik) nicht für den Leser gedacht, der sich selbst therapieren möchte. Wenn jemand aber auf der Suche ist und nachdenken möchte, über unsere globalen Firmenkulturen, Konstruktionen von Staatsgemeinschaften, Massenmedien, etc. der wird hier sicher fündig werden.
Die letzten Kapitel sind für mich nämlich die interessantesten gewesen:
Wir alle leben heute in "konstruierten" Wirklichkeiten, seien es Staatsformen oder vorgeschriebene Geschäftsprozesse. Hier setzt Watzlawick an und durchleuchtet solche "Ideologien" und bringt sie durch logisch formulierte Aussagen allesamt zu Fall, weil sie an den falschen Sätzen logisch bewiesen und menschlich katastrophal scheitern müssen.
Was zeigt aber leider die heutige Realität? Je perfekter, konsequenter, ausnahmsloser und exklusiver diese konstruierten Regeln verfolgt werden, um so katastrophaler sind "für die Menschheit" die Folgen. Hier gelingt Watzlawick ein übergreifender Vergleich mit Beispielen der spanischen Inquisition, Diktaturen, Faschismus, Stalinismus und moderneren Formen im Kontext "Amerikanismus", "Putinismus". Ja - nach Paul sind die Russen und Amerikaner nicht weit weg voneinander.
Das letzte Kapitel ist dann ein Aufzeigen, welche "Gleichschaltung" die heutigen Massenmedien aller infiltrierten Menschen bewirken, und zwar nicht nur im Denken, sondern im FÜHLEN. Jeder Diktator hätte sich früher nach einer solchen Machtmaschine die Finger geleckt (-> Berlusconi???). Die heutige Gleichschaltung ist aber eine freiwillige Unterwerfung, eine Art globale Volkskrankheit geworden. Wer nicht "IN" denkt und fühlt, setzt sich - so warnt das vorige Kapitel - einem hohen Risiko aus. Hier endet leider das Buch.
Nun, wir wurden zum "mündigen Bürger" in den Schulen erzogen, zur Autonomie und Selbstständigkeit von den Psychologen der letzten Jahrzehnte angehalten. Trotz "freier" Marktwirtschft müssen wir z.B. Kleidung dann kaufen, wenn die Betriebswirte es für sich als profitär erachten und diktieren und nicht, wann wir es WOLLEN: Einen dicken Pullover für den Winter kann man nicht im Frühling bekommen, der dümmste Verkäufer wagt seinen Kunden für diesen Wunsch infrage zu stellen, nicht aber sich selbst oder das System, in dem er sich hervorragend angepasst hat.
In unseren Berufen müssen wir uns an eine Prozessvielfalt halten, wir werden danach beurteilt, die Dinge richtig zu tun, wobei andere beschlossen haben, was richtig ist. Es geht aber nicht darum, das RICHTIGE zu tun - siehe unbekümmerte Fortsetzung der Finanzkrise. In den Medien ist ganz selbstverständlich Sexualität ein Instrument des Kommerz und der Macht geworden, es geht nur noch wenig um Partnerschaft oder Fortplanzung.
Diese Entwicklung steht konträr zu den Gedanken seit der Aufklärung (z.B. der alte Fritz von Preußen ...), wo man angefangen hat, Anderssein zumindest zu DULDEN. Heute haben wir passend "Political Correctness". Aber ist dies wirklich die Weiterentwicklung der Duldung anderer Religionen? Nachdem wir (so Watzlawick im letzten Kapitel) Probleme haben, andere zu VERSTEHEN, die nicht so FÜHLEN wie wir, wie können wir dann echte Toleranz zu anderen Religionen LEBEN? Wie soll das gehen?
Oder geben wir uns nur noch tolerant aus Konformitätsdruck der Gesellschaft und haben innerlich resigniert und die Flucht in die Einsamkeit angetreten ... nach dem Motto, ich versteh' zwar nichts,
sag' aber auch nichts, dann kann ich auch nicht auffallen.
Leben wir überhaupt noch, oder sind wir meinungslose, angepasste Schauspieler in Masse geworden? Für die Wirtschaft, die Medien, Opfer der Mächte, die keiner mehr durchblickt und versteht.
Das sind meine Gedanken, die mir nach dem Lesen durch den Kopf gingen und immer wieder gehen. Ich gebe dem Buch inhaltlich 10 Sterne. Tatsächlich aber nur 4, weil der gute Paul Watzlawick es hätte in einer Form schreiben können, dass Manager, Betriebswirte, Ingenieure, Gelehrte, Medien-angepasste entmündigte Bürger, die alle IN sein möchten, auch mal nachdenken mögen, noch bevor sie beruflich abdanken. Und um die große menschliche Katastrophe zu verhindern, an die heute keiner glaubt, dass es sie künftig geben kann. Es ist eine Frage der Verantwortung, keine Schneeflocke fühlt sich in der Lawine verantwortlich.