Karl Immermann ist eine der interessantesten Schriftstellerpersönlichkeiten zwischen Romantk und Realismus, und es ist schade, daß neben seinem "komischen Heldengedicht" Tulifäntchen (ein Vetter des "Atta Troll") nur der Roman "Münchhausen" einigermaßen leicht erhältlich ist. DER Roman? Eigentlich handelt es sich um ZWEI raffiniert ineinander verschachtelte Romane, nach Vorbild des "Kater Murr" von E.T.A. Hoffmann. Da ist zum einen die surreale, exzessiv komische Geschichte vom Freiherr Münchhausen, der hier als kaum verkappter Bruder des aufschneiderischen, Englisch, Deutsch und Französisch durcheinanderwirbelnden zeitgenössischen Reiseschriftstellers Hermann von Pückler-Muskau durch die Erzählung schwirrt und allerhand Unfug anstellt. Und dann die schon fast rührend-süße Liebesgeschichte, die sich auf dem westfälischen "Oberhof" zuträgt - in einer zuweilen fast wie "finsteres Mittelalter" wirkenden düsteren Atmosphäre. In der Mischung der Extreme liegt der eigentliche Reiz dieses Romans. Auch ohne daß man die vielen Seitenhiebe auf literarische Zeitgenossen Immermanns verfolgt - von Pückler über den geistergläubigen schwäbischen Arzt-Schriftsteller Justinus Kerner ("Die Seherin von Prevorst") bis hin zu Platen -, kann man die Komik des Romans (eines der lustigsten der deutschen Literatur schlechthin) genießen; kennt man sich aber in der zeitgenössischen Literatur ein wenig aus, so wird die Lektüre zum lauthals lachenden Vergnügen ... Der Roman ist sicher Immermanns Meisterwerk, auch wenn die Erzählungen (Der Karneval und die Somnambüle, Papierfenster eines Eremiten) und der andere Roman (Die Epigonen, ein Roman in der Linie des Bildungsromans a la Wilhelm Meister, aber voll von Zeitkolorit und liebevollen Details) ebenfalls nicht zu verachten sind. "Münchhausen" ist farbig, humoristisch, empfindsam, eine kleine Welt für sich, und zwischen den zwei Buchdeckeln finden sich Situationen in allen Stimmungen von Trauer bis zu Übermut. Immermanns Karriere fand mit diesem Roman kurz vor seinem recht frühen Tod ihren Höhepunkt. Und am Schluß des Romans treffen sich die beiden Teilromane ... und alles wird gut?