Literarische Spaziergänge durch München -- Bernhard Setzweins Buch ist nicht das erste dieser Art, aber wegen der zugrunde liegenden Idee ist es doch etwas Besonderes: Setzwein verknüpft elf Spaziergänge durch einzelne Stadtviertel (incl. drei Ausflüge ins historisch bedeutsame Umland) mit einer Einführung in die Stadtgeschichte -- von den Ursprüngen bis zur Gegenwart.
Die Idee hat was: Man lernt nicht nur ein wenig die Stadt abseits des touristischen Programms kennen, sondern erfährt auch ein wenig über ihre Geschichte. Setzwein doziert aber nicht, sondern er plaudert, und vor allem die gelungensten Kapitel lesen sich so, als spaziere man mit einem gewitzten Kenner durch Residenzen, Parks, Prachtstraßen und Seitengassen. Die "große" Geschichte erfährt man nebenbei, durch Anekdoten und vor allem durch längere Zitate aus der Literatur der letzten 1200 Jahre, vom Freisinger Bischof Arbeo im 8. Jahrhundert bis zu Helmut Krausser und Andreas Neumeister.
Natürlich haben die Kapitel über Anfänge Münchens ihren ganz besonderen Charme: Wenn etwa im ersten Kapitel die Ursprünge Münchens an der Reihe sind und der zugehörige Spaziergang sich der Stadtmitte widmet, dann erfährt man u.a., welche Räuberpistolen damals Geschichte machten (man könnte nun böse anmerken, dass sich gewisse Bräuche bis heute in nur leicht verändertem Gewand erhalten haben). Aber beim Gang vom Marienplatz über die Residenz bis zum Hofgarten kommen auch moderne Autoren zu Wort, etwa Lion Feuchtwanger, der die Bevölkerung seiner Heimatstadt sehr genau beobachtet haben dürfte. Und auch der "Ausflug" nach Freising informiert nicht nur über Sehenswürdigkeiten im Dom, sondern eröffnet auch Einsichten, wie in früheren Zeiten Freising und München einander mit Haken und Ösen das Wasser abzugraben versuchten. Lokale Rivalitäten haben schließlich immer ihren Unterhaltungswert; man muss allerdings erst einmal die prägnantesten Anekdoten finden.
Der nonchalante Plauderton zieht sich durch sämtliche Kapitel bzw. Themen: Stadtmitte, Frauenkirche als Errungenschaft des Bürgerstolzes, Freising, Ludwigs I. "Isar-Athen", Prinzregentenzeit, Starnberger See (wo nicht nur Ludwig II. ertrunken ist), Schwabinger Bohème, die Revolution 1918 in München, Hitlers Aufstieg, Dachau (von der Künstlerkolonie zum KZ), Widerstand, Aufbau in der unmittelbaren Nachkriegszeit, Olympische Spiele und Bauspekulanten, Gegenwart. Erfreulich ist, dass Setzwein nicht in den üblichen Beweihräucherungs-Tonfall einfällt, sondern auch z.B. auf Münchens Bedeutung für den Nationalsozialismus ausführlich eingeht, und auch die Zerstörung alter Bausubstanz durch Spekulanten-Filz nennt er beim Namen (wenngleich hier der penetrant augenzwinkernde Ton fehl am Platz ist).
Setzwein verknüpft auch die Kapitel, die sich verstärkt der Geschichte widmen, mit signifikanten Orten -- und zwar nicht immer mit den erwarteten. Das Kapitel "Leben unterm Hakenkreuz", in dem auch Widerstand und Innere Emigration angesprochen werden, führt z.B. durch den Stadtteil Haidhausen, und nicht, wie erwartet, durch die Universität. Gebührend berücksichtigt wird die "Weiße Rose" aber dennoch in diesem Kapitel.
Wie gesagt kommen zahlreiche Autoren zu Wort, die viele Facetten der Stadt mit ausleuchten, und zwar nicht nur die üblichen Verdächtigen -- die freilich auch: Paul Heyse, Thomas Mann, Ludwig Thoma, Lena Christ, Fanny zu Reventlow, Karl Valentin, Oskar Maria Graf, Georg Michael Conrad, Stefan George, Oskar Panizza, Ricarda Huch... und viele, viele mehr.
Interessant sind aber auch die weniger Bekannten, die naturalistischen Erzählungen von Anna Croissant-Rust etwa, aber auch die "Tag- und Nachtbücher 1939-1945" Theodor Haeckers, die man durchaus mit Klemperers Aufzeichnungen vergleichen kann, und Gerhard Polts frühes geniales Ein-Mann-Hörspiel "Als wenn man ein Dachs wär in seinem Bau", in dem er mit bitterbösem Humor die Zerstörung des alten München thematisiert.
Einige Autoren bzw. Werke, die nicht nur wegen ihrer Darstellung der Münchner Bevölkerung unbedingt hätten erwähnt werden müssen, findet man allerdings noch nicht einmal im "weiterführenden Literaturverzeichnis": Annette Kolbs "Daphne Herbst" etwa, oder Sigi Sommers "Und keiner weint mir nach" -- vor allem Letzteres ein brillant erzähltes Denkmal für die Kleinen Leute, deren München nicht immer leuchtete. Auch findet man keinen Hinweis darauf, dass einige der einflussreichsten Frauenrechtlerinnen des beginnenden 20. Jahrhunderts in und um München lebten: Anita Augspurg, Helene Böhlau, Lida Gustava Heymann, Sophia Goudstikker... Diese schweren Versäumnisse sind kein Ruhmesblatt für den Autor.
Zudem bewegen sich nicht alle Kapitel auf gleich hohem Niveau; insbesondere das letzte, der Gegenwart gewidmete Kapitel wirkt etwas unausgegoren. Fast könnte man argwöhnen, es sei nur geschrieben worden, um einige Gegenwarts-Autoren noch im Buch unterzubringen. Hinzu kommt, dass Setzwein gelegentlich dem vermeintlich treffenden Klischee den Vorzug vor der Wahrheit gibt: Er fällt dann auf Klischees herein, die er ungeprüft kolportiert, und versieht so tatsächliche Banalitäten mit der Aura des Besonderen -- nur dumm, dass das Besondere hier historisch falsch ist (und ohnehin auf einem unvoreingenommenen Leser zweifelhaft wirken dürfte). Besonders leichtgläubig war er in bezug auf die Schwabinger Bohème; in diesem Kapitel scheut er nicht einmal vor den allerhanebüchensten Reventlow-Anekdoten zurück. Sicher, die Pointen lesen sich amüsant -- aber sie stimmen nunmal nicht.
Auch die ein oder andere Trivialität hätte Setzwein sich sparen sollen: "[Ort XY] ist nicht mehr, was es einmal war" -- wer hätte das gedacht!
Erwähnenswert scheint mir auch, dass die vielen längeren Zitate, die dem Buch seinen unverwechselbaren Charakter verleihen, für ungeübte Leser kaum vom laufenden Text zu unterscheiden sind: Ein Zitat ist nur daran erkennbar, dass es im Flattersatz steht. Das kann man zwar dem Autor nicht vorwerfen, wohl aber dem Verlag -- Prestel hat immerhin einen guten Ruf zu verlieren.
Trotz der Einwände empfiehlt sich dieses München-Buch für alle, die die Stadt ein wenig besser kennenlernen wollen -- ob nun auf Spaziergängen oder lesend auf dem Sofa; der angenehme Plauderton und die vielen Randnotizen zur "Großen" Geschichte sprechen für sich. Allerdings sollte man sich bereits ein klein wenig auskennen und zumindest einen groben Überblick über München und seine Geschichte haben.