"Möwenschwingen" ist der autobiographische Roman eines jungen Mannes auf der Suche nach sich selbst. Als kleiner Junge erfährt Jonathan, dass sein Vater kein Daddy mehr sein will. Angewiesen auf die Erklärungen der Mutter, die den Schmerz der Trennung des Vaters ein Leben lang mit sich herumträgt, gerät der junge Jonathan in einen Zwispalt der Gefühle. Die Loyalität zur Mutter auf der einen Seite steht der Sehnsucht nach dem Vater entgegen, der nur in der Fantasie als un(be)greifbare Figur existiert. Bach beschreibt diesen inneren Konflikt fesselnd und anschaulich. Sein Gefühl schwankt immer wieder zwischen totaler Ablehnung und Annäherung an einen Vater, den er erst als Teenager erstmals sieht und als junger Mann erst kennen lernt. Der Vater existiert einerseits als der berühmte Schriftsteller Richard Bach, aus dessen Schatten sich der Sohn befreien lernt, andererseits als der unnahbare Fremde, der beschlossen hat, in einer anderen Welt zu leben. Beide Perspektiven erweisen sich letztendlich als trügerisch. Die Annäherung an den jeweils anderen Menschen vollzieht sich vorsichtig und ist eine zarte Pflanze, in ständiger Gefahr, zertreten zu werden. Als sich der heranwachsende Jon nach und nach zuerst mit persönlichen Briefen und viel später schließlich mit den Büchern von Richard Bach auseinandersetzt, erfährt er nach und nach die wahren Gründe für dessen Handeln und Denken. Nach und nach erschließt sich aus dieser Perspektive auch der Geist, der der "Möwe Jonathan", dem klassischen Werk des Vaters über die Erfahrung der Freiheit, zu Grunde liegt. Die Geschwister Jonathans suchen jeweils einen eigenen Zugang zum fernen Vater. Bei allen verläuft diese Erfahrung auf jeweils eigene Art und findet ihre jeweils eigene Fortsetzung. Als Jonathans eng vertraute Schwester Beth bei einem Autounfall stirbt, bevor sie ihren Vater im Diesseits kennenlernen konnte, wird die Haltung Richards erneut in Frage gestellt. Das Buch erhebt trotz allem erlebten Schmerz keine Anklage, auch wenn sich am Ende eine Reihe von Fragen stellt, besonders im bezug auf das Verhalten der Mutter, das letztlich unverständlich bleibt. Sie ist in ihrer Verbitterung die eigentlich tragische Figur in der Geschichte. Aber "Möwenschwingen" ist ein zutiefst hoffnungsvolles Buch, das die Sicht nahelegt, dass in jedem Schicksal eine Chance liegt, die erkannt und gemeistert werden muss, um zu einer höheren Bewusstseinsebene aufsteigen zu können. Der sensibel geschilderte Perspektivenwechsel zwischen der Sicht und dem Gefühlen Jonathans in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter lassen auch das Verhalten der Eltern in einem jeweils anderen Licht erscheinen. Es gelingt Bach, seine Lebensgeschichte zu einer Aufarbeitung seiner eigenen Lebensgeschichte zusammenzuführen, die die jeweilige Leistung beider Eltern und seine Zuneigung zu ihnen auf ihre eigene Art würdigt. Das Resultat ist ein eigenständig denkender junger Erwachsener, der es gelernt hat, seinen Weg im Leben auf die ihm eigene Weise zu suchen. Auch wenn sich damit immer noch nicht alle Fragen der Welt von selbst beantworten. Das Buch ist eine intelligente Herausforderung für jeden Menschen, der bereit ist für die Auseinandersetzung mit dem großen Abenteuer des Lebens, für das in diesem Buch das Fliegenlernen als sinnfällige Metapher steht.