Liebe und Eifersucht, Kunst und Natur, Beschaulichkeit und Hektik - von diesen Gegensätzen erzählt Eugenio Fuentes in seinem Roman „Mörderwald". Und natürlich - wie der Titel schon verrät - von Mord. Vordergründig ein Krimi, ist dieses Buch mit seiner bildhaften Sprache und seiner wohldurchdachten Struktur mehr, als reine Spannungsliteratur.
Der Krimiplot ist einfach: Die junge Malerin Gloria wird an einem Herbstmorgen in dem südspanischen Nationalpark Paternóster, nahe der kleinen Ortschaft Breda, ermordet. Die junge Frau aus Madrid befand sich auf dem Weg zu den Höhlenzeichnungen, die verborgen im Wald auf einer Anhöhe liegen, als sie ihrem Mörder begegnete. Kurz nach der Tat, die in Breda für Aufsehen sorgt, beauftragt Glorias Verlobter, der Anwalt Marcos Anglada, den Privatdetektiv Ricardo Cupido mit der Aufklärung des Falls.
Anglada will noch vor der Polizei wissen, wer seine Freundin ermordet hat. In Cupido findet er den idealen Detektiv: Er ist ortskundig und mit den Geschichten und Gepflogenheiten der Landbevölkerung bestens vertraut. Cupido geht bei seinen Ermittlungen einen Handel mit der Polizei ein: Während er im privaten Umfeld der Toten und somit in Madrid ermitteln soll, sucht die Polizei in Breda.
Cupido, ein nachdenklicher Mann Mitte Dreißig, vermutet als Mordmotiv tatsächlich einen privaten oder familiären Hintergrund. Er befragt Freunde und Kollegen von Gloria. Durch Rückblenden und Erinnerungen entsteht nach und nach ein Bild der Toten: Sie war zu Lebzeiten eine wunderschöne Frau, stand mit ihrer lebenslustigen Art im Mittelpunkt, war als Künstlerin erfolgreich und hatte neben ihrem Verlobten eine ganze Reihe von Liebhabern. Darüber hinaus hört sich Cupido auch in Breda um, erfährt Details über Glorias Familie, die durch ihren Tod Anspruch auf ihr Erbe hat. Ebenso könnte ein alter Rechtsstreit, bei dem es um Gebietsansprüche im Naturreservat geht, mit dem Mord in Zusammenhang stehen.
Als eine zweite junge Frau im Wald ermordet wird, scheint Cupidos Theorie hinfällig zu sein. Ein Wahnsinniger - so die allgemeine Ansicht - geht dort um. Es verwundert den Detektiv daher nicht, dass Glorias Verlobter den Ermittlungsauftrag zurückzieht. Doch Cupido sucht auf eigene Faust weiter. Vor allem Glorias Tagebuch scheint dem Detektiv für die Lösung wichtig zu sein, nur ist es wie vom Erdboden verschwunden. Dann geschieht ein dritter Mord...
Faszinierend erzählt Fuentes in einer sachlich-kühlen, bildreichen Prosa eine Mordgeschichte, eingebettet in klaren, wunderschönen Beschreibungen der Landschaft und Menschen. Der Roman lebt von Gegensätzen: Die kluge, schöne Künstlerin, die sowohl die Vorzüge der hektischen Großstadt wie auch die Zurückgezogenheit und Stille des Landlebens genießen kann, steht neben den herben, einfachen Bewohnern Bredas. Brutale, intensive Mordszenen an Menschen und Tieren wechseln sich ab mit malerischen Landschaftsbeschreibungen.
Durch die unterschiedlichen Sichtweisen von Freunden, Familie und Bekannten legt Fuentes raffiniert schichtweise das Bild der ermordeten Gloria frei und erzielt so eine fesselnde Dichte und Spannung. Im Mittelpunkt bleibt aber sein lebenserfahrener Detektiv Cupido, der unaufdringlich und nachdenklich ermittelt. Seine Reflexionen über Kunst, Natur, Leben und Mord sind geistreich ohne dabei in einen überheblichen Ton abzurutschen.
Die vielfältigen Themen, die Fuentes anspricht, hat er in eine wohldurchdachte, ruhige Erzählstruktur gebracht. Ein kluger, anspruchsvoller Krimi, gespickt mit vielen archaischen Symbolen wie Blut, Sperma oder den bedrohlichen Wald. Ein lustvolles, prächtiges und rätselhaftes Gedankenspiel über das Leben und den Tod und gerade deswegen eine spannende Geschichte.