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Mörderisches Profil. Phänomen Serientäter
 
 
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Mörderisches Profil. Phänomen Serientäter [Gebundene Ausgabe]

Stephan Harbort
4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (33 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Hannibal Lecter treibt mal wieder sein Unwesen auf der Kinoleinwand. Nach Das Schweigen der Lämmer und Hannibal sorgt der wahnsinnige Serientäter in Roter Drache bereits zum dritten Mal für ausgiebige Gänsehaut-Attacken beim Publikum. Doch was die Wenigsten wissen: Man braucht nicht unbedingt ins Kino zu gehen, um dem Schrecken des Serienmordes zu begegnen. Denn die Realität sieht oft schlimm genug aus. Stephan Harbort, Kriminalhauptkommissar und anerkannter Serienmord-Experte, stellt in seinem Buch die neuesten Erkenntnisse über das Phänomen Serientäter vor.

Der Autor zeichnet akribisch die Taten, Motive und sozialen Hintergründe gefasster Massenmörder in Deutschland nach. Er zitiert aus Polizeiprotokollen, Presseberichten und Täter-Geständnissen. Die zum Teil nüchtern verfasste Auflistung grauenhafter Verbrechen ist nichts für schwache Nerven, und hin und wieder stockt einem ob der brutalen und skrupellosen Vorgehensweise der Mörder der Atem. Einige Beispiele hinterlassen beim Leser nichts als ungläubige Fassungslosigkeit: Fälle, bei denen Verdächtige trotz erdrückender Indizien einer Verurteilung entgehen, weil der entscheidende Beweis nicht gefunden werden konnte. Beunruhigend ist auch die Tatsache, dass 23 Mordserien in den letzten 50 Jahren bislang ungeklärt blieben. Außerdem wird vermutet, dass derzeit noch mindestens neun Serientäter unerkannt und unbehelligt unter uns weilen. Neben der reinen Fallschilderung befasst sich Harbort intensiv mit den speziellen Fahndungsmethoden für Serienmörder und setzt sich kritisch mit dem in Mode gekommenen Profiling und dessen Erfolgsaussichten auseinander.

Zeitweilig kommt man sich zwar vor wie in der Buchform von Aktenzeichen XY ... ungelöst -- allein Edi Zimmermanns nervtötende Stimme fehlt --, doch auch dieser kleine Schnitzer kann nicht verhindern, dass es sich um eine exzellent recherchierte, fakten- und aufschlussreiche Dokumentation handelt, die nahtlos dort ansetzt, wo Harborts viel beachtetes Buch Das Hannibal-Syndrom. Phänomen Serienmord aufhörte. Und was die Spannung angeht, kann so mancher Thriller-Roman schlicht nicht mithalten. Wer braucht da noch einen Hannibal Lecter? --Christoph Reudenbach

Kurzbeschreibung

Serientäter haben viele Gesichter: Sie sind polizeibekannte Kriminelle, aber auch bisher unbescholtene Bürger. Der renommierte Serienmordexperte und Berater von TV-Dokumentationen Stephan Harbort geht dem Phänomen Serienkiller auf den Grund und analysiert Vernehmungsprotokolle und Polizeiakten zahlreicher Mordfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Dabei verfolgt er den exakten Tathergang genauso wie den familiären und gesellschaftlichen Hintergrund der Täter. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Klappentext

»Wer dieses Sachbuch lesen will, braucht gute Nerven. Was da steht, ist wirklich passiert.«
RADIO BREMEN -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Stephan Harbort, Jahrgang 1964, ist Kriminalhauptkommissar und war von 1996 bis 2000 Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Düsseldorf. Mit seiner Entwicklung des empirischen Täterprofils von Serienkillern sorgte er europaweit für Aufsehen. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und Vorträge verfasst und ist Berater für TV-Dokumentationen und Krimiserien. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Auszug aus Mörderisches Profil von Stephan Harbort. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort

Stephan Harbort hat mit seinem ersten Buch Das Hannibal-Syndrom – Phänomen Serienmord einiges Aufsehen erregt und zahlreiche Diskussionen ausgelöst. Nun liegt sein zweites Buch zu diesem Thema vor. Eigentlich erstaunlich, denn das Phänomen des Serientäters ist nicht neu. Massenmörder gab es immer schon, überall auf der Welt. Keine Heilslehre und keine Gesellschaftsform vermochten solche Täter zu stoppen (wohl aber deren Taten zu verheimlichen). Die Täter stammten aus den unterschiedlichsten Schichten. Bei der Suche nach Jack the Ripper verdächtigte man im Laufe der Jahre sowohl ein Mitglied des Herrscherhauses als auch einen Arzt und einen asozialen Seemann.

Das Interesse an solchen verbrecherischen Erscheinungsformen ist ebenfalls nicht neu, aber es verstärkte sich deutlich zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Dies ist wahrscheinlich auf die verbesserten Informationsmöglichkeiten zurückzuführen. Etwa zu dieser Zeit erreichte der elektronische Kommunikationsverbund einen Stand, der alle Länder und Kontinente zu einem »Weltdorf« machte. In je einem Winkel der Erde erfuhren die Menschen rasch von Katastrophen und Verbrechen, oft sogar durch Bilder in die Rolle des unmittelbaren Beobachters versetzt.
Dadurch gewann oft ein nur lokales Ereignis eine überregionale Bedeutung. Der Vorrang und die Häufigkeit von Nachrichten über Serientäter schürte die allgemeine Verbrechensfurcht. Manche Bürger fühlten sich von Straftätern umzingelt. Das zwang die Ermittlungsbehörden zu vermehrten Anstrengungen, dem Verbrechen durch Vorbeugung zu begegnen. Vorbeugung erfordert Wissen über Ursachen und das Ausmaß des Geschehens. Schnell erwies sich, dass man über diese schlimmste Ausformung des Verbrechens wenig bis nichts wusste. Daher bemühte man sich die Größenordnung des Phänomens zu erkunden. Ergebnis: Im Zeitraum von 1977 (man beachte den Erfassungsbeginn!) bis April 1992 konnte das National Center oft the Analysis of Violent Crime rückblickend insgesamt 331 Serienmörder in den USA ausmachen.
In der Bundesrepublik gab es kein vergleichbares Lagebild. Beim Nachzählen in den (unvollständigen) Justizunterlagen der alten Bundesrepublik wiesen diese für den Zeitraum von 1945 bis 2000 insgesamt 68 Männer und 8 Frauen verurteilte Serienmörder aus. Sie mussten sich für 421 Morde verantworten. Außerdem standen zusätzlich 20 Männer als vermutliche Serienmörder vor Gericht, aber die Beweislage hatte deren Verurteilung nicht zugelassen. In der gleichen Zeit blieben 23 erkannte Mordserien ungeklärt. Gewiss gab es weitere Serien, die durch den miserablen polizeilichen Informationsaustausch unerkannt blieben.
Seit dieses Tatgeschehen unter Beobachtung steht, steigen im europäischen Raum die Zahlen über erkannte oder vermutete Serien. Ab Anfang 1995 bis Mitte des Jahres 2000 berichteten deutschsprachige Medien über 229 Serientäter, denen man 2836 vollendete oder versuchte Morde zurechnete. Das macht das gewachsene Interesse am Auftreten der Serientäter schon verständlicher.
Dennoch: Im Wust der allgemeinen Straftatenflut (in der Bundesrepublik über 6 Millionen jährlich) erscheinen diese Zahlen gewichtig, aber nicht bedrohlich. Eine unmittelbare Gefährdung für den Einzelnen signalisieren sie nicht. Aber die statistische Minimal-Gefahr wird von der sozial-psychologischen Wirkung weit übertroffen.
Immer verunsichert das Eintreten eines Serienmörders viele Mitbürger, schränkt sie in ihrem Verhalten ein, stört die Geborgenheit der engsten Umwelt und verleitet zu radikalen Forderungen an Politik und Polizei. Das macht die Beschäftigung mit den Serientätern so notwendig und rechtfertigt jeden Aufwand, unerkannte Serientäter als solche zu entlarven, sie aufzuspüren und dingfest zu machen.

Dazu leistet das neue Buch von Harbort einen wichtigen Beitrag. Seine offenkundige Kompetenz machten ihn zum gesuchten Interview-Partner und Berater von Fernseh-Dokumentationen. Zugleich erreichten ihn Einladungen, Vorträge bei Fachkonferenzen zu halten und an nationalen und internationalen Forschungsprojekten mitzuwirken.
Das berechtigte und verpflichtete ihn, seine Untersuchungen fortzusetzen. Er hat dazu Polizei- und Justizunterlagen ausgewertet, Verurteilte im Gefängnis besucht und Informationen mit Kollegen ausgetauscht. Die Ergebnisse haben im vorliegenden Buch ihren Niederschlag gefunden. Sie sind für den Fachmann und den »Normal-Bürger« gleichermaßen von hohem Interesse.

Der Leser findet authentische Aussagen über die Innenwelt der Täter, deren Motive und Antriebe. So vermittelt der Autor Einblicke in die sonst kaum einfühlbaren Denkweisen von Satanisten und mordenden Rechtsradikalen. In besonderer Weise beleuchtet er die Rolle und Bedeutung der Opfer. Im Kapitel 13 leistet er einen beachtenswerten Beitrag zu der Diskussion, ob der Gesetzgeber auch nachträglich Sicherungsverwahrung ermöglichen sollte, wenn der Verurteilte sich als nicht therapierbar erweisen sollte. In diesem Zusammenhang befasst sich Harbort auch mit der viel diskutierten Frage, ob eine lebenslange Strafe wirklich lebenslang dauern darf.
Aber er nimmt auch die oft als neue »Wunderwaffe der Kriminalistik« gelobte neue Ermittlungsmethode des »Profiling« kritisch unter die Lupe.
Seine Auffassungen zu diesem Bereich fasst er in den Feststellungen zusammen:

Die verlockende Vorstellung, Kriminalisten eine Checkliste in die Hand zu geben, bestimmte Merkmale herauszufiltern, hiermit einen Computer zu füttern, der schließlich das reale (oder ideale) Täterprofil ausspuckt, bleibt kriminalistische Science-Fiction.
Grundlage jeder kriminalistischen Arbeit bleibt die sorgfältige Tatsachenerhebung, die eine erfolgversprechende Fallanalyse ermöglicht
Die Fallanalytik ist immer Teamarbeit. Das (oft zitierte) Täterprofil« kann immer nur die Folge der Fallanalyse sein.

Kritik ist sicher erwünscht, aber Lob – auch für die sprachliche Darstellung – sicher ebenso begründet.

Köln, im Juni 2002
Hans-Werner Hamacher
Direktor a. D. des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen

1 Mitten unter uns

Frankfurt am Main. Feldbergstraße 21. Es war der 25. November 1947. Nach Mitternacht brannte im ersten Stock des Hauses noch Licht. Schwach fiel der Schein in die schwere Herbstnacht. Die Straße hatte ein eigentümliches Gesicht: Mittendurch war ein Zaun gezogen worden, der das amerikanische Wohnviertel abtrennte. Zu dieser Zeit erschien die Stadt wie ausgestorben, kaum jemand wagte sich auf die Straßen. Nachkriegszeit. Aufgewühlte, ungewisse, gefahrenträchtige Verhältnisse, beherrscht von einer Angst machenden Norm, dem Gesetz des nackten Überlebens. Deutschland war besiegt und zerschlagen, die Besatzungsmächte regierten die kümmerlichen Reste. Doch Autorität und Macht reichten kaum unter die Oberfläche des kärglichen Daseins, das Millionen von Menschen fristen mussten. Sie dachten nur daran, wie sie sich und ihre Familien satt bekommen sollten, wie sie für ihre primitivsten Bedürfnisse sorgen konnten. Für manche von ihnen schien es nur einen Ausweg zu geben: Diebstahl, Raub, Mord.
Häufig hatte im ersten Stock des Hauses zu vorgerückter Stunde noch Licht gebrannt. Dort wohnte Hans Grabowski, von Beruf Weinhändler. Es war nicht ungewöhnlich, wenn der 45-Jährige zu dieser Zeit noch Geschäfte machte. Es waren die üblichen Kungeleien der damaligen Zeit, Hans Grabowski war einer derjenigen, die die unsägliche Not auszunutzen wussten – als Schwarzhändler. Unzählige Transporte mit Wein und Spirituosen hatte er aus der französischen Zone nach Frankfurt geschmuggelt. Die Nachfrage war groß, das Geschäft blühte. In seiner Wohnung lagen teure Teppiche, und seine Ehefrau Klara, 43, konnte sich elegante Kleidung leisten.
Kurz vor 1.35 Uhr schellte jemand an der Haustür. Klara Grabowski wollte sich gerade schlafen legen, sie trug schon ein Nachthemd. Ihr Ehemann öffnete das Wohnzimmerfenster, spähte hinunter. Er hatte noch Besuch erwartet. Zwei Männer standen dort unten in der Dunkelheit. Er kannte sie. »Komm mal runter«, tönte es von unten hinauf. Ernst Grabowski nickte und ging nach unten, um zu öffnen. Sekunden später erschrak Klara Grabowski. Sie hatte etwas gehört. Einen Schrei? Ja, zweifellos; denn jetzt, das war deutlich zu hören, stöhnte jemand. Hans! durchfuhr es sie. Was war passiert? Drohte etwa Gefahr? Sie wollte ihrem Mann zu Hilfe eilen, lief in den Korridor der Wohnung. Weiter kam sie nicht, ein unbekannter Mann versperrte ihr den Weg, baute sich vor ihr auf. Sie sah noch den Totschläger in der Hand des Eindringlings, dann spürte sie einen dumpfen Schlag in der Schläfengegend und sank schreiend zu Boden.
Jetzt ging alles sehr schnell. Die Untermieter der Grabowskis, das Ehepaar Kuske, hatte den Lärm gehört. Ernst Kuske sprang aus dem Bett, wollte nachsehen, was passiert war. Während der 53-Jährige noch zur Tür lief, wurde diese unvermittelt aufgestoßen. Ein Fremder versuchte ihm auf den Kopf zu schlagen, Ernst Kuske duckte sich, konnte dem Hieb ausweichen. Es entwickelte sich ein heftiges Handgemenge, Martha Kuske, nun tapfer an der Seite ihres Mannes, prügelte kräftig mit. Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall. Allgemeine Verwirrung. Dann war klar: Ein zweiter Mann hatte die Wohnung betreten, auf das Ehepaar gefeuert. Der Schuss war jedoch fehlgegangen, die Kugel durch das Holz der Schlafzimmertür gesplittert. Ernst Kuske gelang es, in sein Zimmer zu flüchten, die Tür abzuschließen. Über den Balkon kletterte er hastig in die benachbarte Wohnung, alarmierte die Polizei: »Kommen Sie schnell! Überfall! Auf uns wurde geschossen! Feldbergstraße 21, erster Stock.«
Seine Frau hatte dieselbe Idee gehabt, sie war ins Wohnzimmer der Grabowskis gelaufen, wollte telefonieren. Plötzlich wurde der 29-Jährigen der Hörer aus der Hand gerissen. Einer der Männer drückte sie in einen Sessel und schoss ihr aus nächster Nähe in die Schläfe. Martha Kuske war sofort tot. Das Geschehen eskalierte. Mittlerweile hatte sich der schwer verletzte Hans Grabowski die Treppen hochgeschleppt, ängstigte sich um seine Frau: die Schüsse – er hatte sie gehört. Im Korridor der Wohnung fand die Bluttat dann ein grausames Ende: Klara und Hans Grabowski, zu ernsthafter Gegenwehr nicht mehr imstande, wurden durch Genickschüsse förmlich exekutiert. Die erbarmungslosen Mörder durchsuchten noch hektisch die Wohnung, erbeuteten 17 000 Reichsmark – bald kaum noch das Papier wert, auf dem sie gedruckt waren – und verschwanden unbehelligt in der Dunkelheit der Nacht.
Die unverzüglich eingerichtete Mordkommission war guter Hoffnung, die Täter alsbald dingfest zu machen. Denn es gab einen Augenzeugen: Ernst Kuske, der sich über den Balkon hatte retten können. Er beschrieb die Mörder detailliert. Erster Täter: »Schmales Gesicht, Menjou-Bärtchen, dunkles gewelltes Haar, links gescheitelt, dunkler Anzug und grüner Gabardinemantel, bewaffnet vermutlich mit einer Stahlrute.« Zweiter Täter: »Etwa 40 Jahre alt, 1,80 Meter groß, kräftig, ovales Gesicht, dünnes dunkelbraunes und gescheiteltes Haar, abgenutzte braune Lederjacke, tierischer Gesichtsausdruck.«
Die Ermittlungsrichtung war eindeutig. Die Täter waren mit größter Wahrscheinlichkeit im Dunstkreis des Schwarzmarkthandels zu suchen. Man ging davon aus, dass zwischen Hans Grabowski und den Mördern ein Deal vereinbart worden war. Gleichwohl hatten die Täter dieses Geschäft lediglich zum Schein eingefädelt. Darauf ließ die sofortige Gewaltanwendung gegen Hans Grabowski schließen. Zudem konnte die Tatwaffe identifiziert werden: Pistole »Langenhan«, Fabrikationszeichen »FL«, Kaliber 7,65 mm. Schnell stießen die Ermittler auf zwei Verdächtige: Burkhard Grams und Walter Appelt. Die Indizien: Sie waren vorbestraft. Schwarzmarkthändler, die Täterbeschreibungen »passten«. Dennoch: Fehlanzeige. Die beiden Männer konnten ein nicht zu erschütterndes Alibi nachweisen, die Tatwaffe blieb unauffindbar. Man musste sie gehen lassen. Einige Spuren führten ins Saarland, diverse Lieferanten und Geschäftspartner Ernst Grabowskis waren ins Visier der Ermittler geraten. Man stieß auf etwa tausend Personen, die als »potentiell tatverdächtig« einzustufen waren. Das Ergebnis der langwierigen Untersuchungen: null. Drei Jahre später, Anfang 1950, keimte wieder Hoffnung auf. Klaus Gramich, 45, Gewohnheitsverbrecher, hatte sich der Tat bezichtigt, sogar ein Geständnis abgelegt. Dies erwies sich jedoch nach eingehender Überprüfung als Hirngespinst. Und dann wurde es ruhig. Die »drei Morde nach Mitternacht« blieben ungesühnt.
Rückblende: Etwa anderthalb Monate nach den scheußlichen Morden in Frankfurt, genau am 13. Januar 1948, ereignete sich ein gleichartiges Kapitalverbrechen. Diesmal in Worms, im Haus Alzeyer Straße 42. Der Bäckermeister Günther Kozlik und seine Frau Gerda hatten sich gegen 22 Uhr zur Ruhe begeben. Ein kalter und stürmischer Wind peitschte gegen die Fensterscheiben. Anderthalb Stunden später wurde die 43-Jährige aus dem Schlaf gerissen. Sie meinte das Klirren einer Fensterscheibe gehört zu haben. Das Geräusch musste aus der Backstube gekommen sein, die ein Stockwerk tiefer lag. Besorgt rüttelte sie ihren Ehemann wach: »Günther, da ist jemand in der Backstube!« Der 50-Jährige lauschte noch etwas benommen, ob auch er etwas Verdächtiges feststellen konnte. Und tatsächlich: das Quietschen einer Tür im Erdgeschoss. Um sich letzte Gewissheit zu verschaffen, öffnete Günther Kozlik das Schlafzimmerfenster. Die Backstube war hell erleuchtet.
Während seine Frau in heller Aufregung telefonisch die Polizei alarmierte, stieg Günther Kozlik vorsichtig die Treppe ins Parterre hinab, wo sich die Backstube mit Nebenräumen befand. Entwarnung: niemand da. Er konnte lediglich feststellen, dass ein Fenster eingeschlagen worden war. Dann stieß er auf Lederhandschuhe. Die Eindringlinge hatten sie offenbar zurückgelassen. Erleichtert ging er davon aus, dass die Einbrecher sich aus dem Staub gemacht hatten. Als Günther Kozlik die Backstube wieder verlassen wollte, stockte ihm der Atem. Urplötzlich stand ein Mann vor ihm: maskiert, in der rechten Hand eine Pistole. Dann krachte ein Schuss. Der Bäckermeister sackte unterhalb des Rippenbogens getroffen zusammen. Er schleppte sich in Richtung Backofen. Doch der Fremde kannte kein Erbarmen. Von hinten trat er an sein Opfer heran, presste die Waffe ins Genick des Mannes und drückte ab.
Entsetzt stürmte Gerda Kozlik die Treppe hinunter. »Günther!«, schrie sie voller Panik. Als sie die Backstube betrat, wurde sie sofort von zwei vermummten Gestalten umringt, an den Armen festgehalten. »Ruhig sein!«, fauchte einer der beiden. Als die völlig verängstigte Frau ihren Mann blutend am Boden liegen sah, versuchte sie sich loszureißen. Vergeblich. Schützend hielt sie die Hände vor ihr Gesicht, schlug mit dem Kopf hin und her. Einer der Maskierten setzte seine Pistole am linken Ohr der Frau an – und feuerte. Ein zweiter Schuss traf sie in die Brust. Zwei weitere Projektile verletzten sie am Mittelfinger der rechten Hand sowie am Unterarm. Benommen sackte sie zu Boden.
Die Täter suchten überstürzt das Weite und entkamen mit knapper Not den inzwischen herbeigeeilten Beamten, denen sich ein schrecklicher Anblick bot. Auf einem Aschhügel vor dem Backofen fanden sie den sterbenden Bäckermeister in einer großen Blutlache. Günther Kozlik erlag seiner Verletzung auf dem Weg ins Krankenhaus. Seine Frau hockte apathisch und blutüberströmt auf dem obersten Treppenabsatz. In einer Ecke lag als stummer Zeuge teilnahmslos der Hund der Familie. Er musste von den Mördern durch einen Köder oder ein bewusstseinstrübendes Mittel ausgeschaltet worden sein. Die einzigen Spuren am Tatort: einige Hülsen Kaliber 7,65 mm und ein Paar Lederhandschuhe, vermutlich amerikanischer Herkunft.
Gerda Kozlik konnte den Ermittlern nicht viel weiterhelfen. Das Tatgeschehen hatte sich binnen weniger Minuten abgespielt, zudem waren die Mörder maskiert gewesen und hatten keine weiteren Hinweise hinterlassen. Die Suche nach Fingerspuren am Tatort blieb erfolglos. In der Folgezeit wurden Zeugen verhört, Alibis überprüft, jedem noch so abwegigen Hinweis nachgegangen. Ohne zählbaren Erfolg. Stattdessen blieben Fragen, auf die es keine plausible Antwort zu geben schien: Warum hatte der Hund nicht angeschlagen? Warum waren die Täter den umständlichen Weg über das Grundstück aus der Richtung Gewerbeschule gelaufen? Warum hatten die Täter ihre Opfer getötet beziehungsweise den Versuch unternommen, obwohl eine spätere Identifizierung durch die Vermummung nahezu ausgeschlossen erschien? Zudem: Was hatten die Mörder überhaupt gesucht? Wertgegenstände, Bargeld, Lebensmittel oder Brotmarken? Gerda Kozlik zeigte sich ratlos: »Wir hatten kein Vermögen.« Auch diese Gräueltat blieb mysteriös – und ungeklärt.
Erst 11 Jahre später erreichte die zuständigen Fachdienststellen in Frankfurt und Worms eine Eilmeldung des Bundeskriminalamts: »Bei einem am 25.11.1947 verübten Raubmord in Frankfurt/M. und einem Mord am 13.1.1948 in Worms wurde die gleiche – Tatwaffe Pistole ›Langenhan Fz.‹, ›FL‹, Kal. 7,65 mm – benutzt. Die Tatwaffe wurde bisher nicht ermittelt. Alle Pol.-Dienststellen, bei denen nach dem 13.1.1948 eine derartige Pistole sichergestellt wurde, werden um einen Kurzbericht und um Mitteilung über den Verbleib der Waffe gebeten.«
Nunmehr stand zweifelsfrei fest: Zwischen den Morden in Frankfurt und Worms musste ein Zusammenhang bestehen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatte man es mit denselben Tätern zu tun. Diese Annahme stützte auch die zumindest partiell gleichartige Tatbegehungsweise: Überfall zur Nachtzeit auf Privatpersonen in deren Wohnungen durch jeweils zwei Täter, sofortige Gewaltanwendung, Tötung der Opfer durch Kopf- beziehungsweise Genickschuss. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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