Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Möglichkeit einer Insel spielt in einer Welt, wie sie der Autor, Interviews gemäß, in zweitausend Jahren tatsächlich erwartet. Menschen sind beinahe ausgestorben und vagabundieren in versprengten Häuflein durch die zerstörten Großstädte. Längst sind sie ersetzt von durchnummerierten Klonen, die allenfalls noch durch die schriftlich fixierten Biografien des humanen Ausgangsmaterials mit ihren Gen-Gebern verbunden sind. So sieht sich auch Daniel, der Hauptheld des Buchs, mit den Kommentaren seiner unzähligen Doppelgänger konfrontiert: Immer wieder werden seine Ausführungen von den Echos der Neo-Menschen Daniel24 oder Daniel25 unterbrochen.
Daniel ist auf der Suche nach dem Glück -- der eigentlichen Möglichkeit einer Insel inmitten der genetischen Indifferenz der schönen neuen Welt. Er findet sie in Isabelle, die ein Magazin namens Lolita herausgibt -- und in diesem Titel liegt bereits die ganze Tragik festgeschrieben. Denn Isabelle kann nicht für immer Kindfrau bleiben, und Daniel muss weiter, zu Esther, 22 Jahre alt. Aber auch der mehrfach gespiegelte Held des Romans wird älter und fällt, hoch in den Vierzigern, inmitten einer Welt aus lauter Körperkult durchs Raster. Die Möglichkeit der Insel ist bloße Illusion.
Auch wenn im Buch alle Motive früherer Bücher Houellebecqs wiederkehren, so hat er sie in diesem doch am besten, großartigsten miteinander verknüpft. Die vormals überwiegende Lust am Untergang ist einer nüchternen Resignation gewichen -- auch der Autor, der seinem Daniel stark autobiographische Züge verliehen hat, ist älter geworden. Und er hat gelernt, noch etwas besser zu erzählen. --Isa Gerck
Kurzbeschreibung
Der Mensch ist verschwunden. Und mit ihm der Kult um Sex und Fun und ewige Jugend. Geblieben ist nichts als Ekel, Einsamkeit und Langeweile. Der Mensch ist für das Glück und dessen Voraussetzung, die bedingungslose Liebe, nicht geschaffen. Angesichts der unerträglich schmerzvollen Erfahrung des Alters nimmt der Mensch freiwillig Abschied von sich. Und nach der Klimakatastrophe bleiben vom Menschengeschlecht nur archaisch lebende Wilde zurück.
Nur der Neo-Mensch hat überlebt - geklont und unsterblich. Aber alle menschlichen Regungen wie Lachen und Weinen, Güte, Mitleid und Treue sind ihm zu unergründlichen Geheimnissen geworden. Daniel24 ist ein Neo-Mensch der vierundzwanzigsten Generation, der auf seinen genetischen Prototyp Daniel1 und dessen Lebensbericht zurückblickt. Dieser Daniel1 war ein Mensch unserer Gegenwart: Als Komiker auf der Bühne, in Film und Fernsehshows trat er als zynisch-scharfer Beobachter einer Gesellschaft auf, die längst alle Tabus gebrochen hatte. Aber sein Leben mit Isabelle, umgeben von Glamour und Geld, vermochte das Altern nicht aufzuheben. Der Bericht aus der Zeit seines Prototyps ermöglicht es Daniel24, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Zeiten, seiner, die in der Zukunft liegt, und unserer selbstzerstörerischen Gegenwartsgesellschaft zu begreifen. Für die war vor allem "der moralische Schmerz des Alterns" unerträglich geworden. Ist der Gesellschaftsentwurf dieses Neo-Menschen der alten Gattung wirklich überlegen?
Schließlich macht sich Marie23, angestoßen durch die Berichte von Marie1, auf den Weg, um auf einer Insel eine neue Gesellschaftsform zu suchen, wo sich jenseits von altem Menschsein und Neo-Menschsein die Individuen in Liebe, Fürsorge und Geborgenheit begegnen. Wohin führt ihre verheißungsvolle Suche?
Michel Houellebecqs mit Spannung erwarteter neuer Roman Die Möglichkeit einer Insel entwirft radikal unsere Zukunft: Drastisch konfrontiert er Menschheitsentwürfe. Michel Houllebecqs Prosa ist voll visionärer Kraft, eine Abrechnung mit unserer heutigen Gesellschaft, wie sie endgültiger kaum sein kann.
"Willkommen im ewigen Leben, meine Freunde."
Über den Autor
Auszug aus Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houellebecq. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Dieser Teil von Daniels Bericht ist für uns vermutlich ziemlich schwer verständlich. Die Videokassetten, auf die er sich bezieht, sind übertragen und seinem Lebensbericht als Anhang beigefügt worden. Ich habe diese Dokumente manchmal zu Rate gezogen. Da ich, genetisch gesehen, von Daniel1 abstamme, habe ich natürlich die gleichen Züge, das gleiche Gesicht; auch die Mimik (obwohl ich in einer nicht sozial geprägten Umgebung lebe, und meine Mimik daher natürlich begrenzter ist) ist im wesentlichen die gleiche; aber diese urplötzliche, von einem spezifischen Glucksen begleitete Verzerrung des Gesichtsausdrucks, die er Lachen nannte, kann ich nicht nachvollziehen; ich kann mir nicht einmal dessen Mechanismus vorstellen.
Die Aufzeichnungen meiner Vorgänger, von Daniel2 bis Daniel23, bezeugen im großen und ganzen das gleiche Unverständnis angesichts dieses Phänomens. Daniel2 und Daniel3 behaupten, daß sie noch imstande sind, unter Einfluß gewisser Getränke die Sache zu reproduzieren; aber für Daniel4 handelt es sich bereits um etwas Unzugängliches. Es gibt mehrere Untersuchungen über das Verschwinden des Lachens beim Neo-Menschen; alle stimmen darin überein, daß es sehr schnell erfolgt ist.
Eine ähnliche Entwicklung, auch wenn sie sich langsamer vollzog, hat man in bezug auf die Tränen beobachten können, ein weiteres Charakteristikum des Menschengeschlechts. Daniel9 bezeugt, daß er bei einer ganz bestimmten Gelegenheit geweint hat (beim Unfalltod seines Hundes Fox, der bei der Berührung des Elektrozauns einen tödlichen Schlag bekam); ab Daniel10 ist davon nicht mehr die Rede. Ebenso wie Daniel1 das Lachen zu Recht als symptomatisch für die menschliche Grausamkeit betrachtet, scheinen die Tränen bei dieser Spezies mit dem Mitleid verbunden zu sein. Man vergießt nie Tränen ausschließlich über sich selbst, hat ein anonymer Autor des Menschengeschlechts irgendwo geschrieben. Grausamkeit und Mitleid sind zwei Gefühle, die natürlich unter den Bedingungen absoluter Einsamkeit, unter denen sich unser Leben abspielt, kaum noch Sinn haben. Einige meiner Vorgänger wie etwa Daniel13 drücken in ihrem Kommentar eine seltsame Nostalgie über diesen doppelten Verlust aus; doch dann verschwindet auch diese Nostalgie und läßt nur eine Neugier zurück, die immer sporadischer wird; heute kann man sagen, daß sie, wie alle meine Kontakte in unserem Netz bezeugen, praktisch erloschen ist.
Daniel1,5
Isabelle arbeitete noch drei Monate, ehe ihre Kündigung wirksam wurde, und die letzte Nummer von Lolita, die unter ihrer Leitung entstand, erschien im Dezember. Bei dieser Gelegenheit wurde in den Büros der Zeitschrift eine kleine Abschiedsfete, genauer gesagt ein Cocktail, für sie veranstaltet. Die Atmosphäre war ein wenig gespannt, da sich alle Teilnehmer dieselbe Frage stellten, ohne daß jemand sie auszusprechen wagte: Wer würde sie als Chefredakteurin ersetzen? Lajoinie tauchte kurz auf, aß drei Blinis und ging nach einer Viertelstunde wieder, ohne einen Hinweis zu geben.
Wir fuhren am Tag vor Weihnachten nach Andalusien; dann folgten drei seltsame Monate, die wir in fast völliger Einsamkeit verbrachten. Unser neues Haus lag etwas südlich von San José in der Nähe der Playa de Monsul. Riesige Granitblöcke umgaben den Strand. Mein Agent hielt es für eine ausgezeichnete Idee, daß ich mich für eine Weile vom Showgeschäft zurückzog; er meinte, es sei gut, ein bißchen Abstand zu gewinnen, um die Neugier des Publikums zu reizen; ich wußte nicht recht, wie ich ihm beibringen sollte, daß ich die Absicht hatte auszusteigen.
Er war praktisch der einzige, der meine Telefonnummer hatte; ich kann nicht sagen, ich hätte in den Jahren meines beruflichen Erfolgs viele Freunde gewonnen; verloren dagegen hatte ich eine ganze Reihe. Es gibt kein besseres Mittel, sich die letzten Illusionen über die Menschheit nehmen zu lassen, als in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen; dann sieht man, wie sie ankommen, die scheinheiligen Geier. Aber damit sich einem die Augen öffnen können, ist es unerläßlich, dieses Geld auch wirklich zu verdienen: Die richtigen Reichen, die von Geburt an reich sind und nie etwas anderes gekannt haben, als im Reichtum zu leben, scheinen gegen diese Sache immun zu sein, so als hätten sie außer ihrem Reichtum auch einen gewissen unbewußten, nicht reflektierten Zynismus geerbt, der ihnen von vornherein zu verstehen gibt, daß fast alle Leute, denen sie begegnen, kein anderes Ziel verfolgen, als ihnen mit allen erdenklichen Mitteln Geld aus der Tasche zu ziehen; und daher sind sie sehr vorsichtig und verlieren in der Regel nichts von ihrem Kapital. Für Menschen, die in Armut aufgewachsen sind, ist die Situation viel gefährlicher; allerdings war ich selbst gerissen und zynisch genug, um mir die Sache klarzumachen, ich hatte es geschafft, den meisten Fallen aus dem Weg zu gehen; aber Freunde, nein, die hatte ich nicht mehr. Die Leute, mit denen ich in meiner Jugend zusammen war, waren fast alle Schauspieler, zukünftige Versager; aber ich glaube nicht, daß es mir in einem anderen Milieu anders ergangen wäre. Isabelle hatte auch keine Freunde und war vor allem in den letzten Jahren von Leuten umgeben, die davon träumten, ihren Job zu bekommen. Und daher hatten wir niemanden, den wir in unsere prächtige Villa einladen konnten; niemanden, mit dem wir ein Glas Rioja trinken und die Sterne betrachten konnten.
Was sollten wir also tun? Wir stellten uns diese Frage, während wir durch die Dünen liefen. Leben? Das war genau die Situation, in der die Leute, vom Gefühl ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit erdrückt, beschließen, Kinder zu zeugen; so setzt sich die Menschheit fort, wenn auch immer weniger. Isabelle war ziemlich hypochondrisch, und sie war gerade vierzig geworden; aber auf dem Gebiet der pränatalen Medizin waren große Fortschritte erzielt worden, und ich spürte nur zu gut, daß darin nicht das Problem lag: das Problem war ich. Ich war nicht nur von dem legitimen Ekel erfüllt, der jeden halbwegs normalen Mann beim Anblick eines Babys überkommt; und ich war nicht nur zutiefst davon überzeugt, daß ein Kind so etwas wie ein lüsterner Zwerg mit angeborener Grausamkeit war, der sogleich die schlimmsten Züge seiner Gattung zum Ausdruck bringt und von dem sich die Haustiere in weiser Vorsicht abwenden. Nein, hinzu kam noch ein tief in mir verankertes Entsetzen, ein wahres Entsetzen vor dem endlosen Leidensweg, den das Dasein der Menschen darstellt. Der Säugling ist das einzige Lebewesen, das seine Gegenwart unmittelbar nach der Geburt durch unablässige Schmerzensschreie zum Ausdruck bringt, und zwar weil er leidet, weil er auf unerträgliche Weise leidet. Vielleicht liegt es am Verlust des Haarkleids, der die Haut für Temperaturschwankungen so empfindlich macht, ohne daß dadurch der Schutz vor Parasiten gewährleistet ist; oder vielleicht ist eine anormale nervöse Empfindlichkeit daran schuld, ein Konstruktionsfehler sozusagen. Jeder unparteiische Beobachter kann nur bestätigen, daß der Mensch nicht glücklich sein kann, er absolut nicht für das Glück geschaffen ist und ihn daher kein anderes Los erwarten kann, als Unglück zu verbreiten, indem er das Dasein seiner Mitmenschen ebenso unerträglich macht wie sein eigenes seine ersten Opfer sind im allgemeinen die Eltern.
Mit diesen nicht gerade menschenfreundlichen Überzeugungen gerüstet, schrieb ich ein Drehbuch mit dem vorläufigen Titel Das Defizit der Kranken- und Sozialversicherung, das die wesentlichen Elemente des Problems aufgriff. In der ersten Viertelstunde des Films sah man nur, wie Babyschädel durch Schüsse aus einem großkalibrigen Revolver unentwegt explodierten ich hatte Aufnahmen in Zeitlupe und andere im Zeitraffer vorgesehen, also eine richtige Choreographie der Gehirnmasse im Stil von John Woo; anschließend ging es dann etwas ruhiger zu. Die Ermittlungen, die von einem Polizeiinspektor voller Humor, aber mit recht unkonventionellen Methoden durchgeführt wurden ich dachte an Jamel Debbouze für diese Rolle , kamen zu dem Schluß, daß ein straff organisiertes Netz von Kindermördern dahintersteckte, die sich von Thesen aus der Szene der Fundamentalökologisten anregen ließen. Die B.A.Z. (Bewegung zur Ausrottung der Zwerge) setzte sich für die Abschaffung der Menschheit ein, die das Gleichgewicht der Biosphäre unwiederbringlich zerstörte, und wollte sie durch eine Bärenart von überdurchschnittlicher Intelligenz ersetzt sehen parallel dazu waren Laborversuche unternommen worden, um die Intelligenz der Bären zu steigern und ihnen vor allem den Spracherwerb zu ermöglichen (ich dachte an Gérard Depardieu für die Rolle des dominanten Bärenmännchens).
Trotz dieser überzeugenden Besetzung und trotz meiner Berühmtheit wurde aus dem Vorhaben nichts; ein koreanischer Produzent zeigte sich interessiert, war aber nicht in der Lage, die Finanzierung sicherzustellen. Dieser ungewöhnliche Mißerfolg hätte den Moralisten wecken können, der in mir schlummerte (und zwar im allgemeinen durchaus friedlich): Der Grund für diesen Mißerfolg, für die Ablehnung des Projekts konnte nur darin liegen, daß es noch gewisse Tabus gab (in diesem Fall den Kindermord), die Sache war also noch nicht endgültig gescheitert. Dann ließ der Moralist wieder dem denkenden Subjekt den Vorrang: Wenn es ein Tabu gab, konnte das nur bedeuten, daß tatsächlich ein Problem bestand; im Laufe jener Jahre waren in Florida die ersten childfree zones eingeführt worden, luxuriöse Anwesen für Menschen um die Dreißig ohne Komplexe, die ungerührt zugaben, daß sie das Geschrei, das Sabbern, die Exkremente, kurz gesagt, die Beeinträchtigung der Lebensqualität, die Blagen im allgemeinen mit sich bringen, nicht mehr ertragen konnten. Kindern unter dreizehn war daher der Zugang zu diesen Anwesen ganz einfach untersagt; Kontakthöfe mit Fastfood-Restaurants waren dazu da, die Verbindung mit den Familienangehörigen aufrechtzuerhalten.
Damit war ein entscheidender Schritt getan: Seit mehreren Jahrzehnten wurde der Geburtenrückgang in der westlichen Welt (der sich jedoch nicht auf den Westen beschränkte das gleiche Phänomen ließ sich in allen Ländern, ganz gleich aus welchem Kulturbereich, beobachten, sobald ein gewisses Niveau wirtschaftlicher Entwicklung erreicht war) mit einer gewissen Heuchelei bedauert, deren Einhelligkeit sie leicht verdächtig machte. Zum erstenmal erklärten junge, wohlerzogene Leute von relativ hohem wirtschaftlichen und kulturellen Niveau öffentlich, daß sie keine Kinder haben wollten und nicht den Wunsch hatten, den Ärger und die Last, die mit dem Großziehen von Sprößlingen verbunden war, zu ertragen. Eine solch zwanglose Einstellung mußte einfach Schule machen.