Bücher des französischen Autors Michel Houellebecq sind dafür berüchtigt, dass sie provozieren, regelmäßig lösen die Romane heftige Anfeindungen aus. Zumeist werden ihm Hetze und Sexismus vorgeworfen, dieses Mal kommt noch die Verharmlosung von Sektentum und Klonen hinzu. Dabei wird meist übersehen, dass selbst die drastischste, vielleicht auch geschmacklose Szene nichts weiter als eine literarische Metapher ist, mit welchen Houellebecq seine Überzeugung zum Ausdruck bringt, dass die westliche Gesellschaft sich in einer Sackgasse befindet und auf die Katastrophe zusteuert.
Die Erde in etwa 2000 Jahren, Katastrophen haben sie völlig verändert, die menschliche Zivilisation ist untergegangen, jene, welche die Zerstörungen überlebt haben, sind auf die primitivste Kulturstufe zurückgefallen. Inmitten des Chaos existieren zivilisatorische Inseln, hermetisch von der Außenwelt abgeschottet leben die sogenannten Neo-Menschen, Klone, nach dem Tod werden sie durch ein identisches Exemplar ersetzt. Sie leben allein, halten nur Kontakt über ein vernetztes System, haben keine wirklichen Bedürfnisse und vor allem keine wirklichen Emotionen. Die Neo-Menschen kennen keine Ausscheidungen mehr, können per Photosynthese überleben, brauchen lediglich die Mineralien einer Salzlösung. Ihre einzige Aufgabe besteht darin, die Lebensaufzeichnungen ihrer Vorgänger zu studieren und ihnen eigene Aufzeichnungen hinzuzufügen.
Im Zentrum des Romans Daniel 1, dessen geklonter Nachfahre Daniel 24 seinen Lebensbericht liest. Daniel ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein erfolgreicher Komiker, dessen Sketche auf einer scharfen Beobachtung der Realität beruhen, seine Show „Am liebsten Gruppensex mit Palästinenserinnen“ wird ein Erfolg, er verdient Millionen. Allerdings sind seine Sketche und Kurzfilme nichts weiter als provozierende Karikaturen der Wirklichkeit, an die Möglichkeit, sich für Veränderungen zu engagieren, denkt Daniel in keinem Augenblick.
Sein Glück scheint vollkommen, als er mit der Zeitungsredakteurin Isabel eine ihm intellektuell ebenbürtige Frau kennen lernt. Isabel arbeitet verantwortlich beim Jugendmagazin „Lolita“, das nicht nur ganz jungen, sondern auch vielen erwachsenen Frauen den Jugendwahn suggeriert. Gerade letzteres zerstört die Beziehung der beiden. Isabel, Ende 30, fühlt sich alt und zeigt zunehmend weniger sexuelles Interesse und Daniel registriert nüchtern:
„Wenn die körperliche Liebe vorbei ist, ist alles vorbei; und dann verrinnen die Tage in gereizter trostloser Eintönigkeit. Und was die körperliche Liebe anging, machte ich mir keine Illusionen, Jugend, Schönheit, Kraft: Die Kriterien der körperlichen Liebe sind dieselben wie bei den Nazis. Mit einem Wort, ich steckte ganz schön in der Scheiße.“ (63)
Beide trennen sich, sind unglücklich. Dann flackern Daniels Lebensgeister noch einmal auf, als sich die 22jährige Schauspielerin Esther für ihn interessiert - eine Beziehung, in welcher der Sex im Mittelpunkt steht, bis Esther sich neuen Zielen und jüngeren Männern zuwendet. Daniel beginnt zu begreifen, dass er mit Ende 40 ganz einfach alt, nutzlos und letztlich von einer durch Lebensgenuss geprägten Gesellschaft ausgestoßen ist. Am Ende, kurz bevor er sich umbringt, versteht er, was er bei seiner Jagd nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse vergessen hat:
„Meine Abhängigkeit ist grenzenlos,
Ich kenne das Beben des Seins,
Das Zaudern zu verschwinden,
Die Sonne, die die Ränder auf dem Feldrain trifft
Und die Liebe, die alles so leicht macht,
Dir alles schenkt, und zwar sogleich;
Es gibt in der Mitte der Zeit
Die Möglichkeit einer Insel.“ (394)
Während seiner Beziehung zu Esther lernt Daniel eher zufällig die Elohimiten kennen, eine Sekte, die von einem außerirdischen Einfluss ausgeht und propagiert, dass man auf die Erlösung von außen warten müsse. Deshalb stellen die Elohimiten die Lebenslust und das Überdauern in den Mittelpunkt ihres Daseins, Werte wie Familie, Glauben oder politische Macht werden bedeutungslos, es gilt, einer kleinen Zahl Auserwählter das Überleben zu sichern, weshalb krampfhaft nach der Möglichkeit der Klonung von Menschen geforscht wird. Um die Zeit bis zum Erfolg zu überbrücken, werden DNA-Proben der Mitglieder gesammelt und konserviert. Es stellt sich übrigens heraus, dass die Gründer der Sekte dies im Drogenrausch als großen Scherz getan haben, doch schnell verselbstständigt sich die Sache, weil im Chaos einer untergehenden Welt, in der Glaube und Werte nicht mehr zählen, die Elohimiten den Nerv der Zeit treffen, denn sie bieten Hoffnung.
Houellebecq erspart dem Leser nichts, beschreibt seine Utopie bis zum bitteren Ende. Er lässt sogar den Klon Daniel 25 auf der Suche nach den von Daniel 1 beschriebenen Erfahrungen der Leidenschaft durch eine zerstörte Welt ziehen, in welcher die überlebenden Menschen auf ihr innerstes Wesen reduziert sind – gewalttätige, tierischen Hierarchien unterworfene, sich an Grausamkeiten ergötzende Tiere.
Die Welt taumelt am Abgrund, die Szenerie, welche Houellebecq beschreibt, ähnelt der Agonie des mächtigen Römischen Reiches, nur hatten die die Barbaren, welche die Geschichte weiterschrieben ...