Neue Zürcher Zeitung
Peter Bichsel in der Nachfolge Christi
rbl. Abermals ein schmales Büchlein von Peter Bichsel. Es ist noch dünner als sonst und enthält dennoch zwei Texte von einigem Gewicht. Zum einen eine Meditation über Mozarts Credo-Messe KV 257 sowie eine «Predigt für die andern. Eine Rede für Fernsehprediger». Beide Texte sind ein Plädoyer wider den Konsens im Fahrwasser «der einfachen, der einfältigen Götter» und ein melancholisch temperierter Aufruf zu Tapferkeit und Trotz. Doch beide Texte machen sich nichts vor im Hinblick auf ihre Wirksamkeit: Wie ein Basso continuo klingt im Hintergrund das Wissen um ihre Vergeblichkeit unentwegt mit. «Nicht das, was uns gelingt, prägt uns, sondern das, was misslingt . . . Ich bin Schriftsteller geworden, weil ich ein schlechter Fussballer bin.» Ein solches Misslingen freilich, so könnte man anfügen, möchte man sich gerne gefallen lassen.
Doch Bichsel kokettiert nicht. Der verhinderte Fussballer musste also «ein ganz anderer» werden, aus Trotz, um «trotzdem» am Leben teilzuhaben. Das heisse freilich auch, so Bichsel, «nicht ein gleicher werden zu müssen, nicht im Konsens (. . .) leben zu müssen». Das wiederum bedeutet, Bichsel sagt es zwar weder im einen noch im andern Text explizit, aber der Gedanke steht unübersehbar zwischen den Zeilen, ein Leben in der wie auch immer eigenwillig aufgefassten Nachfolge Christi: «Der Menschgewordene war ein Erfolgloser in dieser sichtbaren Welt.» Vielleicht wäre auch er gerne Fussballer gewesen, indessen ist «ein ganz anderer» aus ihm geworden. Diesen Trotz hört Bichsel auch aus Mozarts Credo-Messe heraus. Denn seinerseits setzt Mozart ganz eigene, «ganz andere» Akzente. Der Bibelleser, der über Mozart Meditierende, ein eigensinniger Bichsel kommt uns in diesen zwei Texten entgegen, die Bekenntnisschriften im umfassendsten Sinn des Wortes sind.
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Verhalten lobend geht Hans-Jörg Graf den beiden in diesem schmalen Band enthaltenen Texten des Schweizer Altmeisters nach. Bichsels Meditation zu Mozarts Credo-Messe KV 257 und Rede für Fernsehprediger sind für Graf Monolog und Zwiegespräch über verschiedene Ton- und Spielarten von Frömmigkeit, provozierend, wie es scheint, für gläubige und nicht-so-gläubige Musik- und Medienliebhaber gleichermaßen. Ausdrücklich benennt Graf das Problem, über Bichsel zu schreiben: am Ende gehe es dem Autor immer um "die Befreiung der Welt von der Begrifflichkeit", was wohl jeden Rezensenten bremsen würde. Grafs kurze Besprechung endet mit einem deutlichen Aufatmen: zwar mahne Bichsel zur Wachsamkeit, ließe einem aber auch die Wahl, mit unbequemen Antworten einfach zu leben.
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