Die Besonderheit dieses späten Hexenprozesses, der Anfang des 18. Jh. in Freising statt fand, ist nicht, daß Kinder und Jugendliche die Angeklagten waren, das kam wohl öfter vor, sondern daß die Prozessakten nach fast 300 Jahren noch komplett erhalten sind.
Anhand dieser Akten hat Rainer Beck akribisch den Prozessverlauf rekonstruiert. Dabei macht er es sich und dem Leser nicht leicht, die gängigen Erklärungsmuster (religiöser Fanatismus, Suggestivfragen in Kombination mit Folter) werden zwar nicht komplett infrage gestellt, als alleinige Ursache aber für zu schlicht befunden.
Auch die Tatsache, daß es sich bei den angeklagten Kindern vorwiegend um Waisen handelt, die sich mit Betteln durchschlagen und folglich nur auf das eigene fragile Netzwerk der "Bettelgesellschaft" verlassen können, das im Zweifel nicht sehr tragfähig gewesen sein dürfte, ist nur auf den ersten Blick typisch" für Hexenprozesse.
Rainer Beck gestattet sich viele Abschweifungen, die aber durchaus nötig sind, um dem Leser die aus heutiger Sicht völlig fremdartige Gedankenwelt der vormodernen Gesellschaft verständlich zu machen. Es handelt sich dabei um eine Welt, in der der Teufel oder das Böse nicht als abstraktes Prinzip begriffen wird, sondern als reale Person, die in wandelnder Gestalt jederzeit in jeder beliebigen Alltagssituation in Erscheinung treten kann. Man erzählt sich gerne Geschichten, und die vom Teufel waren schon immer die interessantesten von allen (man denke nur an beliebte Märchen!). So wird verständlich, warum die angeklagten Kinder während des Verhörs ungefragt von angeblichen Begegnungen mit dem Leibhaftigen plaudern und die Inquisitoren zuweilen harmlos-kindliche Phantasien mit dem Teufel in Verbindung bringen.
Mit fatalen Folgen:
Jede kindliche Spinnerei über einen phantastischen Hexensabbat, sogar jeder nächtliche Albtraum wird von den Untersuchungsrichtern analog zur eigenen Voreingenommenheit umgehend als "bewiesene Tatsache" registriert, jeder Widerruf der "Geständnisse" hingegen als verborgene Manipulation des Teufels interpretiert. So wird von den Inquisitoren problemlos sowohl das "Geständnis" als auch der Widerruf desselben in eine selbstreferentielle Realität integriert.
Dabei bringt das Buch den Leser dazu, die eigenen Gedanken ebenfalls zuweilen abschweifen zu lassen.
So fremd einem die Vorstellung sein mag, daß plötzlich der Leibhaftige ganz leibhaftig erscheint, während man vielleicht gerade fest stellt, daß der Akku des Handys leer ist oder im Café draußen nur Kännchen serviert werden - einiges kommt einem durchaus vertraut vor:
Erstens erzählen wir noch immer gerne Geschichten vom Teufel. Die heißen heute nur "Das Schweigen der Lämmer", "Se7en" oder - für die schlichteren Gemüter - "Ein Zombie hängt am Glockenseil".
Und Verschwörungstheorien funktionieren noch immer auf die gleiche Art und Weise wie vor 300 Jahren: Jedes passende Stichwort wird assoziativ der eigenen Wahrheit" einverleibt und nicht passende Details entweder ausgeblendet oder als Part einer sinistren Vertuschungskampagne imaginiert, die eigene Gewißheiten gerade dann bestätigt, wenn die Indizien objektiv dagegen sprechen.
Fazit: Das Buch strengt an. Aber es lohnt sich.