Es sind fast ein paar zu viele Themen, die sich Marian Keyes in ihrem neuen Roman "Märchenprinz" - ausnahmsweise trifft die Übersetzung des Titels ins Deutsche ungefähr den Kern des Romans - ausgesucht hat. Als da wären: Gewalt gegen Frauen, Alkoholismus, Depression, Liebeskummer, Eheprobleme, Crossdressing, investigativer Journalismus und anderes mehr. Wie schon in ihrem Roman "Neue Schuhe zum Dessert" (englisch The Other Side of the Story") schreibt sie aus der Sicht gleich mehrerer Hauptfiguren, die vollkommen unterschiedliche Blickwinkel haben - denen jedoch eines gemeinsam ist: Sie alle mussten unter dem charismatischen Politiker Paddy de Courcy leiden. Neben Lola, die eine lange Affäre mit ihm hatte, kommt auch seine Exfreundin Marnie zu Wort sowie deren selbstbewusste Schwester Grace, die bei ihren Recherchen für eine Zeitungsreportage auf Paddys dunkle Seiten stößt. Auch Paddys Zukünftige, Alicia, berichtet aus ihrem Leben.
Der Roman ist darüber lang geworden, sehr lang. Man könnte problemlos zweihundert Seiten herauskürzen und das Wesentliche wäre trotzdem noch enthalten. Was Keyes' Roman aber durchgehend sehr lesenswert macht, ist ihr Schreibstil. Die irische Autorin weiß einfach, was Frauen wollen. Vor allem Lolas fragmenthafter, flapsiger Stil ist zum Schreien komisch - sie beschreibt typischen Mädchenkram, in dem man sich auch als emanzipierte Frau problemlos wiederfindet. Man könnte ewig weiterlesen, wenn die glücklose Stilberaterin ins Exil geht, neue Leute trifft und über ihr Leben nachsinnt. Diese Abschnitte des Buches sind urkomisch, gehen ans Herz und sind grandios unterhaltsam; sie ähneln sehr stark Bridget Jones' "Diary".
Aber auch die anderen Charaktere des Buches wissen zu unterhalten, nur auf komplett andere Art und Weise. Die Reporterin Grace ist eigentlich eine typische Keyes-Figur - zielstrebig, etwas chaotisch, in einer mehr oder minder gelungenen Beziehung und in ihrem Medienjob erfolgreich und kreativ. Ihre Schwester Marnie ist das genaue Gegenteil - selbstzerstörerisch, selbstmitleidig, labil, alkoholkrank.
Was ein wenig ärgert, ist die Tatsache, wie verhältnismäßig glimpflich Paddy de Courcy am Ende davon kommt. Zwar gibt es eine Rache, aber diese hätte ruhig noch etwas heftiger ausfallen können - hat der Frauen schlagende de Courcy doch fast das Leben einer der Hauptfiguren auf dem Gewissen. Allerdings wären vier Racheengel wohl doch zu fern der Realität gewesen, wenn sie auch für die Leser(innen) durchaus befriedigend gewesen wären.
So ist Marian Keyes ein eindrucksvolles Plädoyer gegen Gewalt gegen Frauen gelungen, das auch aufzeigt, warum viele Frauen sich nicht aus solchen Beziehungen befreien, sondern still vor sich hin leiden, allerdings ohne dass Keyes dieses Verhalten entschuldigt. Sie zeigt einfach nur, warum es nicht in jeder Lebenssituation einfach ist, sich gegen Gewalt zu wehren. Wenn sogar eine starke Frau wie Grace der Gewalt zum Opfer fällt, dann wird klar, dass dies eigentlich jedem passieren kann - dass man aber nicht schuld daran ist.
Der Roman ist trotz des ernsten Themas unterhaltsam und leichtfüßig geschrieben und besitzt den typischen Keyes-Humor, der vor allem der goldigen Lola zu verdanken ist. Keyes selbst beschreibt ihren Stil als humorvollen "Post-Feminismus", was die Sache ganz gut auf den Punkt bringt. Etwas lang geraten, aber lesenswert!