Männer und das schwache Geschlecht? Wie geht das zusammen? Prof. Dr. Gerald Hüther erklärt als Neurobiologe ausgesprochen anschaulich mit vielen Wortspielen die Zusammenhänge zwischen genetischen, sozialen, kulturellen und hormonellen Faktoren, welche für die Entwicklung eines Mannes von Bedeutung sind. Hier ist die besondere Stärke des Buches zu sehen, dass hier nicht einseitig den genetischen oder den sozio-kulturellen Einflüssen das Hauptaugenmerk geschenkt wird, sondern der ganzheitliche Blick auf die "Mannwerdung" gelenkt wird. Mit witzig-spritzigen Vorbemerkungen für Frauen und Männer führt der Autor zunächst in das Thema ein, ehe er ausgehend von der Tier- und Pflanzenwelt die "Mannwerdung" bei Menschen näher erläutert. Dabei bedient sich Hüther eines "Logbuches", das er abschnittsweise mit markanten Merksätzen füllt, welche die beschriebenen Entwicklungen und Zusammenhänge noch einmal zusammenfassen.
Immer wieder zeigt er nachvollziehbar auf, wie das Zusammenwirken diverser Faktoren dafür verantwortlich ist, dass und wie ein Junge sich zum Mann entwickelt. Die Entfaltung der Anlagen sei abhängig "vom körperlichen und emotionalen Zustand der Mutter während der Schwangerschaft, von den Möglichkeiten, die basalen körperlichen und psychoemotionalen Bedürfnisse ihres Kindes nach der Geburt zu stillen, von den soziokulturellen Rahmenbedingungen, in die er in einer bestimmten Geminschaft zu einer bestimmten Zeit vorfindet." (S. 37) Leider bleibt Gerald Hüther hier eher in allgemeineren Erläuterungen und lässt an einigen Stellen konkrete Beispiele vermissen. Gelegentlich zeigt er aber konkrete statistische Faktoren auf, die das Männliche prägen, wie die durchschnittliche Größe von Männern gegenüber Frauen, die Lebenserwartung, Unfallhäufigkeit und vieles mehr. Hier wären Tabellen bzw. Graphiken noch sehr unterstützend bei der Lektüre gewesen. Zudem wäre es für "neurobiologische Laien" gut gewesen, einige Fachtermini im hinteren Teil des Buches in Form eines Glossars zu erläutern.
Immer wieder lässt Hüther durchblicken, wie sich das Gehirn auf Veränderungen einstellen kann und dass man nicht einseitig auf Festlegungen aus der frühen Kindheit beispielsweise sich versteifen sollte; vielmehr gehe es darum, die Bedeutung von Genen, Hormonen, körperlichen Konstitutionen und dem Zusammenspiel aus Kultur und engerem sozialen Umfeld zu erfassen. Dabei ist sich Gerald Hüther durchaus bewusst, dass "die männlichen Rollenbilder...so fluide geworden (sind)..sich so rasch (ändern), dass sie inzwischen weder für Eltern noch für deren Söhne als Orientierungshilfen auf der Suche nach einem Weg in die Welt der Erwachsenen eignen." (S. 79) Somit resümiert er, dass man diese jungen Menschen dabei in zwei konkreten Bedürfnissen unterstützen sollte; nämlich einerseits Sicherheit vermitteln und andererseits die Autonomie forcieren.
Im zweiten Teil des Buches geht es noch einmal konkret um die zwölf Stufen, die das "schwache Geschlecht" auf dem Weg zum Mannsein zu erklimmen hat. Dieser beginnt mit der Zeugung und führt geradewegs zum erwachsenen Mannsein. Hier brilliert Hüther durch klare, knappe, komprimierte Aussagen. Im Nachwort zeigt er auf, warum es weder Fußnoten, noch Quellen- oder Literaturhinweise in dem Buch gibt. Dieser Verzicht wird viele Leser/-innen freuen, verhilft es doch zu einem flüssigen, angenehmen Lesen.
Dieses Buch gehört in die Hand jedes pädagogisch verantwortlichen Menschen, der den Jungen wieder zu der Aufmerksamkeit verhilft, die nicht von Defiziten und Hyperaktivitäten geprägt ist. Eine spannende, aufschlußreiche Lektüre, die Frauen und Männer zu einer guten Auseinandersetzung führen kann. Hierbei steht dann nicht mehr die Frage im Vordergrund, wer das schwache oder starke Geschlecht ist, sondern wie die Kräfteverhältnisse der Geschlechter ausgewogen ihren Möglichkeiten entsprechend für ein gutes Zusammenleben und -wirken gelebt werden können.