Peter Döge ist dazu in der Lage, neue Standards hinsichtlich der Erforschung und Auswertung insbesondere häuslicher Gewalt zu setzen und eine Schlüsselposition in dieser 'Disziplin' zu besetzen. In vorliegendem Buch als Nachfolgewerk der Frauenhausstudie im Auftrag des Landes Thüringen (die ihrerseits Mehrfachopferzählungen, 'Drehtüreffekte' und mangelnde Beratungsprofessionalität offen legte) beweist er eine profunde Sachkenntnis sowie die zwingende Erforderlichkeit, dieses so traurige Thema objektiv zu hinterfragen. 9 Kapitel, 79 Einzelerhebungen aus einer großen Auswahl von Einzelbetrachtungen (Alter, Biografie, Anti-Feminismus und Homophobie, Religiosität) sowie eine Vielzahl wissenschaftlicher Quellen lassen diesen Schluss zu. Wenn man sich hineinliest, wird man schnell feststellen, dass selbst die akademische Darstellung häuslicher Gewalt im öffentlichen Raum in den seltensten Fällen objektiv ist. Professionen aus feministischen Forschungsnetzwerken befragten in zahlreichen Studien vergangener Jahre ausschließlich Frauen. Antworten wurden suggeriert, das Antwortverhalten beeinflusst. Vorgehensweisen, die auch Frauenhausbegründerin Erin Pizzey dazu bewogen haben dürften, sich aus dieser Einseitigkeit zu lösen.
Fakt ist jedoch: die Hauptursache häuslicher Gewalt sind immer zum Teil gravierende Unstimmigkeiten hinsichtlich Erziehungsfragen. 'Nur' 4% der Männer werden regelmäßig gegen die Partnerin gewalttätig, 96% also nicht. Fast die Hälfte der Befragten beiderlei Geschlechtes gaben eine Wechselseitigkeit der Gewalt zu. Täter sind in hohem Maß immer auch Opfer (traumatisiert aus der Vergangenheit oder Teil eines Gewaltprozesses): 85% der Männer, 82% der Frauen. 75% der Opfer schwerer Gewalt sind Männer. Und grundsätzlich gewaltaktiv ist auf beiden Seiten jeweils 'nur' ein Drittel.
Die Zusammenfassung als Anregung für eine offenere Sicht auf dieses Thema ist dann nur konsequent: Familie und Partnerschaft ist als System bzw. Gesamtprozess mit vielen sich wechselseitig ununterbrochen beeinflussenden Einzelwillen zu betrachten. Eine Herausnahme und Einzelschuldzuweisung wissenschaftlich unzulässig, weil sie Verkettung, Abhängigkeit und Rückkopplung zahlreicher Umstände ausblendet. Zudem darf nicht vernachlässigt werden, dass jede Profession mit einer gewissen Voraussicht und Befangenheit, will heißen thematischen Einseitigkeit mit Opfer- und Täterschaft arbeitet. Was wiederum in der wissenschaftlichen, sozialpolitischen und medialen Diskurshegemonie der letzten Jahrzehnte eine Hauptursache haben dürfte.